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Lübeck Zeitreise in den Alltag eines Lübecker Orgel-Genies
Lokales Lübeck Zeitreise in den Alltag eines Lübecker Orgel-Genies
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21:48 27.07.2018
Auf der Allegorie auf die Freundschaft (1674) von Johannes Voorhout ist vermutlich Dieterich Buxtehude zu sehen (l. u. an der Gambe). Quelle: Foto: Wikimedia
Lübeck

Dieterich Buxtehude sitzt in seinem Arbeitszimmer. Die Feder fliegt über das Notenpapier. Er blickt nur kurz zu mir auf. „Entschuldigen Sie bitte, das muss ich eben fertig komponieren“, sagt er.

Die Serie zu Lübecks 875. Geburtstag wirft mit ihren Zeitreisen Schlaglichter auf die Stadtgeschichte. Heute: Ein Besuch im 17. Jahrhundert bei Dieterich Buxtehude, dem legendären Organisten der Marienkirche. Er ist ein angesehener Mann – aber nicht alles an seinen Aufgaben gefällt ihm.

„Zehn Minuten noch.“ Ich frage ihn, woran er arbeite. Vielleicht, denke ich, entsteht hier gerade eines seiner verschollenen Meisterwerke? Vielleicht könnte ich es heimlich abfotografieren und mit ins 21. Jahrhundert nehmen? Buxtehude scheint meine Gedanken erraten zu haben und winkt ab. „Vergessen Sie’s!“, sagt er müde lächelnd. „Das wird kein Meisterwerk. Bloß eine von diesen Hochzeitsarien. Sowas lieben die Pfeffersäcke, und ich bekomme viel Geld für wenig Arbeit.“

Nach exakt zehn Minuten legt er die Feder beiseite und steht auf. „Kommen Sie!“ Auf dem Kirchhof bleibt er stehen und schlägt sich mit der Hand vor den Kopf. „Ritter!“ ruft er. „Der will heute Gambenunterricht haben. Sie kommen nicht von hier und jetzt, Ihnen kann ich’s sagen: Vollkommen talentlos, der Junge, und faul dazu, aber der Vater finanziert mir nicht wenige Konzerte. Ein kunstsinniger Pfeffersack. Es wird nicht lange dauern. Wenn Sie die Zeit nutzen wollen: Sie könnten mal wieder eine Rasur gebrauchen.“ Er zeigt mir ein Geschäft in der Nähe. „Mein Bruder macht Ihnen bestimmt einen guten Preis.“

Ich folge dem Vorschlag. Der Barbier Peter Buxtehude ist ein freundlicher Mann mit leichtem dänischem Akzent, der über alles gern redet, nur nicht über seinen Bruder. Als ich wieder zur Marienkirche komme, ist mein Kinn glatt und mein Kopf voll mit Lübecker Tratsch: Welchen sagenhaften Wein Fredenhagen jüngst aus Frankreich eingeführt hat, welche schönen Töchter der ersten Bürgerklasse gerade auf dem Heiratsmarkt sind, wie hoch der aktuelle Bestechungskurs ist, wenn man nach Torschluss in die Stadt gelangen will.

Als ich zurückkomme, ist aus der Kirche Orgelmusik zu hören. „Bruhns übt“, erklärt Buxtehude, während er mir die Kirchentür öffnet. „Das ist mal‘n begabter Junge, aus dem wird noch was. Er nimmt mir schon viele Dienste ab.“ Ein langer Weg über Treppen und Stege führt unter dem Dach entlang zur Orgelempore. Dort sitzt Nikolaus Bruhns, ein schmächtiger Junge von etwa 17 Jahren, am Spieltisch und improvisiert eine virtuose Fantasie. Er schreckt auf, als Buxtehude den Finger auf eine Taste legt.

„Kannst gleich weiterspielen, Niklas“, sagt Buxtehude. Er lässt den Finger auf der Taste liegen und fährt, zu mir gewandt, fort: „Hören Sie dieses Schnarren? Seit Jahren rede ich mir den Mund fusselig, dass die Pfeffersäcke Geld für eine neue Orgel rausrücken sollen“, sagt er. „Und Ihre Zeitung erscheint wirklich erst in 300 Jahren?“ Ich bejahe.

„Gut. Der Nachwelt will ich sagen, wie’s wirklich ist: Diese Orgel ist ein Schrotthaufen! Was ist so ein großes Instrument wert, wenn es 150 Jahre alt ist, wenn von 54 Registern zehn unbrauchbar sind und man bei den übrigen genau wissen muss, welche Pfeifen funktionieren und welche nicht, nur um etwas halbwegs Brauchbares zu spielen?“

Nikolaus Bruhns scheint es zu wissen – nach dem zu urteilen, was durch die Kirche klingt, während Buxtehude und ich wieder nach unten gehen. Buxtehude schimpft weiter über die „Pfeffersäcke“, wie er die wohlhabenden Bürger beharrlich nennt. Am Lettner, einer Schranke mit kunstvollen Schnitzwerken, die den Chorraum von der übrigen Kirche trennt, bleibt er stehen. Ein Handwerker bessert am Fundament eine bröckelige Stelle aus. „Maak dat mol ’n beten akk’rater“, mahnt Buxtehude und zeigt auf eine schief geratene Kante. „Sie beaufsichtigen die Handwerker?“, frage ich erstaunt. „Na klar, wer denn sonst?“, antwortet Buxtehude mit einer Art missmutigem Stolz: „Ich bin hier der Werkmeister. Handwerker, Material, Rechnungen, Buchhaltung, alles meine Aufgaben. Ohne mich gäb’s hier keine Musik – und auch sonst nichts. Die Pfeffersäcke wissen schon, was sie an mir haben.“

Er führt mich zurück in sein Arbeitszimmer und zeigt mir das „Wochenbuch“, in dem er alle Einnahmen und Ausgaben der Gemeinde sorgfältig auflistet. Schließlich frage ich: „Herr Buxtehude, eins noch:

Wie soll ich Ihren Vornamen schreiben? ,Dietrich‘ oder ,Dieterich‘?“ Er blickt mich verwundert an. „Dietrich, Dieterich, Diederich, Diderik – warum soll das wichtig sein? Suchen Sie’s selber aus, Sie schreiben doch die Zeitung“, brummt er, spitzt die Feder, tunkt sie in die Tinte und schreibt Zahlen ins Wochenbuch.

Alle schon erschienenen Teile der

Jubiläumsserie sind unter LN-Online.de/zeitreise nachzulesen.

Der Mann, von dem Johann Sebastian Bach lernen wollte

Dieterich Buxtehude (ca. 1637-1707) war von 1668 bis zu seinem Tod Organist der Lübecker Marienkirche. Er war schon zu Lebzeiten in Musikerkreisen weit über Lübeck und Norddeutschland hinaus bekannt. Heute gilt er als der bedeutendste Orgelkomponist des Barocks vor Johann Sebastian Bach (1685-1750).

Bach besuchte Buxtehude in Lübeck Ende 1705, um von ihm zu lernen. Ob er auch Interesse an der Nachfolge an St. Marien hatte, ist unbekannt. Der Legende nach schlug er die Nachfolge aus, weil er dafür Buxtehudes Tochter Anna Margreta hätte heiraten müssen. Buxtehude hatte fünf Töchter, von denen zwei im Kindesalter starben. Sein Bruder Peter, ein Barbier, und sein Vater Hans waren ihm aus dem dänischen Helsingør nach Lübeck gefolgt.

Hanno Kabel

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