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Lübeck Die ständige Rushhour in der Autowerkstatt
Lokales Lübeck Die ständige Rushhour in der Autowerkstatt
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18:21 02.11.2013

10.00 Uhr: Kfz-Meister Arne Stolzenwald (47) steht in seinem Büro, greift zu einem Pott Kaffee. Einmal tief durchatmen.

Labrador „Bruno“ (elf Monate) schmeißt sich in eine Ecke, während Assistentin Gina Retelsdorf (28) fast ununterbrochen zum Telefonhörer greifen muss. „Ja, ihr Auto ist heute Mittag fertig“, teilt sie Kunden mit, die ihren fahrbaren Untersatz herbeisehnen. „Bei uns geht es zu wie in einer Zahnarztpraxis. Da sitzen Menschen, die feste Termine haben, im Wartezimmer, und es kommen unangekündigt Leute dazu, die dicke Backen haben. Und allen muss geholfen werden“, erzählt Stolzenwald. Da brauche man schon ein gewisses Timing, um jedermann gerecht zu werden. Der 47-jährige Kfz-Meister, der seit mehr als 20 Jahren seine freie Werkstatt in der Siemensstraße betreibt, hat an diesem Tag schon am frühen Morgen eine Kundin mit reichlich Sorgen am Telefon gehabt: „Der wurde schon zum dritten Mal ihr Volkswagen T 5 aufgebrochen.“ Doch der Diebstahl scheiterte erneut an der Wegfahrsperre. Stolzenwald: „Der Schaden ist ärgerlich: kaputte Tür, zerstörtes Zündschloss, defekte Lenksäule; das summiert sich auf 2000 Euro.“

10.13 Uhr: Ulrike Kliefoth-Gohl (40) hat keine Probleme mit ihrem Auto. Der Golf steht jetzt auf Winterreifen. Der Schnee kann kommen.

10.25 Uhr: Stolzenwald will ein Auto in die Werkstatt fahren. Geht nur nicht. Ein Besucher hat vor dem Rolltor geparkt. Will aber nicht lange bleiben. „Bitte einmal die Reifen nachziehen“, sagt Dieter Zellweger (78), ein langjähriger Kunde. Nach einer Minute ist der Service erledigt, Zellweger fort mit seinem wintergewappneten Skoda und das Rolltor frei.

10.31 Uhr: Im Büro lässt das Telefon das Klingeln nicht: Winterreifen, Winterreifen, Winterreifen. Die Autofahrer haben sorgenvoll die kalte Jahreszeit im Blick. Der Sommer ist augenscheinlich vorbei.

10.39 Uhr: Lehrling Johannes Sartori (19) fährt einen Mercedes-Kombi auf die Bühne der Werkstatt. Es ist völlig klar, was der Auszubildende machen muss: „Winterreifen aufziehen.“ Der junge Mann geht auf in seinem Beruf: „Es ist einfach toll, jeden Tag was Neues zu machen.“ Und weil in der Innungswerkstatt alle nur denkbaren Automarken auf Vordermann gebracht werden, „gibt es viel Abwechslung“.

10.43 Uhr: Labrador „Bruno“ kommt mit jugendlichem Leichtsinn in die Werkstatt getobt und ist bester Laune. Der Hund blickt neunmalklug den Benz auf der Bühne an, so als wolle er den Tüv abnehmen. „Bruno, mach Platz, hier wird gearbeitet“, wird der Hund liebevoll angeherrscht, und der lässt sich schnaufend und mit todtraurigem Blick auf den Boden fallen, wie das nur Labradore beherrschen.

10.48 Uhr: Die Kfz-Werkstatt hat zwei Meister, vier Gesellen, eine Bürokauffrau und einen Auszubildenden. Auch an diesem Tag hat die gesamte Belegschaft reichlich zu tun. Kfz-Meister und Geschäftsführer Michael Schildt (35) blickt in den Motorraum eines Kleintransporters. Der Kühler braucht dringend Frostschutzmittel. „Viele Autofahrer sagen sich, Frostschutzmittel kann ich selber nachfüllen. Doch das Frostschutzmittel steht dann meistens im Keller und nicht im Kühler“, sagt Schildt. Dort allerdings hilft er dem Auto nicht in frostigen Zeiten.

10.54 Uhr: Jetzt gibt‘s ein Problem. Ein Kollege kommt auf Schildt zu. Fiat kann eine Rammschutzleiste an diesem Freitag nicht bis zum Nachmittag liefern. Doch der Kundin war zugesagt worden, dass der Unfallschaden am Auto bis dahin behoben und der frisch lackierte Wagen abgeholt werden kann. Erst Sonnabendfrüh wird die Leiste in der Werkstatt eintrudeln. Das ist ärgerlich, aber nicht zu ändern. Immer wieder gibt es Verzögerungen bei der Lieferung von Ersatzteilen. „Ich werde die Leiste morgen früh anbringen, damit die Kundin ihr Auto abholen kann“, entscheidet der Kfz-Meister. Das war‘s dann mit dem freien Sonnabend.

10.58 Uhr: Thomas Wobbe (47) fährt mit seinem Volvo-Kombi vor. Probleme? „Nein, Winterreifen und normale Inspektion.“

11.00 Uhr: Arne Stolzenwald steht auf dem Hof. „Ich gehe jetzt frühstücken in der Vorwerker Steinbackstube.“ Dafür muss er nur die Straßenseite wechseln: „Bruno, komm‘“. Und ab geht die Post.

Torsten Teichmann

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