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Lübeck Die geliebte Narretei
Lokales Lübeck Die geliebte Narretei
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00:34 07.02.2016
Prunkvoller Ornat und dreieinhalb Kilo Orden am Hals: Das Prinzenpaar mit Jugendprinzessin Viktoria (r.), Tochter Virginia (6) und Sohn Andreas (7) in der heimischen Küche. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler

Kann man Monika und Sven Janssen aus der Ruhe bringen? Wohl kaum. Wer vier Töchter, einen Pflegesohn, eine Enkelin und drei Hunde hat, für den wird Gelassenheit zur Tugend. Nur so hat man überhaupt eine Chance.

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Es ist Sonnabendfrüh, 9 Uhr. In dem Falkenfelder Siedlungshaus herrscht wie immer Trubel; an diesem Tag ist es ein ganz besonderer. Der 50-jährige Sven Janssen verwandelt sich in seine Tollität Prinz Sven I, seine Frau in ihre Lieblichkeit Prinzessin Monika II und die 14-jährige Tochter Viktoria in ihre Lieblichkeit Jugendprinzessin Viktoria I. Zum ersten Mal in Lübeck entstammen alle drei karnevalistischen Adligen einer Familie. So viel Machtfülle gab es nie zuvor im lübschen Jeckenland.

Auf dem Küchentisch liegen Redemanuskripte, auf die immer wieder ein sorgenvoller Blick geworfen wird, über den Stühlen hängt prunkvoller Ornat, in den Tassen dampft starker Kaffee und irgendjemand ruft nach einer Bürste und teilt mit, dass „die Haargummis in der Kiste liegen“. Die Zeit drängt. Es ist immerhin Rosensamstag. Sowas gibt‘s nur im Norden. Was soll‘s, sagen sich die Jecken — Hauptsache lustig.

Die Uhr mahnt: Nur noch eine Stunde, dann ist es 11.11 Uhr und der Bürgermeister wird gestürzt. Ist Prinzessin Monika II nervös? „Nein, noch nicht“, sagt die 45-Jährige, lacht: „Wir sind hart im Nehmen.“ Sie nennt sich und ihren Mann mit einem strahlenden Lächeln „harmlos bekloppt“. Prinz Sven I merkt mit ruhiger Stimme an: „Wir sind schon ein bisschen stolz.“ Immerhin repräsentieren die beiden gemeinsam mit ihrer Tochter seit dem 11.11.2015 das „Komitee Lübecker Karneval“ (KLK), ein närrischer Zusammenschluss der sechs Lübecker Karnevalsgesellschaften. Und das sind die Lübeck-Rangenberger Karnevalsgesellschaft von 1950, die Nordlichter, Die Kücknitzer Karnevalsgesellschaft Blau-Weiß, die GKG Silbermöwe Lübeck, die Karnevalsgesellschaft Rut-Wies und die erste Falkenfelder Karnevalsgesellschaft von 1958.

Adlige haben es nicht leicht, sie müssen repräsentieren, was das Zeug hält; jeck kann man dabei werden. Aber „Spaß macht es“, sagt seine Tollität Sven der Erste. Seine Frau bekennt: „Eigentlich ganz nett, Oberhaupt zu sein.“ Und er entgegnet: „Das bist du doch schon zu Hause.“

Im Haus Karpfenbruchwiese 86 wird es hektisch. Der Prinz steht schon im prächtigen karnevalistischen Zwirn, Prinzessin Monika macht Prinzessin Viktoria noch schnell die Haare, setzt ihr die Krone auf, ist nicht zufrieden, denn die sitzt schief. Jetzt aber los. Der Golden Retriever bettelt um eine Streicheleinheit. Keine Zeit. Auch die beiden quirligen Chihuahuas müssen sich begnügen.

Prinzessin Monika schwingt das Zepter: „Ich bin jetzt die Regierung.“ Das ist für sie nichts Neues in ihrem familiären Königreich. Auf geht‘s. Jetzt wird das Rathaus gestürmt.

Bürgermeister Bernd Saxe wartet in der Großen Börse auf seine Ablösung. Insider sagen, er soll dabei glücklich dreingeblickt haben, während aus dem Lautsprecher ein Schlagersänger lauthals trällert:

„Wir feiern die ganze Nacht.“

Pünktlich um 11.11 Uhr ertönen die Fanfaren. Das Prinzenpaar betritt samt Hofstaat den Börsensaal. Viele der Gäste schwenken Heftchen mit dem Titel „Narrenfahrplan“. Diese Broschüre könnten in Lübeck noch ganz andere gebrauchen. Für ihren Tanz werden die sieben jungen Damen der Rangenberger Garde bejubelt, ebenso wie das Tanzmariechen Ivonne von der Karnevalsgesellschaft Silbermöwe. Die norddeutsche Meisterin, die, wie Moderator Reinhold Dohse betont, „ zu den 20 besten Tanzmariechen Deutschlands gehört“, zeigt Hochleistungssport. Und dann lesen die Tollitäten der Politik die Leviten: Steuern, Schulden, brüchige Brücken, Lehrermangel, Stundenausfall. Es geht richtig zur Sache. Anschließend gesteht Prinzessin Monika II, dass sie das Lampenfieber fast übermannt hat: „Als ich ins Rathaus reingegangen bin, hab‘ ich gedacht, jetzt ist es aus.“

An diesem Tag können sich Friederike Garbe und ihr Lübecker Agape-Haus ganz besonders freuen. Dagmar Kallies, Sprecherin des Komitees Lübecker Karneval, überreicht ihr einen Scheck in Höhe von 4444,44 Euro für die Babyklappe. Schon im vergangenen Jahr spendeten die Karnevalisten für das Agape-Haus.

Es ist kurz nach Zwölf und das Rathaus in Narrenhand. Auf dem Marien-Kirchhof versammeln sich 600 Jecken der sechs Lübecker Karnevalsgesellschaften zum Umzug durch die Innenstadt. Hauptaufgabe:

Bonbons werfen. Viele Kinder warten schon auf den süßen Regen. Am Straßenrand herrscht bei den vielen Zaungästen freudige Gelassenheit. Zur Sorge besteht kein Anlass. Wie sagte doch der Bürgermeister erst vor wenigen Minuten ganz offiziell im Börsensaal: „Für fünf Tage haben die Narren das Regime im Rathaus übernommen. Es ändert sich also nichts!“

Torsten Teichmann

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