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Lübeck Die Angst vor dem Leben draußen
Lokales Lübeck Die Angst vor dem Leben draußen
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22:21 10.08.2016
Sozialpädagoge Heiko Emmerinck (l.) und Gefängnispastor Friedrich Kleine im Gespräch mit älteren Gefangenen der JVA Lübeck.
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St. Gertrud

Sobald man das Gefängnis betritt, scheint alles still zu stehen. Die Luft bildet eine muffige Wand, die vergitterten Fenster beschränken die Sicht; der Tagesablauf bei Gefangenen ohne Job wird getaktet von aufstehen, essen, warten, essen, eine Stunde Hofgang, warten, essen, warten, schlafen. Dazwischen fernsehen, lesen, Musik hören. Wie überall in Deutschland sind auch viele der 400 Gefangenen der Lübecker Justizvollzugsanstalt bis zu 23 Stunden täglich in ihrer Zelle eingesperrt.

28 der 400 männlichen Gefangenen der JVA sind über 60 Jahre alt. „Den älteren Gefangenen ist viel stärker bewusst, dass ihr Leben begrenzt ist“, sagt Gefängnisseelsorger Friedrich Kleine: „Viele machen sich Sorgen, ob sie nach dem Verbüßen einer langjährigen Haftstrafe noch in der Lage sind, in ein normales Leben zurückzukehren.“

Doch mit wem über diese Sorgen sprechen? Dieses Angebot macht seit Anfang des Jahres Sozialpädagoge Heiko Emmerinck. Der 64-jährige Diakon hat jahrelang in der JVA als Abteilungsleiter in der Sozialtherapie gearbeitet. Nach seinem offiziellen Ruhestand bietet er nun einmal wöchentlich eine Gesprächsgruppe für Gefangene über 60 an: „Ich möchte diese Gruppe aus der Isolation holen und ihnen eine Lebensperspektive für die Zeit nach der Haft aufzeigen.“

Die Gesprächsgruppe ist eines der ersten Projekte dieser Art in Deutschland und wird finanziert vom Land. Träger ist der evangelische Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg. „Der demografische Wandel ist auch im Gefängnis angekommen, damit müssen wir als Kirche umgehen“, sagt Kleine, der die Zusammenarbeit zwischen Gefängnis und Kirchenkreis vermittelt hat.

An jedem Donnerstag (auch an diesem) sitzen sechs einheitlich grün gekleidete Männer aus allen Teilen der Anstalt zwei Stunden lang nicht allein in einer Einzelzelle, sondern versammelt um einen Tisch mit Pulverkaffee und Keksen und berichten reihum von ihrer Woche. Rückenschmerzen, Zahnprobleme, Post von den Enkelkindern, keine Post von der Familie, schlechte Nachrichten vom Anwalt. Der nächtliche Krach der jugendlichen Nachbarn nervt, das Sportangebot ist für Senioren ungeeignet, ein 76-jähriger Häftling macht sich Sorgen um sein nachlassendes Gehör.

„Wir wissen, dass wir auf der Zielgeraden des Lebens sind“, sagt einer von ihnen: „Wenn ich rauskomme, bin ich 72 Jahre alt. Hier werde ich behandelt wie ein unmündiges Kind.“ Ein junger Mithäftling habe versucht, ihn aufzuheitern, indem er von seinem Großvater berichtet hat, der 93 geworden ist: „Und was ist, wenn ich nur 73 Jahre alt werde? Und wenn ich den Sprung in die selbstständige Freiheit nicht mehr schaffe?“, fragt der Gefangene.

„Ich habe in meiner Haftzeit 16 Kilogramm zugenommen", antwortet ein anderer Gefangener auf die Frage, warum er den Antrag für einen Tag außerhalb der Gefängnismauern, der „Ausführung in Begleitung“, noch nicht gestellt hat: „Ich passe ja in meine alten Hemden gar nicht mehr rein." Das ist die größte Sorge der älteren Gefangenen: Sie kommen in ihr altes Leben zurück, und es passt Ihnen nicht mehr.

LN

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