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Die Sehbehinderte, die verzweifelt ihre Tochter suchte

St. Lorenz Süd Die Sehbehinderte, die verzweifelt ihre Tochter suchte

Manfred Willner (68) ist seit fünf Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter der Bahnhofsmission. Er will der Gesellschaft etwas zurückgeben und bezeichnet sich als begeisterter Bahnhofsmissionar.

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St. Lorenz Süd. Manfred Willner (68) ist seit fünf Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter der Bahnhofsmission. Er will der Gesellschaft etwas zurückgeben und bezeichnet sich als begeisterter Bahnhofsmissionar.

 

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Hoffnungsgeschichten lasen die elf Mitarbeiter der Bahnhofsmission gestern zum „Tag der Bahnhofsmission“ – hier Manfred Willner beim Vortragen – im Hauptbahnhof.

Quelle: Fotos: Olaf Malzahn
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„Sie saß auf dem Bänkchen in der Bahnhofshalle bei Gleis 4-5, und es war eindeutig: Diese Dame schien ein Problem zu haben. Ungefähr 60 Jahre alt, ein dunkles, ,freches‘ Oma-Hütchen auf dem grauen Schopf, die Handtasche auf dem Schoß, ihre Hände umklammerten die Bügel. Ein Anflug von Panik und Hoffnungslosigkeit im Blick.

Ich stellte mich vor, und auf meine Frage, ob ich ihr behilflich sein könne, sprudelte es hinaus: Ich bin blind, meine Tochter wollte mich auf Gleis 2 treffen, wir wollen zusammen nach Hamburg fahren, und jetzt ist sie nicht da. Sie sprach ein wenig atemlos, und obwohl sie nichts sehen konnte, schien es so, als ob sie unruhig in der großen Halle hin und her blickte. Sie war aus Timmendorf gekommen und wollte in spätestens fünf Minuten mit ihrer Tochter im Regionalzug sitzen. Manchmal gibt es Komplikationen mit den Zügen aus Timmendorf. Wenn ein Zug aus irgendwelchen Gründen neu eingesetzt wird, kommt er statt auf Gleis 2 auf dem Gleis 5 an. Gleichzeitig steht der abfahrbereite Zug Richtung Timmendorf auf Gleis 2.

,Ist Ihre Tochter eventuell mit dem Handy erreichbar?‘, fragte ich. Das war der erlösende Hinweis. In ihrer Aufregung war die sehbehinderte Dame nicht auf die Idee gekommen, ihre Tochter mit dem Smartphone zu erreichen. Dann ging alles ganz schnell. Sie wählte mit Hilfe eines Sprachmoduls die Nummer ihrer Tochter und erfuhr, dass diese schon eine ganze Weile auf dem Gleis 2 auf sie wartete.

Wenig später fielen sich die beiden erleichtert in die Arme, und die kurze Zeit der Hoffnungslosigkeit war vergessen. Beide bedankten sich bei mir und gingen eingehakt noch rechtzeitig zum Regionalzug nach Hamburg.“

Die alte Dame, die nicht mehr weiter wusste

Birgit Keßler (65) arbeitet seit 15 Jahren bei der Bahnhofsmission, wurde durch eine Zeitungsanzeige auf die Arbeit aufmerksam. Eines ihrer schönsten Erlebnisse:

„Eine ältere Dame stand mit ihrem Koffer am Rand der Bahnhofshalle. Sie machte einen orientierungslosen Eindruck, und darum sprach ich sie an. Sie wollte zu ihrer Tochter reisen, die den ganzen Reiseablauf vorher aufgeschrieben hatte. Früher hatte der Ehemann der alten Dame alle Vorbereitungen übernommen. Jetzt musste sie allein zurechtkommen. Nun stand sie dort und wusste nicht weiter.

Gemeinsam lasen wir den Reiseplan durch, und sie erkannte, dass ihre Reise gar nicht so kompliziert war. Als sie dann in ihrem Zug saß, war sie erleichtert und bedankte sich herzlich für die Unterstützung.“

Das Taxi für den hilflosen Mann

Margit Loppentin (64) ist seit drei Jahren bei der Bahnhofsmission, fand über die Ehrenamtsmesse in der Petri-Kirche diese Aufgabe. Nach fünf Schnupper-Einsätzen stieg sie in die Arbeit ein und hat den Job noch nie als langweilig empfunden.

