Lübeck. Lübecker Nachrichten: Herr Berndt, ist Lübeck sicher?

Jochen Berndt: Lübeck ist sicher und war das immer schon. Um das zu sehen, bedienen wir uns der sogenannten Häufigkeitsziffer. Hier haben sich die Straftaten je 100 000 Einwohner noch einmal verbessert: von 12 480 auf 12 109.

LN: Ist das ein polizeilicher oder gesellschaftlicher Erfolg?

Berndt: Sowohl als auch. Die Polizei stellt sich auf das Kriminalitätsgeschehen ein und entwickelt Konzepte. Aber natürlich ist es auch ein gesellschaftlicher Erfolg. Alle ziehen an einem Strang, und somit können sich alle diesen Erfolg zu Buche schreiben. Fairerweise muss man sagen, dass sich andere Erfassungsarten auch auf die Statistik auswirken.

LN: Das klingt wie Schönrechnen.

Berndt: So könnte man es auslegen. Hier geht es aber darum, dass ein Täter den Tatwillen vielleicht einmal gehabt hat. Dann müssen wir seine 40 identischen Straftaten aber nicht alle einzeln erfassen.

LN: Lübecker zwischen 21 und 40 Jahren leben am gefährlichsten. Wieso ist das so?

Berndt: Das Spektrum ist erstens sehr groß, zweitens haben wir da die meisten Einwohner. Auch das Freizeitverhalten ist in dieser Altersklasse sehr viel größer als zum Beispiel bei älteren Lübeckern.

LN: Aus dem Bauch heraus werden aber besonders Rentner Opfer.

Berndt: Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Aus der Statistik ergibt sich sogar ein Rückgang in der Altersgruppe ab 60 Jahren — von 269 auf 251. Diese Taten erregen bloß ein größeres Aufsehen.

LN: Gibt es je nach Altersgruppe andere Straftaten?

Berndt: Bei der Tatbegehung ist der Betrug ein klassisches Erwachsenendelikt. Sachbeschädigungen werden wiederum häufiger von jüngeren Menschen begangen — Graffiti sind hier ganz klassisch.

Bei den Opfern wiederum fallen ältere Personen oft auf den Enkeltrick oder andere Trickdiebstähle durch Ablenkung herein. Jugendliche sind dagegen mehr von sogenannten Abziehdelikten — der Handydiebstahl unter der Androhung von Schlägen etwa — betroffen.

LN: 62 Prozent der Mopeddiebe sind unter 21 Jahren. Wieso?

Berndt: Sie möchten mobil sein wie andere auch. Und es ist natürlich wesentlich einfacher, ein Moped kurzzuschließen als ein Auto. Oftmals werden diese dann aber nur zu Spritztouren genutzt und woanders wiedergefunden.

LN: Täter unter 21 Jahren werden weniger, die Erwachsenen mehr. Woran liegt das?

Berndt: Ich könnte jetzt einfach sagen, dass unsere Konzepte zur Bekämpfung von Jugendkriminalität sehr gut greifen. Anderseits ist die Entwicklung tatsächlich dem demografischen Wandel geschuldet. Es gibt immer weniger Jugendliche, und immer mehr Jugendliche sind irgendwann über 21 Jahre alt.

LN: Warum haben Diebstähle aus Autos mit 3,5 Prozent die niedrigste Aufklärungsquote — noch hinter Taschendiebstählen (4,4 Prozent)?

Berndt: Diebstähle aus Autos haben traditionell eine niedrige Quote. Sie steigt aber stark, wenn wir einen Täter fassen und viele Fälle zuordnen können. Die einfache Gelegenheit und Flucht machen die Aufklärung so schwierig.

LN: Gefühlt ist ein Portemonnaie doch schneller gestohlen.

Berndt: Aber es wird oft schneller bemerkt. Der Geschädigte ist häufig vor Ort, wenn ihm das Portemonnaie aus der Tasche gezogen wird. Der Aufbruch geschieht aber in der Regel, wenn der Halter nicht da ist.

LN: Welcher Bereich der Statistik bereitet Ihnen besonders Sorge?

Berndt: Kein Besonderer, aber wir haben ein Augenmerk auf gewisse Bereiche. In den vergangenen Jahren waren das etwa Jugendgewaltdelikte. Ebenfalls von Interesse waren Wohnungseinbrüche, weil diese stiegen. Das werden auch in Zukunft unsere Schwerpunkte sein.

LN: Ihnen wird also auch 2013 nicht langweilig?

Berndt: Auf keinen Fall. Die Straftäter werden weiter dafür sorgen, dass wir nicht arbeitslos werden.

Zur Person

9 Jahre leistet Jochen Berndt bereits seinen Dienst bei der Polizeidirektion Lübeck. Insgesamt arbeitet der 52-Jährige schon 31 Jahre als Beamter bei der Landespolizei. Bisherige Stationen in der Karriere des Kriminaldirektors waren neben Lübeck auch Kiel, Rendsburg und Plön.

In Lübeck ist Berndt Leiter der hiesigen Kriminalpolizeistelle. In seine Zuständigkeit fallen unter anderem Jugendkriminalität und Diebstähle.

Interview: Peer Hellerling