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Lübeck Die Unruhe nach dem Sturm
Lokales Lübeck Die Unruhe nach dem Sturm
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22:55 29.10.2013
Bei Pinneberg blockierte ein Baum die Bahnstrecke von Hamburg nach Niebüll. Überall in Schleswig-Holstein waren Einsatzkräfte gestern mit Aufräumarbeiten beschäftigt. Quelle: Fotos: Hiltrop, dpa, IWK, Lindemann
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Lübeck

Lübeck — Fiede Nissen von der Insel Langeneß hat noch nie einen Strandkorb fliegen sehen, am Montag aber gleich drei Stück. „Das ist schon beeindruckend“, meinte er. Die Inseln und Halligen hat es besonders schwer erwischt. Auch Hartgesottene ließen Orkanböen mit Tempo 160 und mehr nicht kalt. Gestern offenbarten sich die Schäden. „Jeder auf der Hallig hat ein Loch im Dach“, berichtete Nissen.

Ein paar Kilometer weiter, auf Hallig Gröde, stand Reiner Mommsen und sagte: „Von der Scheune ist das halbe Dach weg. So viel Wind habe ich noch nie erlebt, das Meer hat hier schon richtig gekocht.“

Ähnlich klang es von Helgoland, wo „Christian“ mit Rekordtempo 191 vorbeifegte und das Dach der Schule abdeckte. „Auch die Älteren hier haben das noch nicht erlebt“, sagte Bürgermeister Jörg Singer.

Auf Sylt wurden die Autos vor der Tür des Restaurants „Sansibar“ in den Dünen „gesandstrahlt“, berichtete Laura Stodieck, die Assistentin von „Sansibar“-Chef Herbert Seckler.

Schockiert vom Ausmaß der Zerstörung zeigte sich auch Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis. „So etwas habe ich noch nicht gesehen. Manche Streckenabschnitte waren von Bäumen geradezu übersät.“ 71 umgestürzte Bäume wurden allein auf der Bahnstrecke zwischen Neumünster und Flensburg gezählt. Auf den Nord-Süd-Verbindungen und im Westen Schleswig-Holstein werde es wohl noch bis heute Abend zu Behinderungen kommen.

Auch die „Peter Pan“ hat es erwischt. Die Fähre der Reederei TT Lines hängt im Hafen von Trelleborg fest. Sie sei am Montag gegen 16.45 Uhr von einer Böe der Stärke zwölf getroffen worden, habe sich losgerissen und liege jetzt mit einem Teil des Hecks auf der Pier, sagte Geschäftsführer Hanns Heinrich Conzen. Es seien Schäden an der Pier und am Schiff entstanden, die genaue Höhe werde man heute früh abschätzen können. Man rechne aber mit einem Werftaufenthalt. Der Passagierfahrplan sei dank eines Ersatzschiffes aus dem Frachtverkehr nicht beeinträchtigt Trotzdem: Eine „Katastrophe“ war das Orkantief nicht. Es habe zu keinem Zeitpunkt einen Grund gegeben, Katastrophenalarm auszulösen oder einen landesweiten Einsatzstab zu bilden, sagte Innenministeriumssprecher Thomas Giebeler. In allen Kreisen Schleswig-Holsteins sei die Situation am Montag als „angespannt, aber beherrschbar“ bewertet worden. „Alle Einsatzkräfte standen unter einer extremer Belastung, aber sie haben allesamt Top-Arbeit geleistet“, sagte Landesbrandmeister Detlef Radtke. Der Sturm habe einmal mehr bewiesen, dass ein flächendeckendes Rettungssystem, wie es die Feuerwehr in Schleswig-Holstein habe, „absolut notwendig“ sei.

Über jede Menge Aufträge in den kommenden Wochen dürfen sich wohl die Zimmereien und Dachdecker-Betriebe freuen. „Wir wissen derzeit nicht, wo uns der Kopf steht“, sagte Maik Kofler von der Firma Cavier + Sohn in Lübeck. 60 Mal mussten seine Mitarbeiter gestern ausrücken, um kaputte Dächer zu sichern und Löcher behelfsmäßig zu flicken. Bis alle Reparaturen vollständig abgeschlossen seien, könnten Wochen vergehen.

In Wahlstedt (Kreis Segeberg) hatte Gert Götsche Glück im Unglück: Als er sich ansehen wollte, welchen Schaden der herabstürzende Teil eines Baumes auf dem Nachbargrundstück angerichtet hatte, knirschte es neben ihm ganz mächtig. Eine Birke in seinem Garten hob sich samt Wurzelwerk aus dem Boden und sauste um Haaresbreite neben ihm zu Boden. Auch der Carport wurde nur knapp verfehlt.

„Normalerweise“, sagte er, „steht daneben immer das Auto eines Kollegen, nur Montag nicht.“

Glück hatte auch eine 48-jährige Frau in Scharbeutz, die am Montag unter einem Baum begraben wurde. Nachdem sie mit Hilfe von Kettensägen befreit war, konnte sie direkt nach Hause gehen, sagte Wehrführer Sebastian Levgrün. Außer ein paar kleinen Schrammen sei ihr nichts passiert.

Welche Versicherung zahlt wofür?
Für Sturmschäden am Haus zum Beispiel durch umgestürzte Bäume kommt die Wohngebäudeversicherung auf. Schäden am Hausrat, also etwa beschädigte Möbel, übernimmt die Hausratversicherung. Sturmschäden sind grundsätzlich ab Windstärke acht abgesichert, was einer Windgeschwindigkeit von mehr als 62 Kilometern in der Stunde entspricht. Das Tief „Christian“ sorgte teils für deutlich mehr als 100 Stundenkilometer.

Bei Schäden am Auto greifen in der Regel Teil- oder Vollkasko des Autohalters. Fällt etwa ein Ziegel auf einen geparkten Wagen, ist laut der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein die Teilkasko zuständig. Versichert ist allerdings in der Regel nur der Zeitwert des Wagens. Fährt dagegen ein Autofahrer gegen einen bereits umgestürzten Baum, ist dies ein Unfall und ein Fall für die Vollkasko-Versicherung.

Bei Zugverspätungen wegen eines Sturms muss die Bahn ihren Fahrgästen den Fahrpreis teilweise erstatten: 25 Prozent bei 60 bis 119 Minuten, 50 Prozent bei mehr als zwei Stunden.

Oliver Vogt, Heike Hiltrop und Wolfgang Schmidt

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