„Ein etwa 35-jähriger Mann sprach mich im Eingangsbereich des Bahnhofs an. Er war offensichtlich betrunken. Obwohl er eine Einweisung in eine Klinik für Suchtprävention und einen Taxi-Gutschein hatte, wollte ihn keine Taxe mitnehmen. Ich ging mit ihm zu den Taxen, und dort erklärten mir die Fahrer, dass sie einen solchen Schein nicht mit der Krankenkasse abrechnen können. Danach rief ich die Taxizentrale an, und zehn Minuten später traf eine Taxe ein, die den Mann problemlos mit in die Klinik nahm.“

Geschichten aus der Bahnhofsmission

Jedes Jahr im April wird bundesweit der „Tag der Bahnhofsmission“ gefeiert. Die Lübecker Einrichtung wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet. Elf Ehrenamtliche arbeiten unter der Leitung von Mara Merckens, die hauptamtlich tätig ist. Getragen wird die Bahnhofsmission von der Caritas (katholisch) und der Gemeindediakonie (evangelisch).

„Wir sind in der Woche von 8.30 bis 17.30 Uhr und sonnabends von 8.30 bis 12.30 Uhr am Bahnhof“, erklärt die 63-jährige Leiterin. 15 Minuten vor bis 15 Minuten nach der vollen Stunde sind die Ehrenamtler in den auffälligen Jacken auf den Gleisen unterwegs – in dieser Zeit laufen die Züge ein und aus. Die übrige Zeit verbringen sie in den Räumen der Mission außerhalb der Bahnhofshalle.

Dort erhalten Gestrandete einen heißen Kaffee, auch mal ein Marmeladenbrot und vor allem weitere Hilfe. Die Bahnhofsmission ist mit Beratungseinrichtungen, Obdachlosenunterkünften und Essensausgaben vernetzt.

Die Helfer werden intensiv in Rechtskunde, Hygiene und Gesprächsführung geschult. Und sie gehen auf die Menschen zu, wenn ihnen etwas auffällt. Finanziert wird die Bahnhofsmission, die jährlich rund 30000 Euro braucht, von den Trägern und der Hansestadt. Außerdem erhält sie Spenden.

Die schöne Geste der Fünfjährigen

Marion Friedrich (65) hat aus Glaubensgründen vor zwei Jahren mit der ehrenamtlichen Tätigkeit angefangen. Sie hat keine Probleme damit, auf Menschen zuzugehen und empfindet die Arbeit als wunderbar.

„Im Jahr 2015 hatte ich eine besondere Begegnung mit einer jungen Migrantenfamilie aus dem Irak.

Ich hatte mich mit ihnen vorher vor dem Bahnhof verabredet, um die Familie zum Bussteig 16 auf dem Zob zu bringen. Vorher war das etwa fünfjährige Mädchen bei uns auf der Toilette gewesen. Wir setzten uns in Bewegung und plötzlich spürte ich, wie meine rechte Hand in der Hand des Mädchens verschwand. Sie strahlte über das ganze Gesicht. Mir wurde warm ums Herz, weil dieses kleine Mädchen mir spontan so viel Vertrauen schenkte.“

Atempause für die Frau mit dem Hund

Ursula Friedrich (67) arbeitet seit 31 Jahren und vier Monaten bei der Bahnhofsmission. Sie hat schon 1989 DDR-Bürger auf den Gleisen in Empfang genommen, hat aber auch erlebt, wie ein Mann im Bahnhof starb und eine Kollegin sich bei einem Sturz schwer verletzte. Zumeist gibt es aber schöne Erlebnisse, zum Beispiel Menschen, die sie zu einem gemeinsamen Gebet bitten.

„Auf dem Bahnhof sprach uns eine Frau an. Sie erzählte Folgendes:

Vor zwei Jahren war ich 77 Jahre alt geworden und zog von Köln nach Lübeck um. Ich war total erschöpft, denn ich hatte zusätzlich noch einen lebhaften Hund bei mir. Eine Kollegin von Ihnen sah mich so zusammengesunken auf der Bank sitzen und bat mich in Ihre Bahnhofsmission. Es hat gut getan. Danke.“

dor

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