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Lübeck Die Tortendesignerin gibt nicht auf
Lokales Lübeck Die Tortendesignerin gibt nicht auf
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20:29 01.09.2016
Der große Traum vom Tortenverzieren liegt erst einmal auf Eis. Jetzt betreut die 49-Jährige Flüchtlinge. Quelle: Fotos: Rüdiger Jacob, Olaf Malzahn, Wolfgang Maxwitat

Sie hat Juroren für internationale Wettbewerbe geschult und sich als Lübecker Tortendesignerin einen sehr guten Ruf erarbeitet (die LN berichteten). Ein Prozess wegen angeblichen Verdachts des Verstoßes gegen die Handwerksordnung brachte für Sylvia Zenz das Aus. Trotz Freispruch kommt jetzt die Insolvenz. Firmenauftraggeber haben sich von der Tortendesignerin abgewandt. Aber sie hat schon neue Pläne.

Sylvia Zenz (49) hat ihre Existenz verloren – Für die Zukunft schmiedet sie aber schon viele neue Pläne.

„Vor zehn Jahren kannte das Tortendesign in Deutschland noch niemand“, erinnert sich Sylvia Zenz. Während eines verregneten Urlaubs surfte die in Köln geborene Wahl-Lübeckerin im Internet und stieß

auf das Tortendesign. Richtig fündig wurde die 49-Jährige dann in einem von einer Britin verfassten Torten-Talk. „Von da an habe ich angefangen, mir das Designen von Torten selbst beizubringen“, sagt die kreative Frau, die Kinderkrankenschwester gelernt und viele Jahre ihres Lebens als Fachkraft für Sozialpsychiatrie gearbeitet hat.

„Eigentlich war ich schon immer kreativ und künstlerisch tätig“, sagt Sylvia Zenz. „Die Tortengeschichte war nur ein neuer Werkstoff für mich.“ Damit würden alle Sinne angesprochen werden. „Und er ist vergänglich“, nennt sie das ausschlaggebende und wichtigste Motiv. Anfangs war der Lohn der Sisyphusarbeit das Staunen der Leute. „Man hat diesen unvergleichlichen Augenblick – und dann ist alles wieder weg. Keine geschenkte Kunst, die irgendwo im Keller oder auf dem Dachboden herumliegt“, sagt Sylvia Zenz. Der Kuchen ist der Designerin egal.

Es folgten Zeiten des exzessiven Tortendesigns. Nebenbei startete sie vor fünf Jahren als freiberufliche Dozentin in die Selbstständigkeit. Die Kenntnisse der Designerin waren deutschlandweit und auch bei Konditorenmeistern gefragt. Das nahm Sylvia Zenz dann auch zum Anlass, gestaltete Designtorten zu verkaufen. „Das ging drei Jahre gut“, erinnert sie sich. Dann kam Post von der Kreishandwerkerschaft. Der Vorwurf: Sylvia Zenz würde ohne Meisterbrief und ohne Eintrag in der Handwerksrolle handwerkliche Tätigkeiten ausüben. Widersprüche und Klarstellungsversuche verliefen erfolglos. Auch die Handwerkskammer schaltete sich ein. Und die Stadt Lübeck, die schließlich ein Bußgeld verhängte.

Dann kam es zum Prozess im vergangenen Sommer. Nach nur fünf Minuten Verhandlung folgte der Freispruch. Nach Auffassung des Gerichts könne der Tätigkeit der künstlerische Charakter nicht abgesprochen werden. Doch die Kunden sprangen trotzdem ab. Der Umsatz blieb aus, Zenz konnte Rechnungen nicht mehr bezahlen. Die Folge: Insolvenz trotz Sieg bei Gericht.

Vergrämt ist die alleinerziehende Mutter eines Sohnes trotzdem nicht. Nur die in ihren Worten nach „engstirnige Sicht“ der einstigen Prozessgegner ärgert sie bis heute. „Wer sich einmal näher mit der Ausbildungsordnung der Konditoren beschäftigt, merkt schnell, dass deren Arbeit mit meiner Kunst überhaupt nichts zu tun hat.“

Den Tortendesign-Laden in der Schönböckener Straße betreibt sie seit Juni dieses Jahres nicht mehr. Inzwischen lebt Zenz von Hartz IV. Ans Aufgeben denkt sie nicht. Trotzdem befinde sie sich nach allem Stress und Ärger derzeit in einem „Torten-Burnout“ und könne nicht einmal eine kleine Zuckerblume ausstechen. „Aber ich bin mir sicher, dass dieser Zustand nicht ewig andauert.“ Irgendwann werde sie wieder Torten designen, „ausgeflippte Dinger mit Beleuchtung oder so“. Einer ihrer Wünsche ist eine Reise nach Birmingham zum größten Tortenwettbewerb, von dem sie gehört habe. „Und dann kann ich mich hoffentlich endlich wieder auf meine künstlerische Arbeit konzentrieren.“

Bis es soweit ist, engagiert sich Sylvia Zenz im Lübecker Solidaritätszentrum und betreut Flüchtlinge. Täglich kümmert sie sich um ihre Belange, hilft bei der Wohnungssuche, bei Behördengängen und Arztbesuchen. Hier wird die kreative Künstlerin auch gern mal die Mutti gerufen.

Online-Schule

Per Video zeigt Sylvia Zenz in verschiedenen Kursen, wie beispielsweise eine Torte glatt eingedeckt wird. Der Online-Kurs handelt vom richtigen Stapeln, Schnitzen, Modellieren, schräg Aufeinanderstapeln, von besonderen Formen, der Farbenlehre. Kurz: Das gesamte Wissen der Tortendesignerin kann per Video angesehen werden. Über 160 Filme sind in einzelne Bereiche aufgebaut wie ein Buch. Näheres unter www.motivtorten-schule.de.

Rüdiger Jacob

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