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Die Retterin der lübschen Schwimmbäder

Lübeck Die Retterin der lübschen Schwimmbäder

Sie hat die öffentlichen Bäder saniert und finanziell auf Vordermann gebracht – 14 Jahre hat das gedauert – Jetzt verlässt Sieglinde Schüssler die Stadt – Und geht auf große Reise

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Hier war sie gerne: Sieglinde Schüssler (63) geht nach 14 Jahren als Chefin der Schwimmbäder in Rente — und auf Reisen.

Quelle: Wolfgang Maxwitat

Lübeck. Lübeck . Kein Glamour, kein roter Teppich, kein großer Bahnhof. Ihr Job ist Maulwurfsarbeit — einsam, wühlig und manchmal auch dreckig. Was Sieglinde Schüssler in den 14 Jahren als Chefin der lübschen Schwimmbäder alles in die Finger bekommen hat, ist Ausdruck der dunklen Seite von öffentlichen Betrieben. Denn Lübecks Schwimmbäder waren Jahrzehnte lang die „Bad Bank“ der Hansestadt. „Die Bäder waren die Abladestelle für alle Verlustbringer“, sagt die 63-Jährige. Und ein Selbstbedienungsladen.

Da gab es Darlehen, die im Namen der Bäder abgeschlossen wurden. Das Geld wurde aber nie dort investiert — sondern landete woanders. Da gab es Vereine mit Sonderkonditionen beim Eintritt — für jeden Club gab es eine andere Absprache. Freikarten waren im Umlauf — keiner wusste warum und wie viele. Da wurden schon mal Freunde kostenlos ins Bad gelassen. Als Schüssler anfing, passten Besucherzahlen und Einnahmen nicht zusammen: zu viele Leute, zu wenig Geld. Sie hat ein Kassensystem angeschafft. Zwei Jahre hat sich Schüssler durch Aktenstapel, unsortierte Papiere und geschönte Zahlen gewühlt.

Und nie gedacht, dass alles so lange dauert. „Ich hatte mir vorgestellt, dass die Bäder in zehn Jahren ein Vorzeigebetrieb sind.“ Doch die Dinge dauern.

Alle Bäder saniert — bis auf eines

Die Finanzen nahm sich die Controllerin als erstes vor. Elf Millionen Euro Schulden hatten sich 2003 auf den Konten der Bäder angehäuft. Immerhin: Die Stadt hat sieben Millionen Euro zugeschossen, um den Schuldenberg der Vergangenheit abzubauen — an dem sie mit Schuld war. Doch auch der Betrieb der Bäder lief nicht. 2003 machten die Schwimmbäder satte 7,5 Millionen Euro Verlust — und damit zwei Millionen Euro mehr, als sie eigentlich sollten. Denn der Zuschuss der Stadt betrug damals 5,5 Millionen Euro. Seit Schüssler die Leitung inne hat, hat sie den städtischen Zuschuss nie überschritten. Im Gegenteil: Sie hat ihn gesenkt und auch Geld übrig behalten — einmal gute 100000 Euro. Das Geld hat sie investiert. 2014 nimmt sich die Bilanz der Bäder anders aus: Knapp 4,2 Millionen Euro beträgt der Zuschuss der Stadt. Die Schulden bei der Bank belaufen sich ebenfalls auf 4,2 Millionen Euro.

Und dabei hat Schüssler in den 14 Jahren alle Bäder saniert. „Ich habe das Gefühl, ich habe sie gerettet“, sagt Schüssler. Bis auf eines: Das Aqua Top musste 2003 geschlossen werden — das war schon zu baufällig, um es wieder auf Vordermann zu bekommen. Doch der Zustand der anderen Bädern war kaum besser. Das Freibad Schlutup wurde 2003 als erstes technisch erneuert. „Und das Bad Kücknitz konnte man zusammenschieben“, so Schüssler. Am liebsten hätte sie dem sofort eine Frischzellenkur verpasst. Doch dann musste das Zentralbad in der Schmiedestraße als erstes ran. Denn daneben sollte das Atlantic Hotel gebaut werden. Schüssler ließ das Bad einrüsten — ein Glück. Denn eine Woche später knallte eine riesige Fensterscheibe auf die Straße. „Ohne Gerüst wäre es die Fassade gewesen“, sagt Schüssler. Denn das Dach war neu gedeckt worden — offenbar aber nicht geeignet für eine Schwimmhalle mit viel Dampf.

