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Lübeck Die fliegenden Glocken vor St. Aegidien
Lokales Lübeck Die fliegenden Glocken vor St. Aegidien
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20:46 09.06.2017
Die 1748 in Danzig hergestellte Glocke wurde wegen eines Risses im Dezember 2016 abgeholt und wieder aufgearbeitet. Gestern wurde sie von Kranführer Bernd Bever zu Boden manövriert. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat

„Ist das nicht seltsam“, murmelt Pastor Thomas Baltrock und blickt auf die zwei Glocken, die seit gestern morgen im Inneren der Kirche lagern, „wir arbeiten hier immer noch an den Folgen des Zweiten Weltkrieges.“ Damals, erzählt er, habe man die ursprünglich vier Glocken von St. Aegidien für die Rüstungsindustrie einschmelzen wollen. Man holte sie aus dem Turm hinab, doch das Kriegsende verschonte die jahrhundertealten Klangkörper. Eine Glocke aber verschwand. „Wir wissen bis heute nicht, was mit ihr passiert ist“, sagt Baltrock.

Der Glockenstuhl der Handwerkskirche ist bald wieder komplett – Klangkörper aus dem 18. Jahrhundert kam gestern aus der Reparatur zurück – Weitere Glocke wurde extra neu gegossen.

Seither war der Glockenstuhl der Handwerkskirche unvollständig – und eine der drei übriggebliebenen bekam noch einen Riss. „Sie klang immer ein bisschen nach Topfschlagen“, erzählt er. Und weniger nach einem „E“. Deswegen blieb sie schon seit mehreren Jahren stumm und wurde im Sommer 2016 abgeholt. In der Glockengießerei Rincker hat man ihr ihren Ton zurückgegeben – und dazu noch eine neue vierte Glocke gegossen. „Der Glockenstuhl ist schließlich einmal für vier Kirchenglocken gebaut worden“, erklärt Bauingenieurin Diana Kaphingst vom Architektenbüro Anglis und Partner. Das ungleich verteilte Gewicht von drei Glocken habe zu einer Belastung der Konstruktion geführt, die durch den Neuzugang wieder ausgeglichen werden soll.

Baltrock ist vom Anblick der noch silbern schimmernden Glocke tief gerührt. „Vor allem das Baujahr 2017 bewegt mich“, sagt der Pastor. Denn St. Aegidien wurde im Krieg nicht zerstört, der Glockenstuhl wurde im 16. Jahrhundert gefertigt und ist aus Sicht des Denkmalschutzes besonders wertvoll. „Deswegen finde ich es so schön, dass wir in diesem Jahr noch eine Glocke gießen lassen konnten, um diese alte Konstruktion zu vervollständigen.“

Baltrocks Freude über die Anlieferung der beiden Schwergewichte ist gestern morgen allerdings so groß, dass er hin und wieder wegsehen muss. Nämlich immer dann, wenn die beiden Glocken beim Abladen Schwierigkeiten machen. Als Kranführer Bernd Bever seine bronzene Ladung in Zeitlupe über den Kirchhof fliegen lässt, sind die Zuschauer noch ruhig. „Man braucht Geduld, das ist eine besondere Ladung“, sagt Bever. Die er aber unbeschadet zu Boden bringt. Als es später aber darum geht, die Glocken über eine Rampe auf Palettenwagen ins Kircheninnere zu schaffen, gilt es, ein paar steile Spannungskurven auszuhalten. 900 Kilo wiegt die alte Glocke, 950 die neue und beide wollen sich nicht so recht über die Rillen und Kanten im Eingangsbereich ziehen lassen. Mit Hilfe von spontan zurechtgehauenen Balken und Hebeln schaffen es die Männer aber doch noch, das Gusswerk die steinernen Stufen hinabzuziehen.

„Die Glocken werden jetzt bis zum 18. Juni im Kirchenraum stehen und können besichtigt werden“, sagt Baltrock. An diesem 18. Sonntag wird die neue Glocke dann im Gottesdienst um 10 Uhr geweiht. Und anschließend wird es richtig spannend: „Der Termin steht noch nicht fest, aber nach der Weihe werden sie in den Glockenstuhl gebracht“, kündigt Baltrock an. Der befindet sich in 33 Metern Höhe im Turm. Per Flaschenzug muss das Geläut in die Höhe geschafft werden. Und wenn das geschafft ist, ist St. Aegidiens Glockenspiel wieder vollständig.

Die Glocken von St. Aegidien

Der Glockenstuhl in St. Aegidien ist aus Eichenholz gefertigt, das man auf das 16. Jahrhundert datiert. Seit dem Zweiten Weltkrieg hängen in diesem Glockenstuhl drei Glocken aus drei Jahrhunderten.

Die älteste ist eine Pulsglocke, die 1591 von Matthias Benningk in Lübeck gegossen wurde. Sie ist mit 3000 Kilogramm die schwerste von allen.

Die zweitälteste ist eine Abend- oder Kleine Sermonisglocke und wurde in Jahr 1682 ebenfalls in Lübeck gegossen. Auch sie ist mit rund 1900 Kilogramm ziemlich schwer.

Die dritte Glocke wurde 1748 von Johann Gottfried Anthonÿ in Danzig gegossen und befand sich bis Dezember 2016 noch im Glockenturm. Aufgrund eines Risses musste sie dann zur Aufarbeitung.

Die vierte Glocke ist seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen. Ersetzt wird sie jetzt von der 940 Kilogramm schweren Neuanfertigung der Glocken- und Kunstgießerei Rincker.

Luisa Jacobsen

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