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Lübeck Die Autos und der Cappuccino-Index
Lokales Lübeck Die Autos und der Cappuccino-Index
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09:29 22.09.2016
Volles Haus: Der HanseTalk wude sehr gut besucht. Rechts die Bühne mit  den Diskussionsteilnehmern. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn
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Innenstadt

In den 80er Jahren machte Lübeck als Vorreiter der Verkehrsberuhigung in der Altstadt von sich reden. Doch die Debatte um das Thema hat sich auch nach 30 Jahren nicht beruhigt. Seit Monaten diskutiert die Stadt darüber, ob und, wenn ja, wie die Zahl der Autos in der Innenstadt reduziert werden sollte. Auf dem Podium im Hansemuseum saßen Bausenator Franz-Peter Boden (SPD), der Architekt Ingo Siegmund und Gerlinde Zielke, Sprecherin des Stadtverkehrs. Die Moderation übernahmen die LN-Redakteure Sven Wehde (Lokalchef Lübeck) und Lars Fetköter (stellvertretender Chefredakteur).

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In der Bildergalerie sehen Sie weitere Eindrücke von der hitzigen Diskussionsveranstaltung.

Busse in der Altstadt: „Es kann nicht sein, dass der Busverkehr die Gestaltung der Innenstadt bestimmt“, sagt Ingo Siegmund vom Architekturforum. „Dass wir auf dem Koberg nun eine riesige Asphaltstraße haben, hat letztendlich auch der Stadtverkehr verbrochen.“ Er fordert weniger Busse in der Innenstadt, vor allem keine großen Gelenkfahrzeuge mehr. „Wenn man in der Mühlenstraße draußen sitzt, ist es beängstigend, wie dicht die Busse an einem vorbeifahren.“ Für Gerlinde Zielke vom Stadtverkehr kommt eine Reduzierung aber nicht in Frage. „Die Mehrheit der Menschen möchte den Busverkehr so behalten, wie er jetzt ist“, sagt sie. „Von 100000 Fahrgästen täglich steigen 43000 in der Innenstadt ein oder aus.“ Offener ist sie für den Vorschlag, die Busse mit einer geringeren Geschwindigkeit durch die Altstadt fahren zu lassen.

Versenkbare Poller: Jeder, der in die Innenstadt (oder bestimmte Straßen) fahren darf, bekommt eine Chipkarte. Damit kann er die Poller, die die Straße versperren, im Boden verschwinden lassen. Für den Stadtplaner Frank Schwartze wären solche Poller das entscheidende Mittel, den Autoverkehr in der Innenstadt zu steuern: Zufahrtsberechtigungen müssten nicht ständig überprüft werden, Zufahrts-Kontingente könnten an Einzelhändler vermietet werden, Flächen könnten je nach Zeit unterschiedlich genutzt werden. „Tagsüber Fahrradparkplatz, nachts Autoparkplatz: Das ist möglich“, sagte er im Gespräch mit LN-Redakteurin Josephine von Zastrow. Bausenator Boden sieht die Idee eher skeptisch. Er weist auf den versenkbaren Poller hin, den es an der Schmiedestraße schon gibt – der aber nach seiner Ansicht viel zu wenig Autos abhält. „Wenn’s nach mir ginge, stünde der den ganzen Tag oben.“

LN Online berichtete mit einem LIVE-Ticker vom Hansetalk

Der „Cappuccino-Index“: Auf der Straße sitzen, Eis essen und einen Flohmarkt veranstalten: Solche Dinge machen für Jan-Hendrik von Kuick von der Interessengemeinschaft Fleischhauerstraße eine hohe Lebensqualität in der Altstadt aus. Und das lasse sich nur erreichen, wenn auch andere Bereiche nach dem Vorbild der Hüxstraße an Sonnabenden zu Fußgängerzonen würden. Frank Schwartze von der Fachhochschule misst diese urbane Qualität mit dem (nicht streng wissenschaftlichen) Cappuccino-Index. Der liege in Lübeck, auf einer Skala von eins bis zehn, bei drei. „Lübeck ist eine Handelsstadt, da sind nur wenige Plätze vorgesehen – und was machen wir mit denen, die da sind? Da parken wir Autos drauf!“

Ingo Siegmund fordert sogar, die öffentlichen Parkplätze an den Straßen ganz abzuschaffen. Täglich seien jederzeit mindestens 300 Stellplätze frei. „Wenn das Parkhaus Wehdehof fertig ist, haben wir mehr als genug Platz.“

Shared Space: Olivia Kempke, Chefin des Lübeck-Managements, wehrt sich gegen zu viele Einschränkungen im Innenstadtverkehr. „Wenn Wirtschaft und Handel funktionieren sollen, dann muss man einfach auch Verkehr zulassen. Ich glaube, dass es der Stadt nicht gut tun wird, wenn man Verbote ausspricht.“ In ihren Augen wäre Shared Space eine gute Alternative zu einer erweiterten Fußgängerzone. Das heißt: Es gibt keine Verkehrsschilder oder Markierungen, der Verkehr regelt sich allein durch die Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme von Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern.

„Unsicherheit, die Sicherheit schafft“, so formuliert es ein Mann aus dem Publikum. Kempke schlägt einen Feldversuch während der Adventswochenenden im Bereich Wahmstraße/Königstraße vor. Jan-Hendrik von Kuick von der Interessengemeinschaft Fleischhauerstraße hält die Idee zwar für schön, aber nicht umsetzbar. „Das Konzept geht davon aus, dass wir alle gute Menschen sind.“

 Hanno Kabel und Janina Dietrich

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