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Lübeck Der Tiefkühl-Zoo von Aal bis Zebra
Lokales Lübeck Der Tiefkühl-Zoo von Aal bis Zebra
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21:17 02.11.2017
Projektleiter Dr. Philipp Ciba aus der Fraunhofer-Abteilung „Zelltechnik für Prävention und Diagnostik“ zeigt ein leeres Probengefäß. Und er sagt: „Die Kapazität unserer Cryo-Brehm ist erst zu fünf Prozent ausgeschöpft. Da ist also noch sehr viel Platz für weitere Tierarten.“ Quelle: Fotos: Dpa (4), Wolfgang Maxwitat

Ein kleiner Schatz schlummert in dieser großen Halle, der sogenannten Biobank-Halle des Fraunhofer-Instituts im Mönkhofer Weg – bei Temperaturen, die einen gefrieren lassen. „In der Gasphase über dem flüssigen Stickstoff zwischen minus 196 Grad Celsius und minus 140 Grad Celsius lagern unsere Proben“, erklärt Diplombiologe Dr. Philipp Ciba und zeigt auf einen großen silbernen Behälter.

Vor zehn Jahren wurde Lübecks „Zellbank für Wildtiere“ besiegelt. Die Idee: Nach dem Prinzip einer Datenbank werden Stammzellen gestorbener Zoo- und Wildtiere im Fraunhofer-Institut tiefgekühlt und so für die Ewigkeit aufbewahrt. Ein Festakt soll heute im Rathaus daran erinnern.

Ausgerüstet mit beheizbaren Handschuhen sitzt er an einer Labor-Werkbank, die direkten Zugriff auf das Tiefkühlgefäß mit der wertvollen Fracht hat. Computergesteuert greift sich der Roboterarm gezielt ein Röhrchen mit Barcode heraus. „Jetzt kann man sich mit der Pipette ein bestimmtes Volumen Zellsuspension entnehmen und je nach Forschungsauftrag eine bestimmte Zellkultur anlegen“, erklärt der Wissenschaftler.

Und: Durch die direkte Verbindung von Werkbank und Probenbehälter blieben die vermehrungsfähigen Stammzellen permanent gekühlt, so dass die Probe nicht mehr wie früher nachteilig erwärmt werde, so der Forscher, der in der Abteilung „Zelltechnik für Prävention und Diagnostik“ arbeitet. Somit bliebe aber leider der spektakuläre Effekt mit dem entweichenden Stickstoff-Gas aus, wenn man den Behälter öffne, verrät er.

Rund 160000 Euro kostet das Hightech-Laborkonstrukt, das als Zwilling in der Fraunhofer-Halle steht. Aber schließlich geht es ja auch um ein „Museum der besonderen Art“ – allerdings eins, das man nicht öffentlichkeitswirksam inszenieren könne, wie Ciba anmerkt. Zehn Jahre ist es nun her, dass Institutsleiter Prof. Charli Kruse sowie die Tierparkchefs Dr. Stephan Hering-Hagenbeck aus Hamburg sowie Udo Nagel aus Rostock im Rathaus einen Kooperationsvertrag unterschrieben. Fortan sollen die Forscher in der Hansestadt informiert werden, wenn ein Zootier stirbt oder ein neues auf die Welt kommt, so das Ziel, um dann mit einer Zell- und Gewebespende zum Tiefkühlen versorgt zu werden.

„Inzwischen haben wir mehr als 6100 Probenröhrchen mit Tierzellmaterial einlagern können, von mehr als 200 Tierarten mit 500 einzelnen Zelllinien“, bilanziert Projektleiter Ciba. Vom Aal bis zum Zebra, fasst er zusammen; darunter seien 30 Arten, die bedroht oder stark bedroht, und 34 Arten, die gefährdet seien. Der offizielle Name der „Gen-Arche-Noah“ lautet „Deutsche Zellbank für Wildtiere, Alfred Brehm“ oder „Cryo- Brehm“ – „Kryo“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet Kälte.

Für Fraunhofer-Chef Kruse leistet die Zellbank „einen wertvollen Beitrag zum Erhalt der biologischen Vielfalt auf unserer Erde“ und steht im Einklang mit der Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen (UN), in der explizit die Einrichtung solcher Biobanken gefordert werde. Philipp Ciba weist auf einen weiteren wichtigen wissenschaftlichen Wert dieses Biomaterialien-Pools hin.

„So können wir zum Beispiel mit Hilfe dieser potenten Zellen ganz unterschiedliche Testsysteme entwickeln“, erläutert der Experte. Unter anderem sei es schon gelungen, mit Forellenzellen „schlagende Areale“ im Labormaßstab anzulegen, um die Wirksamkeit spezifischer Herz-Arzneien einer Vorprüfung zu unterziehen. „Auch universitäre Arbeitsgruppen haben für grundlagenwissenschaftliche Projekte zur Evolutionsforschung schon Zellen angefordert“, sagt Ciba. Insgesamt sei das wahre Potenzial des Zellschatzes noch überhaupt nicht abschätzbar.

Von Michael Hollinde

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