Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Die Geschichte des Viertels
Lokales Lübeck Die Geschichte des Viertels
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:36 28.06.2016

Der Priwall ist nur etwa drei Kilometer lang, aber endlos vielfältig. An der Mecklenburger Landstraße reihen sich Villen, Sommerdomizile, Holzbauten und auch Einfamilienhäuser, die mit grau-braunen Fassaden an Zeiten vor der Wende erinnern. An der Südspitze taucht man in üppiges Grün des Naturschutzgebietes und gen Norden ins Ostseewasser ein. Hier krönt der Strand mit seinen weiten Dünenlandschaften das Glück der Anwohner.

„Viele Lübecker wissen gar nicht, was sie hier für eine Perle haben“, meint Lothar Reinhard an Bord der Autofähre Richtung Priwall. Der 73-Jährige ist mit seiner Frau vor zehn Jahren aus Nordrhein-Westfalen in ein Reihenhaus auf dem Priwall gezogen. „Die Ruhe ist einzigartig“, sagt Ehefrau Helga (67) beim Blick über die Trave zur Halbinsel hinüber. Der Schiffsmotor brummt, Möwen kreischen, und links über den Wipfeln der Bäume sind die Masten der „Passat“ zu sehen. Daneben ragt ein Baukran in die Höhe, ein Dorn in den Augen der Reinhards.

„Über das Waterfront-Projekt freuen wir uns gar nicht“, sagt die 67-Jährige und hat viele Argumente gegen das Bauprojekt, bei dem über 450 Ferienwohnungen mit über 1500 Betten entstehen sollen. „Die Bebauung ist viel zu massiv und die Bettenzahl eindeutig zu hoch“, ergänzt der Ehemann und sieht die Siedlung jetzt schon an ihrer Kapazitätsgrenze. „In den Sommermonaten stauen sich die Autos in der Mecklenburger Landstraße – und die Plätze auf den Fähren reichen kaum aus. Wie soll das erst mit so vielen Gästen mehr werden?“, fragt er und verlässt die Fähre mit einem letzten Blick Richtung Kran und Passathafen.

Dort wurde auf einem sieben Hektar großen Areal im vergangenen Jahr der Grundstein für PriwallWaterfront gelegt – und neben Ferienwohnungen sollen auch Restaurants, Cafés, Läden, ein Tagungszentrum und eine neue Promenade entstehen. Im Frühjahr kommenden Jahres sollen die ersten Übernachtungen möglich sein, und Ende 2018 ist die Fertigstellung geplant.

Direkt gegenüber der Baustelle geht Hieronymus Mielke (60) von Bord der X-Yacht „Christin“. „Waterfront wird den Hafen aufwerten“, sagt der Mann, der gerade von einem achttägigen Segeltörn über die Ostsee zurückgekehrt ist. „Ein schöner Liegeplatz“, sagt er beim Anlegen und blickt zu seinem Kompagnon hinüber. Auch Klaus Engelke (73) liebt den Priwall mit seinem „urigen Strandabschnitt“ und den Radwegen.

Ein paar Hundert Meter weiter stehen Tino (33) und Franziska (29) Lerner am Wasser und schauen zur „Passat“ hinauf. Noch schnell ein Foto von Tochter Anna (1) vor der Viermastbark, dann wollen sie das Wahrzeichen besichtigen. „Wir sind zum ersten Mal hier“, erzählt die Urlauberin aus Zwickau in Sachsen, die im Park Landal eines der über hundert dänischen Ferienhäuser gemietet hat. „Viel Grün, Holzhäuser und ein sehr schöner Strand“, ergänzt er – und beide freuen sich auf ihre verbleibenden Urlaubstage.

Für Rolf Fechner (69) ist der Priwall kein Urlaubsziel. Er ist im Ostseebad gegenüber geboren und bezeichnet den Priwall als „spannendsten Teil von Travemünde“. Daher bietet er nicht nur Führungen an, sondern hat auch das Buch „Die Halbinsel Priwall 1900-1990“ herausgegeben. „Früher waren hier Schiffswerften, eine Flugzeugwerft, ein Flughafen und die Erprobungsstelle angesiedelt“, sagt er und zeigt historische Fotos aus seinem Buch. Auch die Grenzöffnung 1989/90 ist darin dokumentiert.

Anneliese Milde wohnt seit 1968 auf dem Priwall und kann sich gut an diese „bewegenden Zeiten“ erinnern. „Anfangs sind wir über den Strand nach drüben gegangen“, sagt die 75-Jährige, „die Leute kamen uns in langen Schlangen entgegen – und wir haben ,Willkommen’ und ,Schön, dass Ihr da seid’ gesagt.“ Nach einem Umzug wohnt Milde nun in Nähe der Schleswig-Holsteinischen Seemannsschule und der Berufsschule der Handwerkskammer. Teile der Gebäude erinnern an den einstigen Flugbetrieb auf der Halbinsel.

Auch der Fliegerweg – ein paar Straßen weiter – erhielt so seinen Namen. Hier wohnt seit anderthalb Jahren Familie Bornau. Sie betreiben den Reiterhof „Natural Motion“ und legen Wert auf einen pferdegerechten Umgang und ein harmonisches Verhältnis zwischen Mensch und Tier. „Am Priwall schätzen wir vor allem, dass unsere Kinder im Grünen aufwachsen können“, sagt Karsten Bornau (50) und schaut hinüber zu Weiden, Obstbäumen und Naturschutzgebiet.

 Cosima Künzel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige