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Lübeck Die Verwandlung
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18:10 30.12.2017
Innenstadt

Immer, wenn sich der in Amstedam geborene Sohn einer Theaterkünstler-Familie auf seine Show vorbereitet, geht es zuerst in den Backstage-Bereich: Ein Stuhl, ein Spiegel, ein Haufen Schminkutensilien, Perücken und das lange Abendkleid, in dem Haenen später als eine Diva erscheint.

Haenen sitzt vor dem Spiegel und rasiert sich erst einmal. Schließlich sollen keine Bartstoppeln durch den feinen Teint stechen. Danach wird geschminkt und gepudert. „Ein spannender Moment“, sagt der Künstler, der den Pinsel routiniert über das Gesicht schwingt. „Irgendwann ändert sich das eigene Verhalten, Gesten und Stimme werden plötzlich weiblicher.“ Spätestens mit dem Lippenstift ist es klar: Aus Reinier Haenen ist Hertha Ottilie geworden. Ist die Verwandlung schwierig? „Es ist ein Handwerk“, sagt der 45-Jährige. „Das Spannende ist, dass ich neben zwei Kollegen europaweit der einzige heterosexuelle Transvestit bin.“ Weder habe der Niederländer die Sehnsucht, eine Frau zu sein, noch seine weibliche Seite herauszukehren. „Ich habe auch keine sexuellen Gedanken dabei – es ist nur eine Rolle“, macht der Künstler deutlich. Travestie gelte als uralte Kunst. Zu Zeiten Shakespeares hätten Frauen nicht auf die Bühne gedurft. Die Julia habe immer ein schmächtiger Mann gespielt.

Zurück zur Maske: Inzwischen erinnert fast nichts mehr an einen Mann. Die Fingernägel sind knallrot lackiert, der Lidstrich sitzt, die langen Wimpern kleben. Jetzt noch die Strumpfhose an, Perücke auf und rein ins Glitzerkleid. Fertig ist das „Feuerwerk der Sinne“, wie Haenen sich als Hertha gerne betitelt. „Lübeck ist für mich eine echte Kulturhauptstadt. Europaweit kenne ich keine Metropole dieser Größe, die so viele Theater hat“, sagt der Niederländer. Eines ist dazugekommen, eines auf Rädern: Rainier Haenens „Theater Liebreiz“. Es ist ein ausgedienter und umgebauter Zirkuswagen, der momentan für Travestieshows auf dem Schrangen steht und mit dem der Künstler auch durch die Lande reist. 36 Sitzplätze bietet das 10,50 Meter lange Vehikel, eine kleine Bühne und den Backstage-Bereich.

Deutschland habe eine ganz besondere, langjährig gewachsene Varieté-Kulturszene, sagt Haenen, dessen Frau Janet ebenfalls Künstlerin ist. 2004 haben die beiden das „Theater Liebreiz“ gegründet, vor fünf Jahren verliebten sie sich in Lübeck und blieben.

Die Figur Hertha Ottilie ist schon ein wenig älter: Sie stammt aus dem Jahr 2003. Dabei sei es für ihn „eher ein Zufallsprodukt“ gewesen, Travestie zu machen. Es war ein Deutschlehrer, der mit der Klasse Haenens in das damalige Ostberlin fuhr, um ein Stück von Bert Brecht anzusehen. Reinier, damals 15, erstand ein erotisches Gedicht Brechts – „egal, wo ich später studierte, ob in England oder Deutschland, das Buch kam immer mit.“ Schließlich war der Gedanke geboren, den Text auf der Bühne umzusetzen. Für Haenen wurde schnell klar, dass man das nur als Frau machen kann. Das war die Geburtsstunde für Hertha Ottilie van Amsterdam.

Von Rüdiger Jacob

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