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Die Weihnachtsengel aus dem Hafen

Lübeck Die Weihnachtsengel aus dem Hafen

Das Seemannsleben ist nicht romantisch. Die Leute an Bord arbeiten sieben Tage die Woche und sind monatelang fern von der Heimat. Um sich für die Würde dieser Menschen einzusetzen, ist die Seemannsmission auch in Lübeck im Einsatz.

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Bärbel Reichelt (48) lädt am Lehmannkai die Geschenkkisten aus und bringt sie an Bord des Schiffes „Plyca“.

Quelle: Fotos: Cosima Künzel

Lübeck. Bärbel Reichelt (48) schaltet die Warnleuchte auf dem Wagen an und fährt über das Hafengelände. Hinter Containern und Lkw taucht am Lehmannkai die „Plyca“ auf. Mit über 200 Metern Länge ist das weiße Frachtgutschiff ein Stammgast im Hafen, und die Seemannsmission geht regelmäßig an Bord. „Das ist besonders schön, weil uns viele der Seeleute schon kennen“, erzählt die Mitarbeiterin des Vereins und hält am Heck Schiffes.

LN-Bild

Das Seemannsleben ist nicht romantisch. Die Leute an Bord arbeiten sieben Tage die Woche und sind monatelang fern von der Heimat. Um sich für die Würde dieser Menschen einzusetzen, ist die Seemannsmission auch in Lübeck im Einsatz.

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Stationen in der ganzen Welt

700 Haupt- und Ehrenamtliche arbeiten weltweit für die Seemannsmission. Als selbstständige diakonische Einrichtung ist sie Teil der evangelischen Kirche. In Deutschland hat sie 16 Stationen und ist in 18 Häfen in Europa, Amerika, Afrika und Asien vertreten.

Wie ein riesiges Maul gähnt ihr die Ladeluke entgegen, und der Mann im orangefarbenen Arbeitsanzug am Fuß der Rampe erscheint winzig. Er gehört zur 22-köpfigen Besatzung der „Plyca“ und nimmt Reichelt in Empfang. Zwei Kartons mit Geschenken hat sie mitgebracht. Insgesamt verteilt die Seemannsmission 500 Präsente in den Häfen der Hansestadt. Gepackt haben diese die 15 Ehrenamtlichen des Vereins. „Ohne die Freiwilligen wäre das nicht möglich“, sagt Reichelt anerkennend.

Los geht es ins Innere des Schiffes. Ein Stahlkoloss mit einem Gewirr schmaler Treppen, Stufe um Stufe geht es hinauf. Der Geruch von Maschinenöl wechselt zu Kurzgebratenem, als die Theologin mit dem Seemann die Aufenthaltsräume erreicht. „Kapitän?“, fragt der Mann und macht sich dann auf die Suche nach dem Schiffsführer. Neben dem Tannenbaum wartend, erzählt die 48-Jährige vom Leben der Männer an Bord. In der Regel sind die Seeleute Monate von ihren Familien getrennt. An Bord arbeiten sie sieben Tage die Woche – und wenn sie mal frei haben, können sie in den Häfen kaum etwas unternehmen. „Das ist ein hartes Leben“, sagt Reichelt, die mit Kollegin Katharina Bretschneider (32) die Lübecker Seemannsmission betreut.

Gegründet wurde diese 1906. Seit einigen Jahren befindet sie sich am Lehmannkai in einem ehemaligen Gebäude der Flender-Werft in Siems. „Wir sind dankbar, dass die Reederei Lehmann uns Räume kostenlos zur Verfügung stellt“, betont Reichelt. Denn die Seemannsmission ist auf Unterstützung, Spenden und ehrenamtliche Helfer angewiesen. Nur so kann abends auch der Seemannsclub „Sweder Hoyer“

öffnen, der von Freiwilligen betreut wird und ein Treff für die Seeleute ist. In dem Raum mit Billardtisch, Dart, Gitarren, Sofas und Schiffsgemälden finden die Matrosen und Maschinisten Ansprechpartner und Hilfe. Hier können sie lesen, spielen oder mit der Familie per Internet Kontakt aufnehmen. „Es sind nur kleine Dinge, aber die Seeleute freuen sich sehr“, erzählt Bretschneider mit Blick auf das Gästebuch voller Fotos, Weihnachtswünsche und Dankeschöns.

Um auf das Angebot aufmerksam zu machen, besuchen Reichelt und Bretschneider so viele Schiffe wie möglich in den 17 Häfen der Hansestadt Lübeck mit über 30 Liegeplätzen. Mit Tausenden Schiffsanläufen im Jahr ist das keine einfache Aufgabe. „Wir schauen jeden Morgen am Rechner, welches Schiff wo liegt, und besuchen zuerst die, die noch nie oder lange nicht da waren“, erklärt die 32-jährige Diakonin. Je nachdem, ob die Besatzung Zeit hat oder nicht, verteilen sie Flyer oder gehen aufs Schiff. Oft ist es stressig an Bord, aber manchmal gibt es Zeit für einen Kaffee, ein Gespräch. „Dann erzählen sie auch mal was Persönliches oder zeigen Familienfotos.“

Zurück an Bord. Der Kapitän ist da. Der Holländer Jan Hoek (54) nimmt die Pakete dankend entgegen und verteilt sie an die Männer, die gerade beim Mittagessen sitzen. Kotelett, Reis und Rotkohl stehen auf dem Tisch. Auch wenn die Pause kurz ist, erzählen die Bootsmänner und Leichtmatrosen gern von ihrer Arbeit an Bord und noch lieber von zuhause.

Der Großteil der Besatzung stammt von den Philippinen im westlichen Pazifischen Ozean. Reichelt erzählt, dass die Filipinos „immer besonders höflich und zuvorkommend“

seien. Sie haben in der Regel Verträge über sieben, acht Monate und unterstützen mit ihrem Verdienst die ganze Familie zu Hause. Sehen können sie sie monatelang nicht. Auch Weihnachten bleiben sie an Bord.

So wie John Hamilton (24). Der Maschinist-Assistent ist zur Zeit als Wache eingeteilt und macht Schichtdienst von 8 bis 12 Uhr und 20 bis 24 Uhr. Der Besuch der Seemannsmission ist ein Lichtblick für ihn. „Die geben uns ein bisschen Fröhlichkeit und das Gefühl, dass jemand an uns denkt.“ Auch Smutje Rod Cariga (27) lächelt. Ein Lächeln, bei dem sich Tränen in den Augen sammeln. Als er im Frühjahr an Bord ging, hatte sein erstes Kind gerade das Licht der Welt erblickt. „Als ich losfuhr, war sie 24 Tage alt.“ Nun hat er die Kleine und seine Frau sieben Monate lang nicht gesehen, nicht in den Armen halten können. Aber im Februar sieht er sie wieder. „Das wird mein schönstes Geschenk.“

Cosima Künzel

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