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07:33 04.12.2014
Justin Blümel (v. l.), Nele Twisselmann und Bodo Blümel holen kurz vor Ladenschluss am Sonnabend von Geschäftsinhaber Halil Erdogan frische Lebensmittel ab, die am nächsten Montag nicht mehr gut zu verkaufen wären und eigentlich im Container landen würden. Quelle: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

Es ist ein trüber Spätherbst-Abend, im Café Affenbrot sitzen drei Erwachsene und zwei Kinder beisammen. „Vor ziemlich genau vier Wochen“, sagt Dr. Stephanie Jette Uhde, „sind wir auch hier zusammengekommen und haben das Foodsaving in Lübeck aus der Taufe gehoben“.

Die 40-jährige Veterinärin kommt aus Kiel, wo die Sache mit dem Teilen und Retten von Lebensmitteln deutlich weiter verbreitet ist als in Lübeck. Jetzt bespricht sie mit Studentin Nele Twisselmann (27) und Monteur Bodo Blümel (51), wie es organisatorisch und praktisch weitergehen kann.

Was in anderen Städten schon richtig gut anläuft, steckt in Lübeck noch in den Kinderschuhen. Ausgelöst durch den Film „Taste the Waste“ des Dokumentarfilmers Valentin Thurn gründete sich 2012 ein Netzwerk von rund 30000 Nutzern, die im Internet sogenannte Warenkörbe kostenlos anbieten. Beispielsweise: „Habe zu viel Pizza-Teig, wer möchte was haben? Oder: Biete zwei Kilo Dinkelmehl, brauche dringend noch vier Eier“. „Es ist ein tolles Gefühl, zu teilen“, sagt Uhde, „ein bisschen wie eine Schatzsuche.“

Und dann gibt es noch diejenigen, die Lebensmittel, die Geschäfte, Bäckereien oder Restaurants normalerweise wegwerfen würden, retten, um sie hinterher an Bedürftige zu verteilen, sie im Freundeskreis zu verschenken oder vielleicht auch selbst zu behalten. Hauptsache, die Lebensmittel wandern nicht einfach in den Müll. „Jeder, der etwas abholt, kann selbst entscheiden, was er damit macht“, erklärt die Veterinärin. Aber: Lebensmittelretter können sich als solche ausweisen und verpflichten sich, die Spenden ausschließlich unentgeltlich abzugeben.

Auch die Hygiene ist ein ganz wichtiger Punkt für Veterinärin Uhde. Weshalb für sie öffentlich zugängliche Kühlschränke wie in einigen anderen Städten nicht denkbar sind. „Da müsste es jemanden geben, der aufpasst, dass die Lebensmittel nicht verunreinigt werden und der den Kühlschrank regelmäßig reinigt. Wie soll das gehen?“

Lebensmittelretten soll auch das eher unhygienische „Containern“ eindämmen: Nicht nur Bedürftige, sondern auch überzeugte Aktivisten sammeln Lebensmittel aus Müllcontainern ein. Viele Betriebe seien froh, wenn die Sachen abgeholt statt aus dem Container geklaubt würden. In Lübeck machen derzeit fünf Betriebe mit — ein Backshop, eine Tankstelle, ein türkischer Lebensmittelhändler, ein Reformhaus und ein griechischer Feinkosthändler.

An diesem Abend machen sich Nele und Bodo gemeinsam mit Bodos Sohn Justin (11) auf den Weg, um bei einem türkischen Lebensmittelhändler Waren abzuholen. Bodo Blümel, der in Hamburg arbeitet, hat das „Foodsaving“ dort kennengelernt und sich auf der entsprechenden Seite im Internet angemeldet. Oft bringt er die geretteten Lebensmittel zu einer Flüchtlingsunterkunft, „dort werden sie von der Gemeindediakonie an diejenigen verteilt, die es wirklich gebrauchen können“. Brot, Backwaren, Obst und Gemüse — das ist das Gros der geretteten Lebensmittel. Kollegin Nele, die über Facebook an die Lebensmittelretter geraten ist, findet, es sei „einfach schön, ein gutes Gefühl“. Gerade wenn man privat verteile, komme man mit vielen Leuten ins Gespräch und könne sich gut austauschen.

Nele fährt mit dem Fahrrad, Bodo macht sich per Auto auf den Weg zum Lebensmittelladen Selo in der Dr.-Julius-Leber-Straße. Mit einem fröhlichen „Hallo!“ begrüßt sie Halil Erdogan (27), Chef des Familienbetriebs. „Eine gute Sache“ sei das, was Bodo und Nele machen, „es ist viel besser, wenn Leute das bekommen, die es brauchen, als wenn es im Müll landet“. Sagt‘s und packt nach kurzem Überlegen Weintrauben, Avocados, Sternfrucht und Möhren in Kartons. Keine Massen, aber eine nette vitaminhaltige „Ausbeute“ für die Lebensmittelretter, die hoffen, noch mehr Unterstützung von Kollegen und von Betrieben zu bekommen.

Wer macht mit? Hilfe ist gefragt
40 Foodsaver gibt es derzeit in Lübeck, gerne können mehr hinzu kommen. „Es wäre schön, wenn auch Eltern mit Kindern oder Senioren dabei wären“, sagt Stephanie Jette Uhde. Wer daran interessiert ist, kann unter www.lebensmittelretten.de Kontakt aufnehmen.
15 Abholungen pro Woche stehen für die Foodsaver in den jeweiligen Stadtteilen an, fünf Kooperationen gibt es in Lübeck. Die Spenderbetriebe sind von jeglicher Haftung für Genießbarkeit und gesundheitliche Unbedenklichkeit entbunden. Die Foodsaver tragen die Verantwortung.

Sabine Risch

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