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Die unsichtbare Frau

Reportage Die unsichtbare Frau

Seit einigen Wochen sitzt Angelika jeden Tag an einer Haltestelle auf dem Gustav-Radbruch-Platz. Nachts schläft sie dort in der öffentlichen Toilette – ihr Schicksal verbirgt sie, wie viele obdachlose Frauen.

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Die BAG Wohnungslosenhilfe schätzt: Nur etwa fünf Prozent aller wohnungslosen Frauen leben wie Angelika zeitweise auf der Straße.

Quelle: Neelsen

Lübeck. Wie sie dort in der Bushaltestelle sitzt, wirkt sie klein, in sich zurückgezogen und ihr Blick verrät, dass die Gedanken ganz woanders sind. „Ich grüble viel“, sagt Angelika, deren Nachname in der Zeitung nicht auftauchen soll. „Über die Vergangenheit, was da schief gelaufen ist.“ Angelika ist Anfang sechzig, sie hat ein rundliches Gesicht, in das sich ein breites Lächeln gräbt, sobald man sich zu ihr setzt und ein Gespräch beginnt.

„Ich wünsche mir nur, dass es mit meinem Leben wieder aufwärts geht.“ Angelika

Wo finden Frauen Hilfe?

Bundesweit sind etwa ein Drittel der über 350000 Wohnungslosen Frauen.

82 Notunterbringungen hat die Beratungsstelle in der Hartengrube 1 letztes Jahr veranlasst.

Sprechzeiten sind Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 8.30 Uhr bis 12 Uhr, sowie Dienstagnachmittag von 14 Uhr bis 17 Uhr.

Seit zwei, vielleicht drei Wochen sitzt Angelika jeden Tag an einer Haltestelle auf dem Gustav-Radbruch-Platz. Nachts schläft sie dort in der öffentlichen Toilette auf dem blanken Boden. „Da kann ich abschließen, es kommt keiner rein“, sagt sie leise. Es steht der Geruch von Urin in dem kleinen, grau gekachelten Raum. Für Angelika ist das Häuschen aber eine Möglichkeit, sicher durch die Nacht zu kommen.

Für Ortrud Wulf, von der Beratungsstelle für Frauen in schwierigen sozialen Notlagen der Diakonie, ist diese Situation „ein Klassiker.“ Denn das Risiko, Gewalt zu erfahren, sei für Frauen, die auf der Straße leben, nochmal wesentlich größer als es schon für Männer ist, berichtet die Sozialarbeiterin. „Dieser Raum, den sie von innen verschließen können, ist für obdachlose Frauen das Minimalkonzept, um sich zu schützen.“

Für Angelika funktioniert dieses Konzept schon eine Weile. Vielleicht zu lange. Doch es ist bisher auch niemand gekommen, um ihr Hilfe anzubieten. Nehmen es die Menschen einfach hin, dass da jemand auf der Toilette wohnt? „Manchmal fragen Leute, ob sie mir etwas Geld geben dürfen“, erzählt Angelika. Doch fragen würde sie danach nie. „Um Himmels willen, nein, das mache ich nicht“, bricht es aus ihr heraus. Jemandem mit ihrer Situation zur Last fallen, das möchte sie nicht. Angelika lebt vom Pfandsammeln, ihr Buggy, vollgepackt mit Plastiktüten, ist der einzige deutliche Hinweis auf ihre Situation. Aber Pfandsammeln, das machen auch Menschen, die nachts ein Dach über dem Kopf haben. Vielleicht hat sie tatsächlich keiner so richtig wahrgenommen; weil das stereotype Bild eines Obdachlosen seit jeher männlich ist. Ein verwahrloster Mann in einem Hauseingang, einer, der draußen „Platte macht“ – also auf dem Asphalt oder einer Parkbank schläft.

Die kleine, unauffällige Frau mit dem Zopf und den schönen weißen Zähnen auf dem Gustav-Radbruch-Platz ist hingegen genau das, was auch viele andere obdachlose Frauen sind: wenig sichtbar, fast unsichtbar. „Diesen Frauen sieht man ihre Situation nicht sofort an“, meint Stefanie Glawel, ebenfalls Sozialarbeiterin der Beratungsstelle. „Sie achten auf ihr Äußeres und wollen keinesfalls Aufmerksamkeit erregen.“ Viele lassen es außerdem gar nicht so weit kommen. Verlieren Frauen ihre Wohnung, kommen sie bei Familie, Freunden, Bekannten unter. „Matratzen Hopping“ nennt das Werena Rosenke von der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe. Dabei müsse man zwischen positiven sozialen Kontakten und Abhängigkeitsverhältnissen unterscheiden. „Gewalt und Missbrauch sind in diesen Wohnsituationen leider nicht selten“, so Rosenke.

So erging es ein ums andere Mal auch Angelika: „Ich wollte immer einen Mann finden, der gut zu mir ist“, erzählt sie. Statt Liebe hätte es in ihrer Kindheit nur Gewalt gegeben; der Wunsch in einer Beziehung Zuneigung zu erfahren, hat sie in der Vergangenheit von Stadt zu Stadt getrieben. So auch nach Lübeck: „Ich bin aus Kiel gekommen“, erzählt Angelika. Dort hat sie viele Jahre gelebt, manchmal in eigenen Wohnungen, doch das sei nicht gut gegangen. „Ich weiß, dass ich viel Unterstützung brauche“, sagt sie bestimmt. Rechnungen bezahlen, Behördengänge, all das kann sie nicht alleine schaffen.

Der Mann, für den sie nach Lübeck gekommen war, war keine Unterstützung. Er warf sie aus der Wohnung, und Angelika stand alleine da, wusste nicht wohin. Familie gibt es, aber keinen Kontakt. Zwei Söhne hat sie in den Siebzigern geboren. Doch sie konnten nicht bei ihr aufwachsen. „Ich habe manchmal Fehler gemacht“, sagt Angelika, „mein Leben hätte ich mir anders gewünscht, ich ärgere mich über die, die schlecht zu mir waren, aber auch über mich selbst.“

Für die Zukunft wünscht sie sich, dass es aufwärts geht, sie möchte weg vom Gustav-Radbruch-Platz. Aber der erste Schritt scheint für Angelika der schwierigste zu sein. Von früher, über eine Freundin, kennt sie die Beratungsstelle von Ortrud Wulf in der Hartengrube. Doch irgendetwas hindert sie daran, mit ihrem Buggy aufzustehen und die Stecke zu bewältigen. Vielleicht ist der Spätsommer noch zu warm, die Not noch nicht groß genug.

Doch sie hat Glück, schließlich kommt die Diakonie zu ihr. „Sie ist sofort aufgestanden und mitgekommen“, berichtet Stefanie Glawel. Gemeinsam haben sie und Angelika jetzt angefangen, an der Zukunft zu arbeiten: Sie haben Grundsicherung neu beantragt und Angelika ein Zimmer in einer Pension besorgt. „Gemeinschaftsunterkünfte gibt es in Lübeck nur für Männer, Frauen oder Minderjährige könnten dort keinesfalls unterkommen“, erklären die Sozialarbeiterinnen.

„Alle Frauen, die zu uns kommen, tragen ihre Geschichte wie einen Rucksack mit zu uns“, erzählt Ortrud Wulf. Und zusammen mit Stefanie Glawel packt Angelika jetzt ihren Rucksack aus.

 Luisa Jacobsen

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