Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
„Die ersten Stunden sind Adrenalin pur“

Lübeck „Die ersten Stunden sind Adrenalin pur“

Insolvenzverwalter Klaus Pannen verkaufte den Flughafen und managt den Hafenbetriebsverein – Im Interview verrät er, was der Airport mit einem Topf Reis zu tun hat.

Lübeck. Lübeck Es war die Woche von Klaus Pannen. Der Insolvenzverwalter hat den Flughafen verkauft – und muss sich gleich wieder um ein lübsches Unternehmen kümmern, das pleite ist: den Hafenbetriebsverein (HBV). Jetzt sitzt Pannen in einem Raum am Koberg – hanseatisch gediegen. Er ist dort untergeschlüpft, in einer Anwaltskanzlei. Diese Adresse ist eine von bundesweit zwölf, an denen sein Name prangt. Sein Hauptsitz ist in Hamburg, Neuer Wall. Das Büro dort hat Fenster bis zum Boden, der Blick fällt auf Hamburgs Rathaus. Es geht schlechter. Im Lübecker Büro erzählt der 64-Jährige wie sein Job funktioniert – und was ihm dabei schwer fällt.

 

LN-Bild

Jede Entlassung fällt mir schwer, weil hinter jeder Kündigung menschliche Schicksale stehen.“Insolvenzverwalter Klaus Pannen (64)

Wie findet man eigentlich einen Käufer für einen Flughafen? Rufen Sie die Leute an und fragen: Wollen Sie einen Airport kaufen?

Klaus Pannen: Beim Flughafen haben sich zahlreiche Investoren initiativ gemeldet. Zu Beginn des Investorenprozesses gab es 20 Interessenten. Im Laufe der Zeit trennt sich dann die Spreu vom Weizen. Winfried Stöcker meldete sich erst, als Wizz Air wegging. Was für mich ein Tiefschlag war, war für ihn der Grund, sich zu engagieren.

Warum haben Sie den Flughafen nicht abgewickelt?

Pannen: Ich bin immer bestrebt, die Betriebe fortzuführen. Es gibt auch Verwalterkollegen, die einen Betrieb sofort zerschlagen – das ist die einfachere Übung. Ich versuche, das Unternehmen zu sanieren, und bin quasi als ein Notarzt für in die Krise geratene Unternehmen tätig. Die spannende Herausforderung meiner Tätigkeit ist es, sich immer wieder in die verschiedenen Branchen einzuarbeiten – einmal hat man es mit einem Flughafen zu tun, in Dithmarschen jetzt mit einer Pralinenmanufaktur. In Detmold habe ich einmal eine sehr große Möbelfabrik monatelang fortgeführt und saniert, bis ich einen Investor gefunden habe, der dann eingestiegen ist und sie übernommen hat.

Dennoch müssen Sie Mitarbeiter entlassen

Pannen: Häufig ist es so, dass die Unternehmen zu viele Mitarbeiter beschäftigen.

Am Flughafen verlieren von einst 85 Mitarbeitern gut 50 ihren Job. Fällt Ihnen das leichter als den eigentlichen Chefs?

Pannen: Jede Entlassung fällt mir schwer, weil hinter jeder Kündigung menschliche Schicksale stehen. Die Mitarbeiter sind ja keine Nummern, sondern Menschen. Ich verhandele mit dem Betriebsrat, wer entlassen werden muss. Im Anschluss schließen wir einen Interessenausgleich und Sozialplan ab.

Ist es nicht bitter, dass es die normalen Leute trifft und nicht die Chefs? Beim Flughafen ist Mohamad Rady Amar verschwunden, Yongqiang Chen nach China abgehauen ....

Pannen: Häufig sind die Gesellschafter der insolventen Unternehmen selbst auch finanziell am Ende, weil sie ihr gesamtes Vermögen in das Unternehmen investiert haben. Es gibt aber auch Fälle, in denen Gesellschafter noch über ein großes Privatvermögen verfügen.

Haben Sie Amar noch mal gesehen?

Pannen: Nein, nie.

Und Herrn Chen?

Pannen: Herr Chen war plötzlich verschwunden. Nach meiner Wahrnehmung muss er über Nacht Deutschland verlassen haben. Er hat in Schnakenbek gewohnt. Als wir in sein Haus gingen – das zur Insolvenzmasse gehörte – stand noch ein Topf Reis auf dem Herd. Und die Geburtsurkunde seiner Tochter war ebenfalls noch vor Ort.

Nach dem Flughafen jetzt der Hafenbetriebsverein (HBV). Wie kann man sich das vorstellen: Ruft das Gericht an und sagt: Herr Pannen, jetzt müssen Sie zum Hafen?

