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Lübeck Die Staatsanwaltschaft wird weiblicher
Lokales Lübeck Die Staatsanwaltschaft wird weiblicher
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13:33 10.11.2017
Ihr Chef nennt sie die „Leuchttürme“ der Lübecker Staatsanwaltschaft, v. l.: die neuen Ersten Staatsanwälte Meike Böckenhauer, Renate Hansen, Dorothea Röhl und Kai-Uwe Bergfeld. Quelle: Foto: Lutz Roessler
St. Gertrud

53 Staatsanwälte arbeiten in der Staatsanwaltschaft Lübeck, die für den Südosten Schleswig-Holsteins von Fehmarn bis zur Elbe zuständig ist. 27 davon sind Frauen, Tendenz steigend. Im Leitungsbereich spiegelt sich das noch nicht wider: Sieben von zehn Oberstaatsanwälten sind Männer. Das sei aber nur eine Frage der Zeit, sagt der Leitende Oberstaatsanwalt Ralf Peter Anders: „In 20 Jahren sitzt hier in meinem Job sicherlich eine Frau.“

So ist es wohl kein Zufall, dass drei von vier Kollegen, die jetzt befördert worden sind, Frauen sind. Dorothea Röhl (63), Meike Böckenhauer (49), Kai-Uwe Bergfeld (58) und Renate Hansen (53) dürfen sich jetzt Erste Staatsanwälte nennen. „Bei der Staatsanwaltschaft ist die Chance, befördert zu werden, relativ gering“, sagt Anders. Deswegen habe das Land Schleswig-Holstein die neue Amtsbezeichnung geschaffen. Die so Beförderten bekommen keine neue Funktion, aber mehr Sold. „Sie werden belohnt für herausragende Verdienste in langen Jahren für die Behörde“, erklärt Anders.

Der steigende Frauenanteil kann ein Grundproblem der Justizbehörden nicht verdecken: Der qualifizierte Nachwuchs wird knapp, während der Bedarf steigt. „Wir haben so viele neue Gesetze, dass wir mehr Personal brauchen“, sagt Anders. „Früher wollten alle in den Staatsdienst. Das ist nicht mehr so.“ Und das trotz der vergleichsweise familienfreundlichen Bedingungen. Für viele junge Juristen seien große Anwaltskanzleien attraktiver, weil sie mehr zahlten. „Freunde, mit denen ich studiert habe, verdienen jetzt das Vierfache von mir.“

Alle vier neu ernannten Ersten Staatsanwälte berichten von gestiegener Arbeitsbelastung. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Kai-Uwe Bergfeld, der für Organisierte Kriminalität zuständig ist, berichtet vom hohen Aufwand der Telefonüberwachung. In den 90er Jahren sei es noch relativ einfach gewesen. „Heute, mit den Handys, kommen Sie kaum hinterher. Die erste Stunde des Tages geht nur dafür drauf.“ Beschuldigte wechselten alle zwei, drei Tage die Sim-Karte. Dazu kommen die hohen Anforderungen des Datenschutzes: „Sie müssen alles dokumentieren. Alle Gespräche aus dem höchstpersönlichen Lebensbereich müssen Sie sofort löschen.“

Von steigenden Fallzahlen berichtet Renate Hansen, deren Schwerpunkt auf dem Jugendstrafrecht und dem Kinderschutz liegt. „Die Aufmerksamkeit ist gestiegen, dadurch kommen mehr Informationen an die Jugendämter und schließlich an die Staatsanwaltschaft.“ Immer häufiger seien Fälle, in denen Eltern mit psychischen Problemen ihre Kinder misshandelten. Viel Arbeit machen ihr die Anzeigen von Erwachsenen, die angeben, als Kinder misshandelt worden zu sein. Neue Herausforderungen sieht sie auf sich zukommen im Bereich der Kindesmisshandlung in Flüchtlingsfamilien. Meike Böckenhauer, die hauptsächlich in Fällen ermittelt, in denen der Verdacht auf tödliche, ärztliche Behandlungsfehler besteht, berichtet von einem immer komplexeren Klinikalltag. „Wenn man so ein Verfahren in Gang bringt, geht es bis in die höchsten Stellen der Krankenhäuser. Es ist schon so, dass man da sehr vorsichtig sein muss.“

Ihre Kollegin Dorothea Röhl, die auf die Verfolgung von Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen spezialisiert ist, stellt die Digitalisierung vor enorme Aufgaben: „Die Datenmengen sind erschlagend teilweise“, sagt sie. Auch die Möglichkeiten der Vertuschung seien größer geworden. „Wir hinken immer hinterher hinter dem, was unsere Wirtschaftskriminellen so können.“ Früher hätten Ärzte Betrug eher zugegeben, um Aufhebens zu vermeiden. Jetzt ließen sie sich von gut fortgebildeten Anwälten vertreten. „Manchmal hat man das Gefühl, man bekommt nur die Spitze des Eisbergs zu sehen.“

 Von Hanno Kabel

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