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Lübeck Dieser Lübecker hat sich eine Dampflok ins Dachgeschoss gebaut
Lokales Lübeck Dieser Lübecker hat sich eine Dampflok ins Dachgeschoss gebaut
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Jochen Lawrenz hat jahrelang alte Lokteile gesammelt und sie in seiner Dachkammer zusammengebaut. Quelle: Lutz Roessler
Buntekuh

Am 1. April 1957 um acht Uhr morgens begann Jochen Lawrenz aus Weede (Kreis Segeberg) die Ausbildung zum Lokführer. „Die erste Arbeit war, eine 41er zu putzen“, erinnert er sich. „Da kam unter dem Dreck eine Schrift zum Vorschein: ,Räder müssen rollen für den Sieg!‘“ Die Zeit, aus der diese Aufschrift stammte, war vorbei. Aber die Zeit der Dampflokomotiven war es nicht. Noch waren die schweren, schnaubenden Schlachtrösser, in deren Innerem es loderte und brodelte, ein alltäglicher Anblick. Vermutlich hat fast jeder Mann in Jochen Lawrenz’ Generation als Junge einmal davon geträumt, Lokführer zu werden. Jochen Lawrenz gehörte zu den wenigen, für die es nicht beim Traum blieb.

Jochen Lawrenz (79) wollte schon als Kind Lokführer werden. Er erfüllte sich seinen Traum und übte den Beruf 42 Jahre lang aus. Nach der Pensionierung ließ ihn die Leidenschaft nicht los: Unter das Dach seines Hauses hat er sich einen kompletten Dampflok-Führerstand gebaut.

Doch das Ende für die Dampflok hatte schon begonnen. Nach und nach wurde sie aus dem Verkehr gezogen. Lawrenz begann, Teile zu retten. Manometer (Druckmesser), Hagenuk-Befehlsgerät, Dampfregler, er sammelte alles, was in den Führerstand einer Lok der Baureihe 38 gehörte, die von 1906 bis 1974 regulär im deutschen Schienennetz verkehrte. „Ich hatte einen Blick dafür, was ich brauche.“ Und er hatte gute Beziehungen zu einem Stahlhändler, der die Loks ausschlachtete. „Da hab ich das dann alles bezahlt. Ich glaube, das Kilo drei D-Mark.“

Als er die Teile beisammen hatte, baute Jochen Lawrenz sie im ehemaligen Kinderzimmer seines ältesten Sohnes zusammen. Das handwerkliche Können brachte er mit: Wer in den 50er Jahren Lokführer werden wollte, musste gelernter Schlosser sein. Die Ausbildung hatte Lawrenz auch bei der Bundesbahn gemacht. Die Form des Kessels bildete er aus Holz nach und verkleidete das Gerüst mit Original-Stahlblech. „Die Feuertür habe ich auch nachgebaut, sonst wäre es zu schwer geworden.“ Alles ist so angeordnet wie beim Original der 38er-Lok – die Hebel mit den roten Griffen, die Handräder aus Messing, sogar einen Wasserstandsanzeiger gibt es. Lawrenz hat ihn mit Kitt abgedichtet und füllt alle paar Monate Wasser nach, damit es echt aussieht. Er legte Wert aufs Detail: „Ich hab die Manometer aufgemacht und in die richtige Stellung gebracht – hier: Kesseldruck, Spitzendruck zwölf Atmosphären.“

Neben dem Kessel geht der Blick hinaus nach vorn auf eine schwarzweiße Gleislandschaft. Lawrenz hat dafür ein altes Foto vergrößert, das die Staatsanwaltschaft Hamburg einmal für Ermittlungen wegen eines Unfalls in der Nähe des Bahnhofs Altona anfertigen ließ. Und damit auch der Sound stimmt, schaltet Lawrenz ein Endlos-Tonband an, auf dem das Schnaufen, Klopfen und Zischen einer stehenden Dampflok zu hören ist.

Nebenan im Dachgeschoss steht eine große Modellbahn-Anlage. Die Wände nicht nur im Dachgeschoss hängen voll mit Lok-Nummernschildern, Signalen, Unfallschutz-Plakaten und anderen Eisenbahn-Erinnerungen. Für Jochen Lawrenz, das kann jeder sehen, war die Eisenbahn mehr als ein Beruf. Nach seiner Pensionierung fuhr er bis 2003 noch ab und an Sonderfahrten mit Dampfloks nach Puttgarden oder Westerland.

Aber seine Eisenbahn gibt es nicht mehr. Seine Eisenbahn, das war die Deutsche Bundesbahn, der Staatsbetrieb mit Beförderungspflicht, in dem die Lokführer und Schaffner Beamten waren. Die Deutsche Bahn mit Aktien, Vorstandsvorsitzendem und Lokführerstreiks ist nicht mehr seine Welt. Von seiner Welt hat er sich ein kleines Stück bewahrt im Dachgeschoss seines Reihenhauses.

Gruß aus der LN-Geschichte

Emailleschilder waren bis Anfang der 60er Jahre als Werbeträger beliebt. Auch die Lübecker Nachrichten nutzten solche Schilder. Eines davon rettete der Lokführer Jochen Lawrenz in den 90er Jahren: Er entdeckte es auf einem Schutthaufen, als er mit einem Güterzug am Raiffeisen-Landhandel in Lensahn vorbeifuhr. Auf dem Rückweg legte er einen Zwischenstopp ein und kaufte es dem Händler ab. Zu Hause hängte er es in seine Garage zu den alten Bahnhofsschildern, die er dort sammelte.

In Zukunft wird das zwei Meter breite, feuerrote, gut erhaltene Schild mit einer alten Version des LN-Schriftzugs den Newsroom in der Redaktionszentrale der Lübecker Nachrichten zieren.

 Hanno Kabel

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