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Lübeck Die vergessene Kartusche
Lokales Lübeck Die vergessene Kartusche
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20:13 30.10.2017
Axel Schattschneider steckt probehalber eine Münze in die Kartusche. Quelle: Foto: Eva-Maria Bast
Innenstadt

„Das wird immer noch geleert“, sagt Axel Schattschneider und steckt probehalber eine Münze in das mysteriöse Gebilde hinein. Mit einem satten Geräusch landet das Geldstück im Inneren der kleinen Kartusche, die an der Fassade des Hauses Jakobikirchhof 3 angebracht ist. Das Haus steht direkt neben der Jakobikirche. Es klingt so, als befänden sich bereits Münzen darin. „Komisch“, findet der Lübecker Gästeführer, „das entdeckt eigentlich fast keiner, jeder rennt daran vorbei. Und deshalb schmeißt auch kaum einmal jemand Geld hinein.“

Neue LN-Serie lüftet Geheimnisse der Hansestadt – Heute geht es um eine historische Spendenbox.

In der Tat ist die kleine Kartusche, die sich unterhalb eines Holzreliefs mit Dreiecksgiebel befindet, ausgesprochen unauffällig. Das Relief, zu dem die Kartusche ganz offensichtlich gehört, „zeigt die Szene mit dem barmherzigen Samariter“, erklärt Schattschneider. Der Samariter beugt sich zu einem am Boden liegenden Mann. Die Darstellung ist dem bekannten neutestamentarischen Gleichnis vom barmherzigen Samariter aus dem Lukasevangelium nachempfunden.

„Im Grunde ist es eine Aufforderung zur Nächstenliebe“, deutet Schattschneider das zum Zweck des Sammelbehälters passende Bildnis. Dargestellt ist, analog zu der biblischen Geschichte, ein Mann, der auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho von Räubern, die unter den Bäumen am linken Bildrand zu sehen sind, überfallen wird. Nachdem mehrere Personen an dem Schwerverletzten achtlos vorübergingen, findet ihn ein Mann aus Samarien und kümmert sich um ihn – ein Akt der Nächstenliebe. Er ist das leuchtende Beispiel, dem man nacheifern soll.

Am unteren Rand des Reliefs ist der Schriftzug „Selig sind die Barmherzigen“ zu lesen. Der Hinweis „Krankenpflege durch Diaconissen“ ist darunter zu finden. „Der Zusammenhang zwischen der Darstellung und der Arbeit und Aufgabe der Diakonissen ist klar“, sagt Schattschneider. „Sie tun ja auch Dienst an Menschen, die Hilfe benötigen.“

Die Spendengelder, die in der kleinen Kartusche gesammelt wurden, kamen einst den Diakonissen und ihrer Arbeit zu Gute.

Gegründet wurden die Diakonissen 1836 von Pfarrer Theodor Fliedner (1800-1864) in Kaiserswerth, einem heutigen Stadtteil von Düsseldorf. Die Diakonissen sollten „Dienerinnen des Herrn Jesu, Dienerinnen der Armen, Kranken und Kinder um Jesu willen, Dienerinnen untereinander“ sein, wie einer Hausordnung aus dem Jahr 1839 zu entnehmen ist. In ihrer Tracht, meist in Dunkelblau mit weißer Haube, waren sie in Alten- und Pflegeheimen, Kindergärten, Krankenhäusern und in der offenen Jugendarbeit tätig. Untergebracht waren Diakonissen in einem „Mutterhaus“, Männer waren tabu, die Diakonissen mussten ehelos leben, das Geld, das sie verdienten, ging bis auf ein Taschengeld in eine gemeinsame Kasse, die ihre Alters- und Krankenversicherung bezahlte.

„Inzwischen gibt es die Diakonissen in Lübeck in dieser Form nicht mehr“, sagt der Stadtkenner. Allerdings ist die Diakonie wohl jedem ein Begriff. Auch in Lübeck gibt es umfangreiche Einrichtungen der Diakonie. Und die Kartusche wird immer noch regelmäßig geleert. „Im Inneren des Hauses gibt es einen Kasten, in den die Münzen, quasi durch die Mauer hindurch, hineinfallen“, erklärt Axel Schattschneider.

Das Geld kommt dann direkt der Jakobikirche zu Gute. Viel, vermutet der Gästeführer, ist es allerdings nicht. Er hatte sich ja schon sehr gewundert, dass dem Klang zufolge überhaupt etwas in der Kartusche lag, als er seine Münze einwarf.

Alle Geheimnisse in einem Werk

Das Buch „Lübecker Geheimnisse – 50 spannende Geschichten aus der Hansestadt“ ist im Verlag Bast Medien in Kooperation mit den Lübecker Nachrichten erschienen.

Der Umfang liegt bei 192 Seiten.

Erhältlich ist das Werk (ISBN: 978-3-946581-25-3) in den Geschäftsstellen der Lübecker Nachrichten, in Buchhandlungen und online unter www.bast-medien.de. Es kostet 14,90 Euro.

In der LN-Serie werden in unregelmäßigen Abständen exklusiv noch bis Heiligabend zwölf der Geheimnisse des Buches vorgestellt.

Eigentlich wollte Eva-Maria Bast 2011 nur eine kleine Advents-Serie in der Tageszeitung machen: Täglich schrieb die Journalistin für den Lokalteil in Überlingen am Bodensee eine „Geheimnis-Geschichte“ und ging dabei mit Hilfe von sachkundigen Einheimischen verschiedenen Relikten auf den Grund, an denen die Menschen täglich vorbeilaufen, ohne sich darüber Gedanken zu machen.

Doch aus der 24-Tage-Serie wurde schnell eine erfolgreiche und inzwischen sogar preisgekrönte Buchreihe, zu der ab Mittwoch, 1. November, auch ein Band über Lübeck gehört: Die „Lübecker Geheimnisse – 50 spannende Geschichten aus der Hansestadt“ erscheinen in Zusammenarbeit mit den Lübecker Nachrichten. Interessierte Lübecker und Besucher können die Stadt dann mit dem Buch noch besser kennenlernen. Neben Eva-Maria Bast war ihre Autorin Heike Thissen in Lübeck auf der Suche nach geheimnisvollen Geschichten.

Eva-Maria Bast

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