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Lübeck Die Sehnsucht nach Gemeinschaft
Lokales Lübeck Die Sehnsucht nach Gemeinschaft
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22:23 23.09.2013
Gemeinsam zum Gottesdienst: Blindenverein-Landesvorsitzender Detlef Böhning, St.-Gertrud-Pastor Erik Asmussen, Gast-Pastor Andreas Chrzanowski und Diakon Reiner Nissen (v.l.). Quelle: Wolfgang Maxwitat

Er war gerade kurz vor seinem ersten Staatsexamen, als seine Sehkraft mehr und mehr nachließ. „Ich wusste zwar von meiner Augenerkrankung, aber dass es dann doch so schnell gehen könnte, hat mich damals schon überrascht“, erzählt Pastor Andreas Chrzanowski, der mit 26 Jahren noch selbst Auto gefahren ist. Während des Studiums verlor er dann noch gänzlich sein Augenlicht. „Es geschah quasi von heute auf morgen; groß vorbereiten konnte ich mich auf die neue Lebenssituation nicht.“

Für den Festgottesdienst in St. Gertrud — Anlass ist das 60-jährige Bestehen des Christlichen Blindendienstes Schleswig-Holstein — ist der 51-Jährige als Gastprediger extra aus Hannover angereist. Dort ist er Beauftragter der evangelisch-lutherischen Landeskirche für die Blinden- und Sehbehindertenseelsorge.

„Als ich als Theologe schließlich fertig ausgebildet war, war ich fast 20 Jahre ganz normaler Gemeindepastor in der Nähe von Aurich“, erzählt er. Am Anfang sei der Andrang bei Taufen und Begräbnissen besonders groß gewesen, so seine Erinnerung. „Die Neugier war dann bei den Anwesenden entsprechend: Trifft der Pfarrer wohl das Köpfchen des Täuflings mit seiner Hand? Und: Ob er wohl auch in die Grube fällt?“, berichtet er schmunzelnd. Letztlich sei aber immer alles gut gegangen, und dass fortan ein blinder Theologe die Gemeinde geführt habe, sei bald etwas ganz Normales gewesen.

Alltäglich ist es jedoch nicht, wenn Predigt, Lesung und Musik in einem Gottesdienst — wie diesmal in St. Gertrud — von blinden Menschen gestaltet werden. Chrzanowski greift die Geschichte „Jesus heilt einen Blinden“ aus dem Johannes-Evangelium auf. „,Wer ist schuld daran, dass dieser Mann blind ist? Hat er selbst Schuld auf sich geladen oder seine Eltern?‘ Diese Fragen werden Jesus von seinen Jüngern gestellt. Und seine Antwort ist: ,weder noch‘.“ Dass Blindheit etwas mit Schuld, mit Sünde zu tun habe, ziehe sich durch die ganze Menschheitsgeschichte. „Deshalb ist die Rolle Jesu als Lichtbringer auch für uns Blinde so bedeutungsvoll.“

Seit 33 Jahren ist Reiner Nissen als Diakon in der Blindenseelsorge tätig. „Ich habe in dieser Zeit bestimmt Tausende Gespräche mit blinden Menschen geführt. Die alles entscheidende Frage, die sich fast jeder Betroffene stellt, ist: ,Kann mein Leben auch ohne Augenlicht noch sinnerfüllt sein?‘“ Und da komme der Jubilar, der Christliche Blindendienst (CBD) Schleswig-Holstein, Gründungsjahr 1953, ins Spiel. „Denn wir sehen uns als Ansprechpartner, um Hilfestellung bei Lebensfragen zu geben, und vermitteln Kontakte“, erklärt Nissen.

Detlef Böhning, Landesvorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins Schleswig-Holstein, bringt es auf den Punkt: „Wir haben Sehnsucht nach Gemeinschaft — natürlich auch mit Sehenden — und wollen so wahrgenommen werden, wie wir sind.“

Woche des Sehens
10 000 Blinde leben in Schleswig-Holstein — und weit mehr stark Sehbehinderte. Dass diese Zahl aufgrund der älter werdenden Bevölkerung und damit einer Zunahme der altersbedingten Augenleiden steigen wird, ist vorhersehbar. Mit der alljährlichen „Woche des Sehens“, die in diesem Jahr vom 8. bis 15. Oktober veranstaltet wird, wollen Selbsthilfeorganisationen, Augenärzte und internationale Hilfswerke auf die Bedeutung guten Sehvermögens, die Ursachen vermeidbarer Blindheit und die Lage blinder und sehbehinderter Menschen aufmerksam machen. Unter anderem wird die Uni-Augenklinik, Ratzeburger Allee 160, wieder zum Tag der offenen Tür einladen — am Freitag, 11. Oktober, von 8.30 bis 13 Uhr.

Michael Hollinde

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