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Lübeck Lübecks Angst vor den Müll-Altlasten
Lokales Lübeck Lübecks Angst vor den Müll-Altlasten
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19:54 21.01.2019
Blick über die Deponie Ihlenberg bei Schönberg: Geschäftsführer Norbert Jacobsen (l.) weist Kiels Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) ein. Der Minister macht sich jetzt für eine vorzeitige Schließung der Deponie stark. Quelle: Lutz Roeßler
Selmsdorf

Der Wind weht eisig hier oben. Jan Philipp Albrecht und Norbert Jacobsen stehen auf dem Müllberg der Deponie Ihlenberg. 60 Meter türmt sich der Sondermüll unter ihnen in die Höhe. Er sei sicher eingelagert, die Deponie bestens überwacht, versichert Jacobsen, der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft IAG. Albrecht, Kiels Umweltminister von den Grünen, lächelt freundlich. Am Ende seines Besuchs am Montag in Selmsdorf steht für ihn dennoch fest: Es wäre besser, wenn die Deponie so schnell wie möglich geschlossen wird.

Die Minister-Delegation in der großen Reinigungshalle der Deponie Ihlenberg. Hierhin wird das Sickerwasser geleitet und verdampft, die Schadstoffe bleiben zurück, werden zur Verbrennung gefahren. Quelle: Lutz Roeßler

Anfang Dezember gab es wieder einmal besorgniserregende Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern. Die Werte des radioaktiven Tritiums im Sickerwasser der Deponie Ihlenberg seien wieder stark gestiegen. Albrecht hatte seinerzeit vor allem erstmal auf die Zuständigkeit Mecklenburg-Vorpommerns für die Deponie verwiesen. Jetzt die Kehrtwende des Ministers.

Lesen Sie mehr: Kieler Umweltminister drängt auf vorzeitige Schließung

Jacobsen versucht zu beruhigen. Vielleicht 300 Kilo Müll könnten ursächlich für die hohen Tritium-Werte sein, sagt er. Alte Leucht-Uhrenzifferblätter womöglich. Die Werte im Sickerwasser aber seien dennoch niemals gefährlich hoch gewesen. Überhaupt das Sickerwasser, bis zu 140 000 Kubikmeter pro Jahr. Das werde durch leistungsfähige Drainagen aufgefangen, ein Durchsickern werde durch dicke Sperrschichten im Untergrund verhindert, sagt Jacobsen. In einer eigenen Verdampfungsanlage werde es gereinigt, sechs bis sieben Prozent Schadstoffe blieben in einer zähen Flüssigkeit gebunden zurück, würden zur Entsorgung in Verbrennungsanlagen gefahren. So reinige sich die Deponie in gewisser Weise langsam aber sicher selbst, sagt Co-Geschäftsführerin Beate Ibiß.

Dass aber womöglich doch mal etwas ins Lübecker Trinkwasser durchsickern könnte, das treibt neben Albrecht und vielen Bürgern auch Lübecks CDU-Landtagsabgeordnete Anette Röttger und SPD-Kreischef Thomas Rother um. Sie hatten sich Albrecht beim Besuch angeschlossen. Und so ganz kann Jacobsen auch ihnen ihre Sorgen nicht nehmen. Was die Neu-Einlagerungen ab etwa 1991 angehe, da sei Ihlenberg eine der modernsten Deponien Europas. Die Alt-Einlagerungen bis etwa 1988 aber, auf rund 30 der 113 Hektar Fläche, die seien nach unten nur mit einer Mineralienschicht und mithin tatsächlich nicht so abgeschottet worden, wie es dem heutigen Stand der Technik entspreche, sagt der Geschäftsführer.

„Dieses Risiko wollen wir aber möglichst gut beherrschen“, sagt Jacobsen. Man überwache daher auch die Grundwasserleiter rund um die Deponie sehr genau – teils vierteljährlich, teils ein- oder zweijährlich. Ob man einen Teil dieser Altlasten jetzt aber einfach abdecken und weiteren Müll dann obenauf lagern sollte, wie von der Ihlenberger Abfallentsorgungsgesellschaft beim Land beantragt, da ist sich Minister Albrecht nicht wirklich sicher. Er drängt daher in Schwerin bereits darauf, die Deponie womöglich schneller zu schließen, vor dem Jahr 2035, zu dem sie mutmaßlich voll ist.

Holger Karge (r.) leitet das eigene Labor der Deponie, SPD-Kreischef Thomas Rother und die Lübecker CDU-Landtagsabgeordneten Anette Röttger informieren sich über seine Arbeit. Quelle: Lutz Roeßler

„Und dann?“, fragt Jacobsen. Es werde auch weiterhin Sondermüll geben – aber in ganz Norddeutschland bis nach Brandenburg und Süd-Niedersachsen hin keine Deponie dieser Art mehr dafür. Wolle man dann woanders im Land eine eröffnen? Oder den Müll exportieren? Er halte es für besser, die Deponie in Betrieb zu lassen, damit ständig gut ausgebildetes Personal auch die Altlasten weiter engmaschig überwachen könne. Selbst wenn dann im Grundwasser jemals erhöhte Schadstoffwerte gemessen werden würden, könnte man eine unterirdische Dichtwand bauen, die das Sickerwasser aufhält.

Während Katja Mentz von der Bürgerschaftsfraktion Freie Wähler/GAL jetzt sogar eine sofortige Schließung der Deponie verlangt, mag sich Thomas Rother solchen Forderungen daher auch nicht anschließen. Lübeck hätte davon ohnehin nicht viel, weil die Altlasten auch dann erhalten blieben, sagt der SPD-Mann. Die Stadt müsse aber selbst aktiv sein und ihr Trinkwasser stets eng überwachen. Anette Röttger setzt auf eine enge Zusammenarbeit beider Länder und einen schnellen Informationsaustausch, wenn Schleswig-Holstein wieder im Deponie-Beirat vertreten ist. Auf einen Sitz in diesem Gremium will ihr Jamaika-Umweltminister jetzt als erstes drängen. 2013 hatte die Regierung in Schwerin die Nachbarn kurzerhand ausgeladen.

Der FDP-Landtagsabgeordnete Dennys Bornhöft ist derweil auch nach dem Besuch nicht wirklich beruhigt. Er will die Deponie weiter beobachten und noch einmal genau nachhaken, woher die Tritium-Belastung kommt – und was gegen sie getan werden könnte. Jacobsen mag trotz alldem keinen Gegensatz erkennen. Es bleibe schließlich auch das Ziel seiner Arbeit, all die Schadstoffe von Mensch und Natur fernzuhalten. Jacobsen: „Wir dienen hier auf der Deponie dem Umweltschutz, wir sind nicht sein Problem.“

Wolfram Hammer

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