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20:16 23.04.2016
Die Kinder: Zweimal die Woche führen Kinder die Schafe vom Bauspielplatz zur Schule Roter Hahn. Diesmal sind Semi (8, v. l.), Medine (8) und Lomi (8) aus der Klasse 2c mit von der Partie (im Hintergrund: Nico, 8, und Taina, 7). Quelle: Fotos: Olaf Malzahn, Hanno Kabel (7), Lutz Roeßler

Die Schafe machen, was sie wollen. Die Kinder ziehen und zerren an den Stricken, aber „Laura“, „Bella“, „Miss Norla“ und die beiden schwarzen Lämmer bleiben am Straßenrand des Schlesienrings stehen und fressen frisches Grün. Marie, Nico, Semi, Lomi, Medine und Taina müssen Geduld haben. Sie gehen in die 2c der Schule Roter Hahn. Heute sind sie damit dran, die Schafe vom Bauspielplatz Roter Hahn zur Schule zu bringen, wo sie dienstags und donnerstags den Tag auf einer Wiese verbringen. „Ich hab schon mal ein Schaf geärgert“, sagt Taina (7): „Das mach‘ ich nie wieder. Es hat mich mit seinen Hörnern nach vorne geschubst, und ich bin hingefallen.“

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Die Schafe machen, was sie wollen. Die Kinder ziehen und zerren an den Stricken, aber „Laura“, „Bella“, „Miss Norla“ und die beiden schwarzen Lämmer bleiben am Straßenrand ...

Jedes Kind und fast jeder Erwachsene im Roten Hahn war schon auf dem Bauspielplatz. (Niemand gebraucht den offiziellen Namen „Geschichtserlebnisraum“.) Er liegt ganz am Rand, aber für viele Bewohner ist er das Herz des Viertels. Seit 1999 bauen Kinder, Jugendliche und Erwachsene hier zusammen eine frühmittelalterliche Siedlung und Klosteranlage nach. Seit 2008 steht eine echte Kirche aus Holz. Es gibt Pferde und alte Nutztierrassen; die Kinder können basteln, kochen, Gartenarbeit machen. Zu Pfingsten steigt hier ein Folkfestival.

Als Jörn Puhle (44), Gründer und Leiter des Bauspielplatzes, 1998 anfing, gab es nur Brennnesseln, Sandhaufen und einen verkommenen Bolzplatz. Jetzt kommen jedes Jahr 150 Schulklassen und bis zu 40 Kindergartengruppen. „Wir haben in einem Jahr 100 Schulanfragen ablehnen müssen“, sagt Puhle.

Besonders eng ist die Zusammenarbeit mit der Schule Roter Hahn. „Wir wollen wieder hin zu Pestalozzi: lernen mit Kopf, Herz und Hand“, sagt Schulleiterin Nicole Völschow (42) mit Bezug auf einen Klassiker der Reformpädagogik. Sie würde gern ihr altes, zu großes, Energie fressendes Schulgebäude durch einen Neubau direkt neben dem Bauspielplatz ersetzen.

Ihre Schule, sagt sie selbstbewusst, sei so etwas wie das Betriebssystem des Stadtviertels. Sicher ist: Bei der Integration von Einwanderern und Flüchtlingen spielt die Schule eine wichtige Rolle. Einwandererkinder, die nicht im Kindergarten waren, lernen hier als Schulanfänger mit Flüchtlingskindern Deutsch; und sobald es geht, werden sie alle mit den anderen zusammen unterrichtet.

Flüchtlinge sind für den Roten Hahn nichts Neues. Nicole Völschow erinnert sich an eine Einwohnerversammlung in jüngster Zeit, in der einige Besucher ihrem Unmut über die Flüchtlingsunterkünfte freien Lauf ließen. „Dann standen drei Frauen aus dem Seniorenheim auf und sagten: ,Überlegt doch mal, wo wir hier wohnen. Wir sind hier früher auch aufgenommen worden.‘ Danach war Ruhe.“

Die Siedlung Roter Hahn wurde in den 50er- und 60er-Jahren für Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten gebaut. Als eines der wenigen Geschäfte aus dieser Zeit hat der Schreibwaren- und Tabakladen am Ostpreußenring überlebt. Er trägt den Namen des Gründers Ernst Simon und wird von dessen Enkelin Katharina Amend (47) geführt. „Ich bin mit diesem Laden aufgewachsen“, sagt sie. „Wir sehen zu, dass wir eine Lücke finden, dass wir bestehen können.“ Ein Großteil ihres Sortiments besteht inzwischen aus Bastelbedarf und Geschenkartikeln. „Ich habe hauptsächlich Stammkunden. Die schätzen das Persönliche.“

Gerda Nalmer (85) kommt in den Laden und kauft eine Fernsehzeitschrift und einen Lottoschein. Sie stammt aus Pommern. Bis 1962 lebte sie als Flüchtling in zwei Zimmern in einer hölzernen Lagerbaracke. „Da habe ich meine zwei Kinder bekommen“, erzählt sie. 1962 endlich konnte sie in eine moderne Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im neuen Viertel Roter Hahn ziehen — in der sie bis heute wohnt.

Damals trugen die Flüchtlinge zum Aufschwung bei. „Hier sind wir aufgeblüht“, erinnert sich Jörg Knölcke (70), Inhaber der Bäckerei Horst, des einzigen Gewerbebetriebs im Roten Hahn. Sein Vater war mit dem Betrieb 1959 hergezogen. Knölcke hat alle Angriffe von Konkurrenten in Kücknitz überstanden. Aber jetzt ist er 70 und sucht einen Nachfolger. „Wenn ich den Betrieb schließe, ist er verdampft“, sagt er. „Deshalb werde ich so lange wie möglich weiterarbeiten.“

Die Kunden werden es ihm danken — und die Angestellten. Der Auszubildende Robert Edler (20) schneidet in der Backstube Erdbeeren. Er hat immer im Roten Hahn gelebt und möchte, wenn es nicht sein muss, daran nichts ändern: „Ich habe hier meine Freunde, ich kenne mich gut aus: Das ist Heimat.“

Von Hanno Kabel

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