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Die politische Stimme der Flüchtlinge

Lübeck Die politische Stimme der Flüchtlinge

Die große Stunde des kleinen Vereins schlug im Herbst 2015, als Hunderte von Transitflüchtlingen am Hauptbahnhof strandeten. Das Flüchtlingsforum, das alternative Jugend- und Kulturzentrum Walli und zahllreiche Freiwillige meisterten die logistische Herausforderung.

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Abdualla Mehmud und Ronja Knop sind Mitglieder des Flüchtlingsforums und nehmen die Angebote des Kost-Nix- Ladens auf dem Gelände in der Willy-Brandt-Allee in Augenschein.

Innenstadt. Am Anfang war eine Katastrophe. Zehn Menschen starben beim Brand in der Flüchtlingsunterkunft in der Hafenstraße, 38 wurden zum Teil schwer verletzt. Das war 1996. Damals gab es eine kleine Flüchtlings AG. Sie wurde zum Anlaufpunkt für Überlebende und Unterstützer. Maria Brinkmann gehörte zu der AG, Ilhan Isözen, Abdulla Mehmud und Heike Behrens sind ebenfalls Gründungsmitglieder.

LN-Bild

Die große Stunde des kleinen Vereins schlug im Herbst 2015, als Hunderte von Transitflüchtlingen am Hauptbahnhof strandeten. Das Flüchtlingsforum, das alternative Jugend- und Kulturzentrum Walli und zahllreiche Freiwillige meisterten die logistische Herausforderung.

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„Leute kamen auf uns zu und wollten etwas tun oder spenden“, erinnert sich Behrens, „Asylbewerber aus anderen städtischen Unterkünften erzählten uns, dass es in ihren Unterkünften genauso aussah wie in der Hafenstraße vor dem Brand.“ Die Flüchtlings AG wurde zum Flüchtlingsforum. Das war 1997. Seitdem mischt sie sich ein, wenn es um Menschen auf der Flucht geht. Heike Behrens: „Wir wollten nicht ausschließlich karikative Arbeit machen, sondern den Geflüchteten immer auch eine politische Stimme geben.“

Am Sonnabend feiert der Verein das 20-jährige Bestehen im Veranstaltungsraum des Soli-Zentrums. Dass es dieses Zentrum gibt, erzählt viel über die Geschichte des Vereins. Denn die große Stunde schlug im September 2015, als plötzlich im Hauptbahnhof Hunderte von Transitflüchtlingen strandeten, die weiter nach Skandinavien wollten. Vom 9. September 2015 bis Anfang Januar 2016 legte das Flüchtlingsforum zusammen mit den Kollektiven der „Alternative“ eine logistische Meisterleistung hin, von der Sozialsenator Sven Schindler (SPD) im April 2016 sagte: „Wir haben allen Grund, der Walli und den vielen Helfern, die sich ehrenamtlich engagieren, dankbar zu sein.“

300 bis 400 Flüchtlinge kamen jeden Tag, alle Räume der Alternative wurden mit Betten belegt, es wurden Zelte auf dem Gelände aufgeschlagen. Die Mitglieder des Flüchtlingsforums und mehrere Hundert Helfer organisierten Essen, Bettwäsche, Transportdienste, Übernachtungen, Übersetzungen, Fährfahrten und Beratungen. „Das ging sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag“, erinnern sich Heike Behrens, Ronja Knop und Abdulla Mehmut. Weil es im Herbst empfindlich kalt wurde und Menschen „in Badelatschen“ zu ihnen kamen, forderte das Flüchtlingsforum die Gebäude des Grünflächenamtes. Vereinsvorstand Behrens: „Dort lagerten Rasenmäher und Gartengeräte.“ Es kam zu einer symbolischen Besetzung, die die Stadt unter Druck setzte und von CDU, FDP und Freien Wählern scharf verurteilt wurde. Doch Bürgemeister Bernd Saxe (SPD) willigte per Handschlag in die Umnutzung ein. Später erhielt das Flüchtlingsforum einen dreijährigen Mietvertrag für das Soli-Zentrum. Die Betriebskosten von bis zu 1500 Euro im Monat muss der Verein stemmen, auch dringende Baumaßnahmen wie Dämmung und Abdichtung des Daches müssen aus Spenden finanziert werden.

Das Flüchtlingsforum hat sich eingemischt, als Asylsuchende die Alte Schule in Moisling gegen ihren Willen verlassen sollten, als die Debatte über eine große Erstaufnahme im Bornkamp tobte und als die Media Docks für AfD-Veranstaltungen zur Verfügung gestellt wurden. Das Forum hat auch eine Handvoll Kirchenasyle initiiert und begleitet. Mitglieder sind nach Italien gereist, um dem heutigen Flüchtlingsbeauftragten und damaligen Cap-Anamur-Kapitän Stefan Schmidt beizustehen. „Wir sind immer wieder in Schulen gegangen und haben über Rassismus und Fluchtursachen aufgeklärt“, berichtet Ronja Knop. Die immer stärker von Flüchtlingen nachgefragte Beratung wurde einige Jahre lang professionalisiert. Abdulla Mehmut und Heike Behrens wurden zu Migrationsozialberatern geschult. Das Land zahlte zwei Stellen, sparte sie aber 2006 wieder ein.

Und heute? Heute wird immer noch beraten, das Büro ist jetzt im Soli-Zentrum. Dort gibt es eine Küche, Essen- und Aufenthaltsräume, einen großen Veranstaltungsraum, ein Frauen-Café, eine Fahrrad-Werkstatt und einen Kost-Nix-Laden.

Der Festakt

Das Flüchtlingsforum feiert am Sonnabend, 7. Oktober, sein 20-jähriges Bestehen. Mit Reden, Essen und Live-Musik von „Heinz Ratz“ und der Band „Strom & Wasser“. Um 15 Uhr geht es los, im großen Veranstaltungsraum des Soli-Zentrums in der Willy-Brandt-Allee. Das Forum saß viele Jahre in der Fleischhauerstraße, dann in der Hüxstraße und jetzt im Soli-Zentrum.

Kai Dordowsky

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