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Lübeck Die Müslimacher legten die Arbeit nieder
Lokales Lübeck Die Müslimacher legten die Arbeit nieder
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11:43 07.02.2017
Vor dem Holstentor protestieren 130 Beschäftigte der Nacht- und der Frühschicht für höhere Löhne bei der Firma Brüggen. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn

In der fast 150-jährigen Geschichte der Firma Brüggen hat es nur sehr wenige Streiks gegeben. 1929 standen Arbeiter vor den Werkstoren, in den 1990er-Jahren und 2013. Gestern war es wieder soweit. 130 Beschäftigte legten von sechs bis neun Uhr die Arbeit nieder und versammelten sich im Gewerkschaftshaus am Holstentor. „Es wird viel Geld in Gebäude, Maschinen und Brücken investiert — jetzt aber auch in uns“ und „Müsli für die Welt — aber keine Kantine für uns“, stand auf den Transparenten, mit denen die Streikenden für eine kleine Kundgebung vor das Holstentor zogen. „Investitionen in Gebäude und Maschinen und gleichzeitig keine angemessene Entgelterhöhung, das ist für die NGG-Mitglieder nicht mehr nachvollziehbar und vor allem auch nicht erklärbar“, sagt Dirk Himmelmann, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) in Lübeck.

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Dreistündiger Warnstreik bei der Firma Brüggen — Belegschaft will mehr Geld — Inhaber: Unternehmen geht es nicht so gut, Nullrunde wäre angebracht.

Seit Oktober befinden sich Arbeitgeber und Gewerkschaft in Tarifverhandlungen. „Wir wollen mindestens 2,5 Prozent mehr Lohn“, sagt Betriebsratsvorsitzender Dirk Gusinski. Jochen Brüggen, einer der drei Inhaber des Familienunternehmens, bietet zwei Prozent — für 15 Monate, macht faktisch eine Anhebung zwischen 1,6 und 1,7 Prozent. „Wir wollten ursprünglich eine Nullrunde“, erklärt Brüggen auf LN-Anfrage, „wir haben erhebliche Investitionen getätigt.“ Außerdem hat der weltweit tätige Müslihersteller kein gutes Jahr hinter sich. „2015 ist deutlich unter Plan verlaufen“, sagt der Firmenchef.

Die Millionen-Investitionen sind aus Sicht der Arbeitnehmervertreter Beleg dafür, dass es dem Unternehmen nicht schlecht gehe. „Seit Anfang dieses Jahrtausends wächst Brüggen“, erklärt Betriebsratsvorsitzender Gusinski. Bis Ende 2020 investiert das Unternehmen 30 Millionen Euro und erweitert die Standorte an der Hafenstraße und am Glashüttenweg. 2002 wurden Logistikzentrum und Hochregallager in Betrieb genommen, vier Jahre später das Müsligebäude errichtet. Brüggen baute Werke in Polen und Frankreich. Am Konstinkai entstand die neue Fabrik.

„Für über 30 Millionen entstehen neue Gebäude, aber für die Mitarbeiter gibt es nicht einmal Fahrstühle“, kritisiert der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Heiko Zschäpe, „und eine Kantine fordern wir seit zwei Jahren vergeblich.“ Betriebsratschef Gusinski berichtet, dass die Belegschaft mit Geschenk-Gutscheinen statt Lohnerhöhungen abgespeist werden sollte. „Sind wir nur Geschenk-Gutscheine wert?“, fragt Gusinski. Die NGG wollte zudem eine Einmalzahlung nur für Gewerkschaftsmitglieder. Das habe Brüggen einfach vom Tisch gewischt.

„Wir können das Geld nur einmal ausgeben“, kontert Jochen Brüggen. Außerdem würde das Unternehmen „vernünftige Löhne zahlen, die im Schnitt der letzten Jahre höher lagen als im Rest der Wirtschaft“.

Der Firmenchef zeigt kein Verständnis, dass die NGG die Geschichte mit der Kantine wieder ausgrabe. Brüggen: „Dafür haben wir keine Räume, das wissen alle Beteiligten.“ Tatsächlich habe die Unternehmensführung Tank- und Einkaufskarten angeboten, die von der Firma aufgeladen würden. Extra-Leistungen nur für Gewerkschaftsmitglieder lehnt Brüggen ab: „Das führt zu einer Spaltung der Belegschaft.“

Wie geht es weiter? Der dreistündige Warnstreik habe keine sehr großen Auswirkungen gehabt, erklärt Brüggen: „Ich gehe davon aus, dass die Gespräche weitergehen.“ Auch die Gewerkschaft will weiterreden, aber zugleich den Druck erhöhen. NGG-Geschäftsführer Himmelmann: „Ich befürchte, dieser Warnstreik wird nicht der letzte sein. Und der nächste muss nicht nur drei Stunden dauern.“

Von Kai Dordowsky

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