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Lübeck Die Rentner von der Schulbank
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20:19 20.09.2013
Aufmerksam im Englischunterricht: Veronika Orlik (67, rechts ) und Rosita Quick (66). Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Eine Tafel, auf der mit Kreide die Fragen „who“, „where“, „when“, „why“ geschrieben sind. Eine Lehrerin, Beate Blunck in diesem Fall, erklärend. Dazu: Zehn Schüler, um einen großen Tisch versammelt, und draußen, hinter dem geschlossenen Fenster am Steinrader Weg 11 in St. Lorenz, eilt ein Zug seiner Bestimmung entgegen. Vor 35 Jahren wurde die evangelische Seniorenakademie in Lübeck gegründet, jetzt begann das neue Semester, mit Englisch für Anfänger etwa. Jeder Schüler soll einen Satz mit „I have got“ bilden. Folgsam antwortet Harry, 72 Jahre, mit eisgrauem Bart, roten Wangen und fester Stimme: „I have got a nice wife — and I love her.“ Kalauer geglückt, alle lachen. „That‘s right“, lobt Lehrerin Beate Blunck freundlich nickend, die hier alle jedoch nur Beate nennen; man ist per Du, es ist das Recht des Alters.

Etwas ist passiert in den letzten Jahren. Noch nie gab es so viele gesunde und leistungsfähige Rentner. Die Alten wollen nicht mehr zum alten Eisen gehören, sie stehen auf der Bühne, sie brechen Rekorde , sie lernen, was ihnen aufgegeben wird. Auf 25 000 schätzt das Bundesbildungsministerium die Zahl der Seniorenstudenten deutschlandweit; etwa 200 bis 250 Studierende sind es allein bei der Seniorenakademie in Lübeck. Der überwiegende Teil sind Frauen, die Ältesten über 90 Jahre alt — und doch kommt mancher noch mit dem Fahrrad. Es sind die junggebliebenen Alten, anspruchsvoll, aktiv, selbstbewusst; „Best Ager“, wie man heute sagt, keiner will mehr die Worte Oma und Opa bemühen.

Ursprünglich wurde die Seniorenakademie gegründet, um den Frauen der Kriegsgeneration, also denjenigen, die ihre besten Jahre dem Wiederaufbau opferten, nach den Jahren der Entbehrung eine Chance auf geistigen Austausch zu geben. Hilfe in der dritten Lebensphase nannte man es damals, die Seminar-Schwerpunkte: Glaube und Leben. Das ist heute nicht anders, aber von Hilfe im Sinn von Bedürftigkeit ist man weit entfernt. Stattdessen geht es um Weiterbildung, um Kontakte. Es sind aufgeschlossene Rentner, die keine Lust haben, ihr Altenteil mit Blutdruckmessen zu verbringen.

Seniorenstudiengänge für Rentner gibt es etliche, auch in Lübeck. Die Arbeiterwohlfahrt bietet sie an, das Begegnungszentrum Wilhelmine Possehl, die Volkshochschule. Viele Namen, ähnliche Konzepte.

Über die Seniorenakademie sagt Pastor Robert Pfeifer: „Es ist eine geistige Gemeinschaft“, es ginge darum „Freunde zu treffen, Wissen zu teilen“.

Und ähnlich wie das Leben eines jeden Höhen und Tiefen durchläuft, ist es der Akademie in der Vergangenheit ergangen. Vor wenigen Monaten erst stand die Einrichtung, damals noch der Diakonie unterstellt, vor dem Aus. Nach Wochen des Bangens dann die Gewissheit: Die Trägerschaft wechselt zur Kirchengemeinschaft St. Marien. Aufatmen bei den Kursteilnehmern, bei den Referenten, bei Reinhard Reetz, Mitglied des Beirats. „Wir sind alle sehr glücklich.“ Ende 2014 zieht die Seniorenakademie ins Marienwerkhaus, Schüsselbuden 13, „mitten ins Leben“, wie Pastor Pfeifer sagt.

Mitten im Leben — dort, wo auch Harry steht, der Mann aus dem Unterricht. Nächstes Jahr fliegt er mit seiner Frau nach Dubai. Er ist 72 — und kein bisschen müde.

Hintergrund
Die Seniorenakademie ist montags bis donnerstags von 9 bis 12 Uhr unter Telefon 04 51/763 31 zu erreichen. Oder am besten während der Bürozeiten vorbei schauen — und sich dort das aktuelle Programm abholen: Seniorenakademie, Steinrader Weg 11a, E-Mail: seniorenakademie@st-marien-luebeck.de. Übrigens: In den Sprachkursen und in den PC-Kursen sind noch Plätze frei.

Marion Hahnfeldt

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