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Lübeck Die Macht der Abiturnote
Lokales Lübeck Die Macht der Abiturnote
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20:48 21.08.2017
Pauken und auswendig lernen – das Medizinstudium ist anspruchsvoll. Das schreckt die 43 000 Bewerber pro Jahr nicht ab. Quelle: Fotos: Maxwitat, Bücker (4)

Anna Gramalla glaubte lange, sie müsse sich nur genug anstrengen. Jahrelang versuchte die heute 26-Jährige, einen der begehrten Medizin-Studienplätze an einer deutschen Universität zu bekommen. Was zählt, ist dabei vor allem eines: der Notendurchschnitt im Abitur.

Bundesverfassungsgericht prüft Zulassungsverfahren für das Medizinstudium – Bewerber an der Universität zu Lübeck punkten mit Bestnoten, Wartezeit und außerschulischem Engagement.

Numerus Clausus (NC)

Zulassungsbeschränkte Studiengänge haben einen NC. Der Notenschnitt ergibt sich aus dem Verhältnis der Studienplätze und der Anzahl der Bewerber. Die Auswahlgrenzen legt die jeweilige Hochschule jedes Jahr neu fest. Medizin, Pharmazie, Tiermedizin und Zahnmedizin sind allerdings so begehrt, dass sie einem bundesweit gültigen NC unterliegen.

Mit einer 2,3 im Abitur hatte Gramalla jedoch keine Chance. Im Bereich Humanmedizin sind die Plätze besonders hart umkämpft: Im Wintersemester 2014/15 kamen deutschlandweit rund 43 000 Bewerber auf nur etwa 9000 Studienplätze. Die Wartezeit beträgt mittlerweile 15 Semester, das sind über sieben Jahre. „Es ist frustrierend“, sagt Gramalla, „viele Bewerber glauben, sie haben über das Auswahlverfahren der Universitäten durch zusätzliche Qualifikationen eine reelle Chance. Aber in vielen Fällen reicht auch das nicht aus.“

Mit ihrer Ansicht ist die Studentin nicht alleine. Die Auswahl von Medizinstudenten über einen bundesweiten Numerus clausus (NC) wird im Oktober das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe überprüfen.

Eingeschaltet hat die Verfassungshüter das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Es bezweifelt, dass die derzeitigen Regelungen mit dem Grundgesetz vereinbar sind. Die Verwaltungsrichter beanstanden unter anderem, dass die Abitur-Noten bundesweit nicht vergleichbar seien und es deshalb Landesquoten brauche. Überhaupt spiele die Note eine zu große Rolle.

Anna Gramalla etwa versuchte, ihren Abiturschnitt mit einer dreijährigen Ausbildung zur Kinderkrankenschwester nach oben zu ziehen. Eine Ausbildung kann an einigen Universitäten – darunter auch in Lübeck – auf den Notenschnitt angerechnet werden. Die Chancen auf einen Studienplatz werden dann größer.

Wer jedoch keine Eins vor dem Komma hat, hat trotzdem keine Chance. So auch Gramalla. „Ich habe mich dann doch für den Studiengang Molecular Life Science an der Lübecker Universität entschieden“, erzählt die 26-Jährige, „die Entscheidung bereue ich nicht.“ Trotzdem plädiert sie dafür, das Vergabesystem gerechter zu gestalten, damit nicht nur die Besten der Besten – definiert über die Abiturnote – zum Zuge kommen.

Für die zentrale Vergabe der begehrten Studienplätze gibt es derzeit ein Quotensystem: Ein Fünftel der Plätze geht an die Bewerber mit den besten Abitur-Noten, ein weiteres Fünftel wird nach Wartezeit vergeben. Für die übrigen Plätze hat jede Hochschule ein eigenes Auswahlverfahren.

Die Universität zu Lübeck bietet den übrigen 60 Prozent der Bewerber ein Verfahren, das nicht völlig auf die Abiturnote fokussiert ist. Laut Jürgen Westermann, Studiengangsleiter der Humanmedizin, gab es dieses Jahr insgesamt 1700 Bewerber. Der NC liegt dieses Jahr bei 1,0. Wer den hat oder diesen durch eine zusätzliche Ausbildung, den Medizinertest oder gesellschaftliches Engagement erfüllen kann, wird dann zu einem persönlichen Vorstellungsgespräch eingeladen. „Wir schauen dann auf empathisches Vermögen, Kommunikationsfähigkeit und soziale Kompetenzen“, so Westermann.

Die Verhandlungen in Karlsruhe begrüßt der Professor. „Die Abiturnote sollte weiterhin eine Rolle spielen“, sagt er, „aber sie sollte nicht dafür missbraucht werden, dass sie auf ein Zehntel genau entscheidet, wer für das Studium zugelassen wird.“ Dadurch laste schon in der Schulzeit ein ungeheurer Druck auf den jungen Bewerbern. Die gute Note sei zudem kein Garant, um später ein guter Arzt zu werden. Und: Trotz des speziellen Verfahrens an der Universität zu Lübeck haben Bewerber mit einem Schnitt unter 1, 9 weiterhin keine Chance, ein Medizinstudium zu beginnen.

Saskia Bücker

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