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20:17 23.04.2016
Sabine Schwardt (57) liebt ihren fast 100 Jahre alten Apfelbaum. Ihr Großvater hat ihn damals zum Hauskauf dazu bekommen. Noch immer trägt der Boskop im Herbst prächtige Früchte, aus denen die Naturfreundin Ringe, Gelee, Tee und Kuchen macht. Quelle: Fotos: Cosima Künzel

Wenn Sabine Schwardt (57) unter ihrem Apfelbaum steht, dann denkt sie an ihren Großvater. Denn gepflanzt wurde der Boskop, als ihr Opa das Haus kaufte, in dem sie heute mit ihrer Familie lebt. Wie viele Naturliebhaber kann auch Schwardt einiges über ihren grünen, knorrigen Freund im Garten erzählen — und das nicht nur zum morgigen „Tag des Baumes“.

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Hinrich Lass (53) zeigt in Moorgarten einen Teil seiner Ernte vom Walnussbaum.

„Man sollte sich mal fünf Minuten Zeit nehmen“, sagt sie, „um das zu spüren.“ Schwardt hat die Augen geschlossen und lehnt mit dem Rücken am Stamm des alten Obstbaumes in Niederbüssau. Unter ihren Füßen wächst wilde Wiese, und aus der Krone sind die Stimmen von Drosseln, Zaunkönig und Blaumeisen zu hören. „Es ist eine besondere Atmosphäre: befreiend, ausgleichend“, versucht sie zu erklären und streicht dann über die Rinde und die Äste.

Gepflanzt wurde der Apfelbaum zwischen 1925 und 1929, als auch die Siedlungshäuser entstanden sind. Ihr Großvater war einer der vielen Bewerber dafür und hat selbst mitangepackt. Doch später einfach den Kaufvertrag unterschreiben, das ging damals nicht. Die Familien mussten erst beweisen, dass sie gärtnern und so auch die Familie ernähren konnten. Der Opa konnte das, und als er endlich den Vertrag unterschreiben durfte, bekam die Familie einen Bonus obendrauf: einen Zentner Kartoffeln, ein Pfund Pflanzzwiebeln, einen Birnbaum, einen Pflaumenbaum und halt den Apfelbaum. Im Laufe der Jahrzehnte hat nur der Boskop überlebt und trägt nach wie vor prächtige Früchte. Sabine Schwardt — die auch historische Gemüsesorten nachzieht und sich vielfältig für den Naturschutz einsetzt — macht aus dem Obst Ringe, Gelee, Kuchen und liebt den Baum wie einen weisen alten Herrn.

Hinrich Lass (53) hat ebenfalls einen besonderen Baum hinter dem Haus in Moorgarten stehen. Es ist ein Walnussbaum, der sich selbst seinen Platz im Garten gesucht hat und inzwischen etwa 30 Jahre alt ist. Ende Mai beginnt er zu blühen und spendiert im Herbst kiloweise Nüsse. Die Familie knabbert sie das ganze Jahr über, macht Kuchen und verschenkt Unmengen. Lass liebt den Baum nicht nur der Nüsse wegen, sondern auch, weil Eichhörnchen, Kolkraben, Eichelhäher und andere Tiere ihn bevölkern. „Außerdem hält er Mücken fern“, sagt der gelernte Gärtner und schaut zu der haushohen Krone hinauf.

Inzwischen gibt es sogar „Nachwuchs“ im Garten, den Lass aus Platzmangel gern verschenken würde.

Am anderen Ende der Stadt zeigt Lothar Heuer (85), dass Liebe und Schmerz nah beieinander liegen. Der rüstige Senior hat seine Edeltanne vor 40 Jahren von einem Arbeitskollegen geschenkt bekommen und den Winzling in seiner Aktentasche nach Hause getragen. Dort wurde der Baum geschätzte 15 Meter hoch und erfreute seinen Besitzer jahrzehntelang mit sattem Grün und viel Schatten. Doch jüngst musste die Tanne gefällt werden. „Sie war krank und nadelte stark“, erzählt Heuer schweren Herzens. Doch geblieben sind ihm die alten Apfelbäume im Garten, und über diese hat er sogar einen Text verfasst.

Der klingt nun auch ein wenig wie ein Liebesgedicht.

Der Tag des Baumes

1872 wies erstmals der amerikanische Journalist Julius Sterling Morton auf die positiven Eigenschaften von Bäumen hin und forderte mit seiner „Arbor Day-Resolution“ in Nebraska einen jährlichen „Tag des Baumes“. Morton sagte: „Andere Festtage dienen der Erinnerung, der Tag des Baumes weist in die Zukunft.“ Im Laufe der kommenden 20 Jahre stimmten alle Bundesstaaten der USA der Forderung zu, und es wurden immer am 10. April neue Bäume gepflanzt.

1952 wurde in Deutschland erstmals der „Tag des Baumes“ gefeiert. Bundespräsident Theodor Heuss pflanzte damals — am 25. April — im Bonner Hofgarten einen Ahorn. Seitdem wird der Tag in vielen Städten und Gemeinden mit Pflanzungen gewürdigt. Laut Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) steht in diesem Jahr die Winterlinde als Baum des Jahres im Vordergrund der Aktionen.

• Mehr Infos zum Tag des Baumes gibt es auch unter sdw-sh.de.

Von Cosima Künzel

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