Skurril: Die Sanierung des Zentralbades war an einigen Politikern vorbeigegangen. Denn Schüssler erhielt einen Anruf: Was es denn da für Bauarbeiten gebe? „Das stand alles im Wirtschaftsplan“, so Schüssler. Doch die Politiker waren viel höhere Summen gewöhnt, die in die Bäder fließen. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass mit dem niedrigen Zuschuss auch noch investiert wurde. Nach dem Zentralbad in der Schmiedestraße folgte die Sanierung des Bades in Kücknitz 2007/2008, drei Jahre später wurde im Freibad Schlutup ein Edelstahlbecken eingebaut. Dann kam Moisling an die Reihe, und in diesem Jahr ist die Fassade des Sportbades St. Lorenz erneuert worden. Auch in die dortige Sauna hat Schüssler investiert; sie soll noch vor dem Sommer wieder offen sein.

Und Schüssler hat Stellen abgebaut — ohne Kündigungen. Von einst 113 Leuten sind es heute nur noch 60. Denn Schüssler hatte jahrelang zu viele Mitarbeiter. „Zu wenig Personal ist ein Problem, zu viel aber auch.“ Denn sie musste gut 30 Mann vom geschlossenen Aqua Top übernehmen. „Es war bitter: Die Stadt hat mir keinen einzigen abgenommen.“ Sie hatte die Personalkosten, aber nichts zu tun für die Mitarbeiter. Schüssler: „Wenn vier Mann für eine Sache zuständig sind, dann erledigt sie keiner.“

Planschende Kinder für die Seele

Wenn sie zurückblickt, ärgert sie am meisten unberechtigte Kritik. Zuletzt in Schlutup. Es drohe die Schließung des Bades, wurde im Stadtteil gemunkelt. „Das hat niemand gesagt und will auch niemand“, sagt Schüssler. Denn dort sei viel Geld investiert worden. Bei solchem Ärger hat sie sich einfach ins Schwimmbad gestellt und „den Silberlöckchen beim Schwimmen zugesehen — und den Kindern, wie sie im Wasser planschen“. Das habe ihrer Seele gut getan.

Sie hätte sich auch auf einem bequemen Posten bei der Stadt ausruhen können. Immerhin ist Schüssler seit fast 50 Jahren dabei. Aber: „Ich wollte immer etwas für die Menschen in Lübeck machen.“ Bei den Bädern könne sie es das erste Mal wirklich tun. Und heute? „Sind wir immer noch kein Vorzeigebetrieb“, so Schüssler. Denn sie hätte gern das Schwimmbad St. Lorenz saniert. Aber: „Ich bin zufrieden.“

Der Ruhestand ist für sie ein toller, neuer Lebensabschnitt. Mit einem Wohnmobil geht es auf große Reise. „Mein Mann hat sich eine Überraschungstour ausgedacht.“ Auf die gemeinsame Zeit freut sie sich riesig. Wird sie den Job vermissen? Oder sich ein Ehrenamt suchen? „Nein“, sagt sie. „Irgendwann ist genug.“ Denn oft hatte sie 12-Stunden-Tage und ihren Mann kaum gesehen. Aber: Auf den 10- Uhr-Kaffee mit ihren Kollegen zu verzichten, werde ihr schwer fallen. Schüssler: „Wir sind schon zu einer Familie geworden.“

Ein Mal in 14 Jahren Gast im St. Lorenz Bad

1953 wurde Sieglinde Schüssler geboren. Nach Volksschule Klosterhof und St.-Jürgen-Realschule ging es auf die Höhere Handelsschule — und im August 1969 zur Stadtverwaltung. Dort war sie im Amt für Wohnungswesen, im Bereich Kultur — bis der damalige Senator Wolfgang Halbedel (CDU) sie anrief und ihr die Leitung der Bäder anbot.

1 Mal in 14 Jahren war Schüssler im Sportbad St. Lorenz schwimmen. Dabei ist ihr Büro direkt nebenan — und sie hatte sich vorgenommen, ein Mal in der Woche ein paar Bahnen zu drehen. Doch die Arbeit wurde mehr, die Zeit weniger. Schüssler ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter.

11 Euro beträgt der städtische Zuschuss pro Eintrittskarte im Freibad. Besucher zahlen deshalb nur 3,50 Euro. Acht Euro beträgt der städtische Zuschuss im Hallenschwimmbad. Besucher zahlen aber nur vier Euro Eintritt. Zu den Lübecker Schwimmbädern gehören drei Hallenbäder: Innenstadt, St. Lorenz, Kücknitz; zudem zwei Freibäder in Schlutup und in Moisling. Vier Naturbäder werden von Vereinen betrieben, die Grundstücke gehören zu Schüsslers Bereich. Über 437000 Besucher im Jahr schwimmen in den Lübecker Bädern. Seit Schüssler im Amt ist, ist die Gästezahl gestiegen.

Von Josephine von Zastrow

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