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Lübeck Die Geheimtipps der Stadtführer
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20:16 08.04.2017
Nach dem Holstentor führt Silke Stender ihre Gruppen häufig an die Obertrave. Dort staunen die Touristen, wenn die 46-Jährige erzählt, dass das backsteinerne Gebäude Nr. 19 keine 100 Jahre alt ist.

Zwei Überraschungen hinter einer Fassade

Silke Stender

Nach dem Holstentor führt Silke Stender ihre Gruppen häufig an die Obertrave. Dort staunen die Touristen, wenn die 46-Jährige erzählt, dass das backsteinerne Gebäude Nr. 19 keine 100 Jahre alt ist.

„Hinter den Backsteinen verbirgt sich ein Luftschutzbunker aus den 1930er Jahren“, erzählt Stender. Die historisch anmutende Fassade ist in diesem Fall also wirklich nur Fassade. „Der Bau ist angelehnt an das Vorgängergebäude – das mittelalterliche Stadthaus eines einflussreichen Zisterzienserklosters in Reinfeld. Im Jahr 1583 verkaufte der letzte Abt den Hof. An seiner Stelle wurde ein Gang mit elf Buden errichtet, von denen heute noch sechs erhalten sind.

Der Gang, in dem sie stehen, heißt ihrer Vorgeschichte entsprechend „Im Reinfeld“. „Dieser Gang mit den kleinen Häuschen ist für meine Teilnehmer oft die zweite Überraschung“, erzählt Stender. „Da verbirgt sich so ein romantischer Hof hinter einem Bunker“, sagt die 46-Jährige. Für sie sei das ein schönes Beispiel, das die Menschen ermuntern kann, neugierig zu sein und einen Blick hinter die Fassade zu riskieren. „Das ist es, was ich meinen Teilnehmern an diesem Ort mitgeben möchte.“

Eine alte Aaltreppe am Mühlenteich

Hans-Jürgen Arndt

Stadtführer Hans-Jürgen Arndt hat eine besonders spezielle aber – für Fischfreunde – umso interessantere Geschichte zu erzählen: An der alten Mühle führt eine Art schmaler Kasten neben dem etwa zwei Meter hohen Wasserfall entlang. „Das war einmal eine Aaltreppe“, erzählt Arndt. Gebaut für Jungaale, geschlüpft im Sargassomeer.

Die Jungaale, die von dort über die Trave in die Wakenitz schwimmen wollten, versuchten ihr Ziel über den Mühlenteich zu erreichen. „Die Aale stiegen über die Aalleiter auf und landeten in einem Kasten am oberen Ende“, erzählt Arndt. Dann sei ein Fischer gekommen, habe den Kasten geholt und die Aale zum Dükerkanal oder direkt zur Wakenitz gebracht. Der Grund: Durch den Bau des Kanals hätte es für die Aale sonst nur noch den Weg durch die Dükerrohre unter dem Kanal gegeben. „Doch da war die Strömung zu stark“, sagt Arndt. Die Treppe war so der einzige Weg, um in das Gewässer zurückzukehren, aus dem einst ihre Eltern in das Sargassomeer geschwommen waren.

Die Geheimtipps der Stadtführer

Axel Schattschneider

Hier wurde sogar das Westfenster des Kölner Doms gefertigt. Axel Schattschneiders Geheimtipp ist das Berkentienhaus in der Mengstraße 31. Vom späten 17. Jahrhundert bis Mitte der 1990er Jahre befand sich in dem lübschen Kaufmannshaus eine Glasereiwerkstatt.

Im 19. Jahrhundert arbeiteten hier der Glasermeister Johann Jacob Achelius und der Künstler Carl Julius Milde gemeinsam an dem 22 Meter hohen Kirchenfenster mit alt- und neutestamentlichen Szenen.

Nach dem Tod von Achelius übernahm dessen Schüler Carl Martin Berkentien die Werkstatt ab 1870. Und die Berkentiens führten die Verbindung aus Kunst und Handwerk fort. „Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden hier auch die Totentanzfenster nach dem Entwurf von Alfred Mahlau für St. Marien“, erzählt Schattschneider.

Mittlerweile gibt es ein richtiges kleines Museum im Berkentienhaus – eingerichtet von Hausbesitzer Joachim Porschke. Als er und seine Frau das Haus vor einigen Jahren kauften, fand Porschke viele verstaubte Stücke, die von der Vergangenheit des Hauses zeugen, auf dem alten Dachboden. Das Berkentienhaus ist also ein Muss für jeden Glaskunstliebhaber.

Kiwis, Wein, und ein uralter Birnbaum in der Mitte

Gisela Wäntig

Ein Gang der Gastfreundschaft ist der Vereinigungsgang für Stadtführerin Gisela Wäntig. Probleme zwischen Ganghausbewohnern und ihren Touristengruppen gibt es im Vereinigungsgang an der Rosenstraße nicht. Dafür wächst dort Obst – uraltes und exotisches.

In der Mitte des Hofes ragt ein Birnenbaum in die Höhe. „In der Stadtführerausbildung hat man uns erzählt, es sei der älteste Birnenbaum oder zumindest einer der ältesten der Stadt“, berichtet Wäntig. Laut Gangbewohnerin Ingeborg Falkenroth (83) hat er früher einmal im Garten eines Hauses in der Rosenstraße gestanden. Diesen Garten gibt es jetzt nicht mehr, doch der Birnbaum ist noch da; „und manchmal frühstücken wir dort im Frühling gemeinsam“, erzählt Falkenroth.

Neben den Birnen gibt es auch noch exotischeres Obst: „Hier wachsen sogar Kiwis und Wein“, schwärmt die 68-jährige Wäntig. Der erstmals 1529 erwähnte Gang strotzt vor Leben und Lebensfreude. Was die Bewohner an die Touristen weitergeben: „Hier gibt es keine Spannungen wie in manchen anderen Gängen“, sagt Wäntig.

LUISA JACOBSEN

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