Pannen: Genau so. Es ruft die zuständige Richterin an. Sie hätte einen Insolvenzantrag vorliegen und fragt an, ob ich das Mandat übernehmen würde.

Was ist so spannend am HBV?

Pannen: Spannend ist, sich in die Strukturen einzuarbeiten, einzudenken und mitzugestalten. Man fährt sofort hin, weiß nicht, was einen erwartet, kennt die Leute nicht, kann in dem Moment nicht einschätzen, wie die Gesamtsituation ist. Die ersten Stunden sind Adrenalin pur.

Was kommt einem da entgegen auf der ersten Betriebsversammlung?

Pannen: Das ist sehr unterschiedlich. In 90 Prozent der Fälle sind die Mitarbeiter jedoch erleichtert, dass der vorläufige Insolvenzverwalter die Dinge ordnet und dafür sorgt, dass die Gehälter bezahlt werden. In der Pralinenmanufaktur in Dithmarschen habe ich den Leuten gesagt, dass sie ihr Geld erhalten, ich den Betrieb fortführe, einen Investor suche und dass ein Großteil der Mitarbeiter wahrscheinlich seinen Arbeitsplatz behält. Die Mitarbeiter haben am Ende der Betriebsversammlung geklatscht. Das erlebe ich oft. Die Betriebsversammlung beim HBV war etwas anders.

Erzählen Sie mal.

Pannen: Die Mitarbeiter hatten schon mittags über das Internet und Radio vom soeben gestellten Insolvenzantrag erfahren. Entsprechend hoch kochten die Emotionen, als ich um 16 Uhr zur Betriebsversammlung eingeladen hatte. Vorstand und Geschäftsführer wurden verbal verprügelt. Da ging es hoch her. Die Vorwürfe bezogen sich aber nicht auf mich.

Wie geht man damit um?

Pannen: Mit Geduld. Ich übe mich im Zuhören und versuche, Ruhe in das Verfahren zu bringen.

Der Geschäftsführer hatte mir gegenüber gesagt, dass er rund 50 Leute zu viel hat. Stimmt das?

Pannen: Ich werde mir selbst ein Bild machen, ob zu viele Mitarbeiter an Bord sind. Und wenn ja, wie viele zu entlassen sein werden. Ein etwaiger Abbau würde selbstverständlich nur im Einvernehmen mit dem Betriebsrat erfolgen.

Der Vorwurf, der Arbeitnehmerseite ist: Die Chefs wollen über das Insolvenzverfahren hauptsächlich Leute loswerden.

Pannen: Die Insolvenzanmeldung ist nicht optional. Es gibt einen Insolvenzgrund. Der Hafenbetriebsverein ist überschuldet. Dann ist der Vorstand verpflichtet, einen Insolvenzantrag zu stellen. Der Vorstand konnte nicht wählen: Machen wir das, oder machen wir das nicht? Wenn die Insolvenz verschleppt wird, haftet der Vorstand mit seinem Privatvermögen.

Wie geht es weiter mit dem HBV?

Pannen: Bis Ende Juli habe ich Zeit, ein Gutachten zur wirtschaftlichen Situation des HBV und zu den Insolvenzgründen bei Gericht einzureichen. Bis dahin – und möglicherweise darüber hinaus – wird der Betrieb uneingeschränkt fortgeführt. Ich prüfe derzeit die Möglichkeiten einer Sanierung.

Flughafen und HBV sind beides Unternehmen, die mit der Stadt zusammenhängen. Sind Sie darauf spezialisiert – auf solche Dreiecksbeziehungen von Firmen?

Pannen: Nun, in Lübeck habe ich mich sehr eingearbeitet.

Sie müssen in kurzer Zeit eine Branche überblicken, die Sie nicht kennen. Wie macht man das?

Pannen: Es ist immer unterschiedlich. Am Anfang bin ich zunächst auf die Informationen angewiesen, die ich aus dem Unternehmen erhalte. Gelegentlich hole ich mir für Spezialfragen auch Rat von Branchenkennern. Beim Flughafen von Herrn Siegmar Weegen, dem ehemaligen Flughafen-Manager.

Gibt es auch Chefs von insolventen Unternehmen, die nicht mit Ihnen zusammenarbeiten?

Pannen: Ja, die gibt’s – aber nur selten. Eine Betriebsfortführung wird dann natürlich ungleich schwerer. Andererseits gibt es auch immer eine zweite Führungsebene im Unternehmen, die dann hilft.

Sie haben es in der Hand zu sagen: Das Unternehmen wird gerettet oder nicht. Haben Sie schlaflose Nächte? Oder ist das ganz klar?

