Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Die barmherzigen Taubenretter
Lokales Lübeck Die barmherzigen Taubenretter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:19 06.07.2017
Um die scheuen Tauben anzulocken, streuen Rüdiger Muß und Christine Krämer auf dem Markt Weizenkörner. Quelle: Fotos: Hanno Kabel
Innenstadt

Ein kleiner Junge rennt auf dem Markt einer Taube nach. Sie läuft vor ihm weg, ängstlich, kurz davor, fliegend das Weite zu suchen. „Nicht!“, sagt Volker Huth, ein großer Mann mit Vliesweste, und blickt streng durch seine ovalen Brillengläser. Der Junge zieht sich zurück, die Taube bleibt am Boden. Es ist ein kleiner Erfolg für Volker Huth (59). Mit anderen Tierschützern kümmert er sich um das Wohl der Tauben. Sie haben den Verein Stadttauben Lübeck gegründet. Regelmäßig ziehen sie durch die Stadt, um verletzte Tiere zu finden.

Ein Verein von Tierschützern hilft kranken und verletzten Tauben. Wie man die Zahl der Vögel auf Dauer reduziert, ist umstritten.

Die Stadttauben können nur in der Nähe von Menschen überleben – aber diese Nähe ist nicht immer gut für sie. Immer wieder finden die Tierschützer Tauben, deren Füße von Textilfäden abgeschnürt und verstümmelt sind; Tauben mit gebrochenen Flügeln; Tauben mit kahlen Stellen; hilflose Küken. Sie verarzten die Tiere und lassen sie wieder frei, wenn möglich. Wenn die Tauben nicht allein überleben könnten, kommen sie auf einen „Lebenshof“. Nicht selten sind die Tiere auch Opfer von absichtlicher Quälerei. Christine Krämer (57) erzählt: „Da war ein Autofahrer, der eine Taube angefahren und sie dann in einen Glascontainer geschmissen hat.“ Für ihre Rettungsaktionen bekommen die Tierschützer nicht nur Beifall. „Ich hab’ schon mal einen Krückstock zwischen die Beine gekriegt“, sagt Christine Krämer. Volker Huth erzählt: „Zu mir hat mal einer gesagt: ,Wenn jetzt hier keine Menschen wären, würde ich dich plattmachen!‘“

Nach einer groben Schätzung der Tierschützer gibt es in der Innenstadt etwa 1000 Tauben – zu viele, sagen sie. „Die sind permanent hungrig“, erklärt das Vereinsmitglied Rüdiger Muß (59). „Deshalb laufen sie permanent am Boden rum.“ Die Tauben sind dort, wo viele Menschen, viele Essensreste, wenige Autos und genügend Nischen zum Brüten sind – auf dem Markt, auf dem Klingenberg, an der Marienkirche, auf dem Koberg.

Die Fenster im Chor der Marienkirche sind mit langen Metallspießen bewehrt. Trotzdem hat eine Taube dort ein Nest gebaut. Die Taubenschützer setzen auf ein anderes Mittel, um die Zahl der Vögel zu reduzieren: Sie ersetzen Eier durch Gipsattrappen. Erste Erfolge seien sichtbar: „Am Bahnhof ist die Population merklich gesunken“, berichtet Christine Krämer. Das Fernziel der Taubenschützer: Die Population in der Innenstadt soll auf 150 gesenkt werden. Die sollen dann in Taubenschlägen brüten und artgerecht ernährt werden.

Ob die Tauben durch das Austauschen von Eiern auf Dauer weniger werden, ist allerdings umstritten. Der Biologe Daniel Haag-Wackernagel von der Universität Basel erforscht Stadttauben seit Anfang der 80er Jahre und ist international als Experte gefragt. Er nennt einen einfachen Zusammenhang: „Wenn die Nahrungsversorgung sinkt, gehen die Populationen zurück.“ 1988 begann Basel unter Haag-Wackernagels wissenschaftlicher Anleitung die „Taubenaktion“. Mit Plakaten und Broschüren wurde die Bevölkerung aufgeklärt: „Tierschutz ist: Tauben nicht füttern“.

So gelang es nach Angaben des Biologen, die Population von mindestens 20000 dauerhaft auf 8000 bis 10000 zu senken. Von der Methode des Eieraustauschs hält er gar nichts. „Es gibt keinen einzigen Nachweis, dass das irgendwas genützt hätte. Es gibt nur Behauptungen“, sagt er. „Die Nachwuchsrate bei Tauben ist so hoch, dass Sie ihnen gar nicht so große Verluste zufügen können, dass sie das nicht kompensieren könnten.“

Die Rettungsaktionen der Tierschützer lobt er trotzdem: „Das ist ein humanitärer Akt. Die Tauben würden einfach elend zugrunde gehen. Wir dürfen nicht vergessen: Die Tauben sind die Opfer.“

Vom Fels in die Städte

Die Straßentauben, wie sie in Städten weltweit vorkommt, sind verwilderte Haustauben. Urahn ist die Felsentaube, wie sie unter anderem an der Mittelmeerküste vorkommt.

Seit der Antike gilt die Taube als Symbol der Liebe und Friedfertigkeit – wohl wegen ihrer paarbindenden Verhaltensweisen wie Schnäbeln. In neuerer Zeit ist sie aber auch als „Ratte der Lüfte“ in Verruf gekommen. Tatsächlich können Tauben Parasiten auf Menschen übertragen. Taubenzecken können bei Menschen schwere Allergien auslösen.

 Hanno Kabel

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige