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20:14 06.08.2016
Heimreise mit unvergesslichen Erlebnissen: Emmi (v.l.), Cris, Fridolin und Nils Dümcke im Garten am Pfeifengrasweg in Eichholz. Lübeck ist jetzt wieder ihr Lebensmittelpunkt. Die Kinder gehen ab September wieder in die Schule. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

„Von Zuhause nach Zuhause“, so könnte man das Abenteuer beschreiben, das Nils Dümcke (51) gemeinsam mit seiner Frau Cris (47) und den Kindern Emmi (12) und Fridolin (8) wagten. Viereinhalb Jahre lang lebte die Familie in der kleinen kanadischen Studentenstadt Guelph in der Nähe von Toronto, wurde dort heimisch, kaufte sich ein Haus in viktorianischem Stil mit Blick auf einen Wasserfall und einer Quelle im Garten. Jetzt sind sie wieder in Lübeck, „weil wir zurück wollten“. Die Heimreise dauerte sieben Monate – sie sollte so lange dauern; wegen der Rückbesinnung. Cris Dümcke nennt die Reise eine „Zeit des Überganges“. Deshalb schwang sich die Familie auf die Fahrräder.

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Mit Schiff, Zug und vor allem Fahrrad: Vierköpfige Familie reist sieben Monate von Kanada zurück nach Lübeck.

Nur allein mit dem Rad kommt man schwerlich von Toronto nach Lübeck, es sei denn, man wählt den Weg über Alaska und Russland. Dann hat man nur die Beringsee als Wassergrenze. Die Familie wählte einen anderen Weg. Die Dümckes packten am 4. Februar ihre Räder aufs Auto, fuhren nach Florida, verschenkten dort den Pkw und lebten von Stund an nur noch unter freiem Himmel. Sie fuhren mit dem Schiff zu den Bahamas, radelten auf Kuba zwei Monate lang 600 Kilometer herunter, gingen wieder an Bord mit den Zielen Jamaika, Kaimanninseln und Antigua. Auf Antigua landete einst auch Columbus. Die Lübecker fuhren seine Route rückwärts, segelten gemeinsam mit anderen zu den Azoren und stiegen dort ins Flugzeug nach Lissabon.

Und dann wurde wieder geradelt, was das Zeug hält, den Tejo flussaufwärts bis an die spanische Grenze. Von dort aus ging es mit dem Zug durch die Pyrenäen zur französischen Stadt Hendye und anschließend mit dem Rad 400 Kilometer die Atlantikküste hinauf bis nach Royan, wo ein Kleinbus gemietet wurde, der die vier Weltenbummler nach Lille brachte. Belgien und Holland wurden wieder mit dem Rad bewältigt, in Deutschland erholten sich die vier auf der Strecke von Kaldenkirchen nach Osnabrück im Zug. Und auf der Schlussetappe nach Lübeck wurde wieder in die Pedale getreten – 50 Kilometer pro Tag. Die Reise hat die Familie noch mehr zusammengeschweißt und geprägt. Chris Dümcke schwärmt davon „immer draußen zu sein und mit ’nix’ auszukommen“, ihr Mann Nils spricht von einer „Bedürfnislosigkeit, die glücklich macht“.

Emmi und Fridolin, die in Kanada auf die Waldorfschule gingen und vor dem großen Abenteuer an der Lübecker Waldorfschule angemeldet wurden, durften ganz offiziell die Schule schwänzen: weil Lebenserfahrung schlau macht.

„Sie sind durch diese Reise viel erwachsener geworden“, sagen die Eltern – und größer auch. Die Sattelstütze von Fridolins Fahrrad wurde im Verlauf der Tour um gut zehn Zentimeter herausgedreht. Und die Welt ist offenbar friedlicher, als das aktuelle Zeitgeschehen vermuten lässt. Die Familie begegnete auf ihrer siebenmonatigen abenteueerlichen Heimreise einem berührenden Phänomen: „Wir trafen nur auf hilfsbereite Menschen. Die haben uns von der Straße aufgelesen, wenn wir erschöpft waren – wie Engel.“

Fortgehen, ankommen. Abschiednehmen, begrüßt werden. Neue Welt, alte Welt. Wie verkraftet man das? „Wir haben uns wohl gefühlt in Kanada. Die Menschen dort haben eine wunderbare Offenheit,“ erzählt Nils Dümcke. Und seine Frau erzählt von der Begegnung mit den Ureinwohnern, deren Spiritualität und Lebensphilosophie sie in den Bann gezogen habe. Dieses überlieferte Wissen und diese Kultur dürfe nicht verloren gehen. Ihr Mann greift dies auf und spricht von der ureigenen Kultur, die der Grund zur Rückkehr gewesen sei: „Die Verantwortung für die eigene Kultur kannst du nur zu Hause tragen.“

Cris Dümcke nennt die Heimkehr „einen Weg, den man zurückgeht, um vorwärts zu kommen“. Man habe dabei auch an die Zukunft der Kinder gedacht. Denn Schulausbildung und Studium seien in Kanada extrem teuer.

Nils Dümcke, der in Kanada als Projektmanager Erneuerbare Energien erfolgreich eine Niederlassung für das schleswig-holsteinische Unternehmen GP Joule aufbaute (Tochterfirma ist H-Tec Systems aus Lübeck), blickt derzeit nicht in die Ferne. Er möchte nach dem Ende seines unbezahlten Urlaubs in Schleswig-Holstein arbeiten. Und Cris Dümcke träumt davon, wieder als Heilpraktikerin Menschen zu helfen. „Ich würde in Lübeck gerne in eine Gemeinschaftspraxis einsteigen“, sagt sie. Wer sich mit ihr in Verbindung setzen will, erreicht sie unter Telefon 0451/680 80 oder per Email:

crisseibert@gmx.de.

Und wie fühlen sich die Kinder? Emmi: „Es war schwer, Kanada zu verlassen, ich habe dort sehr viele Freunde. Aber in Lübeck habe ich meine Verwandtschaft.“ Fridolin: „Ich habe das Gefühl, dass ich schon immer in Lübeck war.“ Und dann sagt Emmi, die während der langen Heimreise gemeinsam mit ihrem Bruder von den Eltern in Deutsch und Mathe unterrichtet wurde, warum sie sich so sehr auf die Schule freut: „Schule mit den Eltern ist sowas von schrecklich.“

Torsten Teichmann

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