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Lübeck Die Siedlung der Gärtner und Flussfischer
Lokales Lübeck Die Siedlung der Gärtner und Flussfischer
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13:01 06.04.2016
Klaus Beitel (60) trägt Tulpen aus dem Haus. Seine Familie hat den Hof 1885 im Fahlenkampsweg gebaut, und Beitel führt die Gärtnerei in fünfter Generation. Früher gab es viel Spargelanbau, und die Familie hat bei den Wakenitzfischern Gemüse gegen Aal getauscht. Quelle: Fotos: Cosima Künzel

In den schmalen Straßen der Siedlung Gärtnergasse hat Eintönigkeit keinen Platz. Weiße Villen mit Säuleneingängen und Flussblick gehören ebenso hierher wie hundert Jahre alte Backsteinbauten und modernste Holzarchitektur. Die Straßen tragen Vogelnamen, liegen am Landschaftsschutzgebiet Wakenitz, und Treffpunkt ist das Gemeinschaftshaus.

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Im Viertel zwischen Ratzeburger Allee und Landschaftsschutzgebiet Wakenitz kommen treue Siedler und junge Familien zusammen.

Seinen Namen trägt das Viertel von den Gärtnereien und den Siedlerfamilien, die ab etwa 1900 Obst- und Gemüseanbau sowie Kleintierhaltung zur Selbstversorgung betrieben. Heute gärtnern die Menschen hier zum Vergnügen, aber es gibt auch noch zwei Gartenbetriebe aus den Anfangsjahren. Einer gehört Familie Witt.

Während Erika Witt (53) im Garten an der Ratzeburger Allee Ostereier an einen Strauch hängt, steht Ehemann Thomas (54) am Zaun und schaut zum Wohnhaus hinüber. „Das ist fast 100 Jahre im Familienbesitz“, sagt er und erzählt von seinem Opa Friedrich, der das Gebäude 1925 gekauft hat. Gebaut wurde es um 1890, schätzt der Mann, der die Gärtnerei mit seiner Familie seit 1995 führt. „In dritter Generation und die vierte macht weiter.“ Zwei seiner drei Kinder steigen in das Geschäft mit Blumen und Gemüse sowie Garten- und Landschaftsbau ein.

Als Witt ein Junge war, standen an der großen Straße vorm Haus noch Alleebäume, erinnert er sich. Und sein Vater ist gegenüber — wo heute Baumarkt und Geschäfte stehen — auf einem Rodelberg Schlitten gefahren. Im Laufe der Jahrzehnte sind rundherum Wohn- und Geschäftshäuser entstanden, und zuletzt wurde über den Bau eines Bordells nahe des Wirth-Centers rege diskutiert. „Uns wäre das egal“, sagt Erika Witt noch lachend, bevor sie ins Gewächshaus zum Verkauf geht. Etwa 75 Prozent ihrer Gärtnerei-Kunden kennt sie mit Namen, sagt sie, und freut sich über die Treue.

Auch Lars Werthmann und seine Familie aus dem Lerchenweg mögen ihren Garten und die Arbeit darin. „Das Meiste macht allerdings meine Frau“, verrät der 46-Jährige lachend und geht mit Tochter Mila zu den Beeten. Auf den naturnahen Flächen haben sie diverse Beeren sowie Quitten, Schlehen und auch Gemüse wie Bohnen und Zucchini angebaut. „Nicht viel“, sagt der Familienvater, „aber schön zum Naschen oder für kleine Mahlzeiten.“ Als die ersten Häuser im Viertel gebaut wurden, nutzten die Siedlerfamilien die großen Grundstücke zur Selbstversorgung. Nicht nur der Garten von Familie Werthmann erzählt von den Anfangsjahren der Siedlung, auch das Wohnhaus: Im Winter 1919 begann die „Gemeinnützige Siedlergemeinschaft eGmbH“ mit der Erschließung des Siedlungsgeländes. 1923 gründet sich der „Bauverein Selbsthilfe“, der in der Gärtnergasse und im Lerchenweg Häuser mit ungewöhnlichen Dächern errichtete. Werthmanns Doppelhaushälfte trägt ein solches Bohlenbinderdach, und er hat Schwarzweißfotos von 1962, auf denen sein Zuhause noch fast in Alleinlage steht.

Anfang der 1960er wurde auch das Gemeinschaftshaus im Nachtigallensteg gebaut, das danach lange als Treffpunkt galt. Doch Anfang der 2000er-Jahre stand es leer, der damalige Verein hatte keine Einnahmen, und laufende Kosten ließen einen Schuldenberg wachsen. „Zum Glück konnte das Haus gerettet werden“, erzählt Stefan Urbanski (44), der zum neu formierten Verein Gemeinschaftshaus Weberkoppel-Gärtnergasse gehört. „Es ist toll wie Jung und Alt hier wieder zusammenkommen“, sagt Urbanski und möchte bald einen Geschichtsabend initiieren.

Über die Historie kann auch Klaus Beitel (60) aus dem Fahlenkampsweg einiges erzählen. „Meine Familie hat den Hof 1885 gebaut, und ich führe die Gärtnerei in fünfter Generation“, sagt der 60-Jährige.

Beitel erinnert sich, dass früher „rundherum alles Spargelland“ war. „Der Boden ist heute noch sehr sandig.“ Zu Beitels Kindheitserinnerungen gehört auch ein Wakenitzfischer am Fahlenkampsweg. „Mein Vater hat bei ihm immer Spargel gegen Fisch getauscht, damit wir zu Großvaters Geburtstag ein großes Aal-Essen machen konnten.“ Heute führt Beitel den Betrieb allein und hat ihn auf den Anbau von Blumen und etwas Gemüse reduziert. „Es lohnt sich nicht mehr so, die Konkurrenz der Supermärkte ist zu groß“, sagt der Mann und freut sich umso mehr über Kunden wie Julia Böhm und Henry (6). „Näher kann man eine Einkaufsmöglichkeit nicht haben“, sagt die Mutter beim Blumenkauf. Sie liebt im Viertel die Natur ebenso wie das Urbane. „Die Stadt ist nah und gleichzeitig so fern.“

Von Cosima Künzel

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