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Lübeck Der Wahrheit auf der Spur: Der neue Leiter der Staatsanwaltschaft
Lokales Lübeck Der Wahrheit auf der Spur: Der neue Leiter der Staatsanwaltschaft
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00:31 26.06.2016
Oberstaatsanwalt Ralf Peter Anders (51) Quelle: Olaf Malzahn

Vier Jahre lang war er Leiter der Abteilung für politische Strafsachen und ständiger Vertreter des Behördenleiters. Seinen Posten als Abteilungsleiter übernahm Oberstaatsanwalt Malte Sebelefsky. Seit zwei Monaten ist Anders nun leitender Oberstaatsanwalt – und so neu ist er gar nicht: „In dieser Behörde habe ich auch angefangen. Ich bin ein alter Lübecker, auch wenn ich 1965 in Kiel geboren bin“, sagt Anders. Nach zwei Jahren als Rechtsanwalt zog es ihn in den Staatsschutz. Aus Überzeugung, wie er sagt. „Ich sehe mich eher als Strafverfolger und nicht als Verteidiger“, so Anders. „Nach der Wahrheit zu suchen liegt mir mehr, als jemanden rauszuhauen.“

Auf die Lübecker Staatsanwaltschaft ist Anders stolz: „Es ist eine mittelgroße Behörde, aber zuständig für weit über 800 000 Bürger“, erklärt Anders, der lange Wirtschaftsanwalt war. Zum Zuständigkeitsbereich der Staatsanwaltschaft gehört nicht nur die Hansestadt, sondern auch der gesamte Südosten des Landes. Etwa 70000 Verfahren erledigt die Lübecker Staatsanwaltschaft pro Jahr.

In den letzten Jahren hat sie einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht. „Das Todesermittlungsverfahren im Fall Uwe Barschel und auch Escheburg rühmt uns“, erklärt Anders. Der Brandanschlag auf das dortige Flüchtlingsheim sei schnell aufgeklärt worden. Für Anders ist die Strafverfolgung rechtextremistischer Taten ein Schwerpunkt, den er schon als stellvertretender Leiter sah. „Lübeck und Mölln haben da eine unrühmliche Tradition und gewisse Delikte auf dem Konto, die von rechts ausgingen“, erklärt Anders.

Sein persönlicher Favorit ist etwas ganz anderes. „Mein Steckenpferd ist Wirtschaftsrecht, die sogenannten ,white collar crimes‘, die auf die weißen Kragen der Wirtschaftsbosse anspielen“, sagt Anders. Für den Bürger sei Wirtschaftskriminalität aber nicht besonders spannend. „Das brennt den Leuten nicht auf den Nägeln.“

Für den Bürger sei vor allem Einbruchskriminalität ein wichtiges Thema. „Das geht den Menschen nah, aber die Aufklärungsquote ist niedrig“, sagt Anders. Im Vergleich: Bei Mord gibt es eine Quote von 90 Prozent. „Die haben wir bei Einbruchsdelikten nicht.“ Selbst wenn man Einbruchspuren fände, meist seien die Diebe nicht in der Kartei und somit nicht zu finden. „Es sind teilweise Tätergruppen aus Hamburg, die eigentlich aus dem Ausland kommen – die haben wir einfach nicht in unserer Datenbank.“

In der Staatanwaltschaft hat Anders deshalb umstrukturiert. „Wir haben die Arbeitswege verkürzt, nun steigt die Aufklärungsquote“, berichtet Anders. Für die kleinteilige und mühsame Arbeit gibt es jetzt einen Sachbearbeiter, bei dem sämtliche Fäden zusammenlaufen, und eine Ansprechperson für die Polizei. „Ich hoffe, dass die Aufklärung so optimiert wird“, sagt Anders.

Für seine Zeit als Leiter der Staatsanwaltschaft hat er noch mehr in den Blick gefasst. Vermehrt komme es zu Angriffen auf Polizeibeamte. „Und auch auf Rettungskräfte, die ihren Job machen und versuchen, Leben zu retten und zu helfen. Angriffe müssen verfolgt werden“, erklärt Anders, der selbst einmal an einem Polizeitraining teilgenommen hat. „Es gibt uns Juristen, die mit den dicken Akten im Büro sitzen. Aber die Kollegen von der Polizei sind draußen – und das ist ein verdammt schwieriger Job.“

Einen Bereich der Staatsanwaltschaft will Anders in Zukunft schützen und fördern: Die Aufklärung von Betrugsfällen im Gesundheitswesen, im speziellen falsche Abrechnungen. „Landesweit holen wir Fälle nach Lübeck, weil wir das Know-how und klasse Dezernenten haben“, so Anders. Den Standort Lübeck möchte Anders stärken. „Das Wissen darf nicht verlorengehen, deshalb müssen wir es auch einsetzen“, sagt er.

Oberstaatsanwalt Anders leitet nun eine junge Behörde. „Viele der alten Oberstaatsanwälte sind mittlerweile im Ruhestand. Deshalb sind wir alle relativ jung“, so Anders. Für eine Behörde sei das schwierig. „Das Wissen geht – und man muss sich bemühen, es noch rechtzeitig zu vermitteln. Aber der Umbruch wird uns gelingen“, gibt sich Anders zuversichtlich. Auch sonst liegt ihm das Lehren am Herzen. Der habilitierte Oberstaatsanwalt unterrichtet Straf- und Strafprozessrecht an der Fakultät für Rechtswissenschaft der Universität Hamburg. „Das ist ein anstrengendes Hobby, aber die Studenten und ihre Auffassungen von Recht zu hören ist einfach spannend und ein schöner Ausgleich“, findet Anders.

Der Plan für die nächsten Jahre steht: „Ich habe eine funktionierende Behörde übernommen und werde sie aufrechterhalten“, sagt Anders. Und was macht er anders? „Ich bin absolut IT-affin, intern wird es sicherlich moderner.“

 Tomma Petersen

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