Pannen: Häufig ist das nicht ganz klar. Oft steht es auf der Kippe, ob man das Unternehmen sanieren kann. Die Kostenseite ist genau ermittelbar, aber die Erlösseite ist in der Regel nicht sicher.

Wo ist dann der Punkt, an dem Sie sagen: Hopp oder top?

Pannen: Man sammelt Informationen, erstellt Businesspläne. Bei größeren Unternehmen bespricht man mit dem Gläubigerausschuss, ob auf Grundlage des Businessplans das Unternehmen fortgeführt oder eingestellt werden sollte.

Sie haben es immer mit Pleiten zu tun. Warum haben Sie sich das ausgesucht?

Pannen: Es ist in meinen Augen eine sehr anspruchsvolle Management-Aufgabe, die ich erfülle: sowohl juristisch als auch betriebswirtschaftlich herausfordernd.

Wird einem vorgeworfen, dass man mit der Pleite anderer verdient ?

Pannen: Die Insolvenzverwaltertätigkeit wird gut bezahlt. Aber es ist eine schwierige Aufgabe, juristisch und kaufmännisch sehr anspruchsvoll und sehr zeitaufwendig. Ich arbeite sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag. Und man kann seine Zeit nicht planen, nicht steuern.

Warum sind Sie nicht beispielsweise Strafverteidiger geworden?

Pannen: Ich war in jungen Jahren drei Mal als Strafverteidiger tätig. Das ist nichts für mich. Ich könnte keinen Mörder vertreten. Als Insolvenzverwalter stehe ich immer auf der Seite der Gläubiger. Das ist für mich die richtige Seite. Das kann ich für mich gut vertreten.

Interview: Josephine von

Zastrow, Foto: Lutz Roeßler

Der Insolvenzverwalter

Bodenständig – das ist der Mann. Klaus Pannen (64) hat in seinem Leben nie die Adresse gewechselt. Er wohnt immer noch im Haus seiner Kindheit in Elmshorn. Heute mit seiner Frau, mit der er drei Kinder hat. Auch beruflich hat er die Büros kaum gewechselt. Am Neuen Wall in Hamburg prangt sein Namensschild – es ist dieselbe Adresse seines ersten Jobs als Anwalt. Nach Bundeswehr und Banklehre studierte Pannen Jura an der Uni Hamburg. 1982 kam er als Anwalt in die Kanzlei Scherzberg &

Undritz, aus der später White & Case LLP wurde. Seit 1988 war er Partner, leitete später die Insolvenzabteilung – und ging 2007. Er gründete seine eigene Kanzlei, hat 50 Mitarbeiter an zwölf Standorten. Pannen ist seit 2013 Honorarprofessor für Insolvenzrecht. In 30 Jahren hat er 2000 Unternehmensinsolvenzen begleitet, davon 200 Firmen gerettet.

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Wer wird Saxes Nachfolger? Klicken Sie hier, um sich über alle Kandidaten, Termine und Ergebnisse zur Bürgermeisterwahl 2017 in Lübeck zu informieren!

Es ist entschieden: Jan Lindenau wird Nachfolger von Bernd Saxe. Klicken Sie hier, um sich über alle Ergebnisse, Reaktionen und Folgen der Bürgermeisterwahl zu informieren. mehr

Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. Klicken Sie hier, um die Galerie für den November 2017 zu sehen!

Sollte die Direktwahl von Bürgermeistern abgeschafft werden?

  • Hochzeitszauber
    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informationen und kompetente Ansprechpartner in und um Lübeck für Ihre Traumhochzeit.

    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informat... mehr

  • Reisetipps
    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber.

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Essen und Trinken
    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich ausgefallene Restaurants und welcher Wein passt wozu.

    Hier erfahren Sie alles rund um die Themen Essen und Trinken. Neue Rezepte und Tipps, worauf muss ich bei den Lebensmitteln achten, wo finde ich au... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Ausstellungen, Theater, Konzerte und mehr in Lübeck und Umgebung.

Die Lübecker Wochenmärkte

Hier geht es zu unserem großen Wochenmarkt-Special.

Uni

Hier finden Sie alle Informationen rund um die Universität Lübeck.

Bürgerschaft

Alle Politiker mit Bild, Beruf und Wahlversprechen.

Achtung, Baustelle!

Auf dieser interaktiven Karte zeigen wir Ihnen aktuelle Baustellen in Lübeck.

VfL Bad Schwartau

Hier gibt's alle aktuellen Infos zum VfL Bad Schwartau.

VfB Lübeck

Hier finden Sie alle Informationen zum VfB Lübeck.

Cougars

American Football: Spielberichte und Video.

TSV Travemünde

Alles zu den Handball-Damen der "Raubmöwen".