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Lübeck Die Waschbär-Babys aus dem Schornstein
Lokales Lübeck Die Waschbär-Babys aus dem Schornstein
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21:36 10.05.2016
Klein und kuschelig, aber als Haustiere nicht geeignet: die geretteten Babys (ein Weibchen und zwei Männchen) aus St. Jürgen. Quelle: Fotos: Holger Kröger

Gierig saugen „Onni“, „Protzi“ und „Lotor“ an der Milchflasche, ihre Augen sind noch geschlossen, schnell kuscheln sie sich danach wieder in den Schoß von Tierpfleger Ulf Erhart. Der 41-Jährige lacht verzückt. „So was habe ich auch noch nicht erlebt“, sagt er glücklich. Der Lübecker kümmert sich derzeit um drei kleine Waschbärbabys. Die Tierkinder wurden am Sonntag bei einem Feuerwehreinsatz zwischen 8.24 und 9.58 Uhr aus dem Schornstein eines Einfamilienhauses im Dohlenweg gerettet.

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Feuerwehr rettet drei mutterlose Jungtiere — Ein Pfleger päppelt die Kleinen jetzt auf.

Wie sie in den Schornstein geraten waren? „Ein Waschbär klettert überall hin, wo er mit dem Kopf durchpasst“, sagt der Bad Schwartauer Umweltschützer und Stadtjäger Gert Kayser. Besonders beliebt seien warme Plätze — da biete sich ein Schornstein ja an. Die Bewohner des Hauses hatten am frühen Morgen Geräusche aus dem Kamin gehört und die Feuerwehr gerufen. „Die Kollegen öffneten die sogenannte Revisionsklappe, entdeckten die drei Jungtiere und nahmen sie mit Handschuhen aus dem Schornstein“, erzählt Sven Kunz vom Leitungsdienst der Feuerwehr.

In der Hoffnung, dass die Mutter sich vielleicht wieder zu den Babys geselle, habe man sie in einer speziellen Tierbox nach draußen gestellt. Doch von der Waschbär-Mutter sei weit und breit nichts zu sehen gewesen, so Kunz. „Sie kann gestorben sein, am wahrscheinlichsten bei einem Autounfall“, vermutet Gert Kayser.

Als jedenfalls keine Waschbär-Mama auftauchte, kam das Tierheim in Person von Pfleger Ulf Erhart ins Spiel. Er nahm sich der Kleinen an. „Sie waren ganz propper, als sie kamen. Jetzt brauchen sie nur viel Wärme und jede Menge Hundewelpenmilch“, erzählt Erhart, der jetzt Ersatz-Papa für die drei Racker ist. Das Alter schätzt er auf etwa 19 Tage, denn die Kleinen versuchen schon langsam, ihre Augen zu öffnen — und das passiert meist drei Wochen nach der Geburt.

Bisher ist der Nachwuchs, der rund 250 bis 300 Gramm wiegt, recht pflegeleicht. „Wenn die Waschbären vollgefuttert sind, schlafen sie nachts sogar durch“, erzählt der Tierpfleger. Tagsüber machen sie dafür ordentlich Radau. Kollektiv fangen sie an zu schreien, sobald sie Hunger bekommen. Und das passiert manchmal alle paar Minuten, in der Regel aber alle ein bis zwei Stunden. Den Tag verbringen die Waschbären mit ihren Ersatz- Papa im Tierheim. Zum Feierabend packt er die mit Handtüchern gepolsterte Transportbox in seinen Rucksack, schnallt ihn auf und fährt mit dem Rad nach Hause nach Schlutup.

„Dann machen wir eine kleine Fahrradtour, ich lasse den Rucksack ein bisschen auf, damit Frischluft reinkommt; und ansonsten müssen die Tiere es warm haben“, so Erhart. Zu Hause erwarten die Waschbären schon so einige Mitbewohner. Ein grüner Leguan, drei Katzen und Eichhörnchen „Quirly“ leben bereits bei dem 41-Jährigen. „Quirly“ ist ebenfalls ein Findeltier, das Erhart vor einer Woche aufgenommen hat. Es erholt sich derzeit von einem Schädelhirntrauma.

Die kleinen Waschbären erkunden derweil ihre Umgebung. Auch, wenn die Äuglein noch geschlossen sind, wollen sie schon aus der Transportbox krabbeln. Sobald sie fit genug sind, will Ulf Erhart sie in einem eingezäunten Gebiet auf dem Tierheimgelände laufen lassen. „Die Waschbären werden zwangsläufig zahm, sie können deshalb auch nicht wieder ausgewildert werden. Sie werden nachher in einen Zoo ziehen“, erklärt der Tierpfleger.

Gefräßiger Kleinbär

Der Waschbär (Procyon lotor) ist ein   allesfressendes Raubtier,   verwandt mit dem Marder. Er wird 41 bis 71 Zentimeter groß und hat ein Gewicht von 3,6 bis neun Kilogramm. Der Waschbär ist der größte Vertreter der Familie der Kleinbären. Sie sind überwiegend nachtaktiv und leben bevorzugt in gewässerreichen Laub- und Mischwäldern. Sie sind sehr anpassungsfähig, weshalb sie zunehmend auch in Bergwäldern, Salzwiesen und urbanen Gebieten leben.

Urspünglich ist der Waschbär in Nordamerika beheimatet, seit Mitte des 20. Jahrhunderts ist er — entkommen aus Gehegen oder ausgesetzt — auch auf dem Europäischen Festland, im Kaukasus und in Japan anzutreffen.

65 Tage etwa ist das Waschbär-Weibchen trächtig, bevor es im Frühling zwei bis fünf Junge zur Welt bringt. Die Welpen werden von ihrer Mutter bis zur Trennung im Herbst allein aufgezogen. In Gefangenschaft leben Waschbären deutlich länger als in Freiheit.

Von Maike Wegner und Sabine Risch

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