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Lübeck Dornbreite: Die Siedlung im Herzen Europas
Lokales Lübeck Dornbreite: Die Siedlung im Herzen Europas
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13:05 06.04.2016
Der Postbote: Frank Leinert (56) bringt seit 23 Jahren die Briefe zu den Menschen. Den Kontakt zu den Bewohnern der Siedlung nennt er „einzigartig“. Mit vielen, wie mit Wolfgang Lüdecke (78), ist er per Du. Quelle: Fotos: Olaf Malzahn (5), Friedhelm Anderl (4)

Friedhelm Anderl, seit mehr als zwei Jahrzehnten Vorsitzender der Interessengemeinschaft Dornbreite, hat sich wie viele andere blutige Hände geholt, wenn er auf dem Schafsberg oder in der Wüstenei die Beeren der stacheligen Brombeerbüsche pflückte. Der Schafsberg heißt heute Humboldt-Wiese. Die Umbenennung geschah im Rahmen der „Stadt der Wissenschaft“-Aktionen. Das Stück Natur wurde von den Dornbreitern mit viel Herzblut zu einem Naherholungs-Kleinod entwickelt, mit Sport- und Spielgeräten, Streuobstwiesen mit Kirsch-, Birn- und Äpfelbäumen sowie mit Wildblumenfeldern. „Es soll ein schöner Platz für alle werden“, schwärmt Anderl.

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Sie ist lang — die Dornbreite; genau gesagt sind es 2,7 Kilometer. Und dass diese Siedlung als dornig bezeichnet wird, ist kein böser Wille, sondern naturhistorisch ...

Dornbreite, das ist für die dort lebenden Menschen Heimat und Gemeinschaft pur. Friedhelm Anderl sitzt mit einer kleinen Gruppe im Gemeinschaftshaus und klönt. „Unsere Siedlung liegt im Herzen Europas“, sagt der 59-jährige Anderl mit einem Lächeln. Aber er meint das richtig ernst. Wenn man auf einer Europakarte den Dorn des Zirkels ins Herz der Dornbreite sticht und einen großen Kreis zieht, stellt man fest, dass Hammerfest im hohen Norden genauso weit entfernt ist, wie Sizilien im fernen Süden.

Der Süden ist aber wohl doch ein wenig näher, glaubt man Maggi Münstermann. Die 69-Jährige wurde in der Elsterweide geboren, wohnt seit 51 Jahren „eine Ecke weiter“ in der Straße Am Mailand. Wenn der Busfahrer dort hält, lädt er zuweilen mit dem Hinweis „Oberitalien“ zum Aussteigen. „Ich wollte nie raus aus dieser Siedlung“, sagt Maggi Münstermann. Hier hat sie mit 18 ihren Mann kennengelernt.

Wussten Sie schon?

Dornbreite ein uralter Name ist? Es ist die Bezeichnung für von Menschen gepflanzte Hindernisse aus Dornsträuchern entlang der Landwehr. Eine Eintragung in der „Schneiderschen Karte“ von 1669 führt Klage darüber, dass dieser Schutz durch „unbefugtes Abhauen gemindert sei“.

Die Interessengemeinschaft Dornbreite 334 Familien (rund 1000 Bewohner) als Mitglieder hat? Die Interessengemeinschaft gehört in diesem Jahr zu den Trägern des bundesweiten Nachbarschaftspreises.

7465 Menschen in diesem Stadtteil leben? In der Dornbreite gibt es 1626 Ein-Personen- Haushalte. 478 Bewohner sind 80 Jahre und älter, 1773 Bewohner 65 Jahre und älter. 1262 Bewohner sind Jugendliche im Alter bis 17 Jahre.

Das Herrenhaus an der heutigen Krempelsdorfer Allee im Jahre 1786 von Christian von Brockes erbaut wurde und seit 1932 an die Paul-Gerhardt- Gemeinde als Gemeindehaus verpachtet ist?

LN

Die zwei Kinder und fünf Enkel leben in greifbarer Nähe. Auf dem Schafsberg hat sie als Mädchen getobt, im Landgraben gebadet. Die 69-Jährige liebt die plattdeutschen Abende im Gemeinschaftshaus, die Kinder- und Siedlungsfeste: „Die Dornbreite ist eine tolle, nicht verstädterte Gemeinschaft.“ Doch auch die heile Welt hat Kratzer. „Früher“, sagt Maggi Münstermann, „gab es hier mehr als 30 Läden, zwei Schlachter, zwei Drogerien, den Lebensmittelladen, den Schuhmacher, den Milchmann, das Textilwarengeschäft. Aus und vorbei.

Wolfgang Leischner lehnt sich auf den Zaun, der den Sportplatz umgibt und blickt über das Gelände des FC Dornbreite am Steinrader Damm, dessen 2.Vorsitzender er ist. Wegziehen? Keinen Gedanken wird der 59-Jährige daran verschwenden. Seit 1988 lebt er in der Wesleystraße und arbeitet in Hamburg. Die nahe Autobahn ist für ihn perfekt. Und die nahe Natur ebenfalls. „Wandern, radfahren: Hier kannst du in alle Richtungen aufbrechen“, freut sich Leischner. Stolz ist er auf den Sportverein mit seinen 450 Mitgliedern. Die Hälfte davon sind Kinder und Jugendliche, für die es zwölf Jugendmannschaften gibt. Die drei Neubaugebiete in der Dornbreite sorgen für neuen Schub. Leischner: „Sehr viele Kinder treten bei uns ein.“ Und stolz fügt er hinzu: „Wir sind größer als der VfB!“ An der Dornbreite liebt er das Dörfliche „mit Tratsch aus erster Hand“.

Den Tratsch mag auch die Neu- Dornbreiterin Inga Meißner. „Wenn man abends etwas erzählt, ist es am nächsten Morgen rum“, sagt die 35-Jährige, die seit September gemeinsam mit Carola Scherf Pastorin der Paul-Gerhardt- Gemeinde ist. Die Siedlung zeichne „die Nähe der Menschen zueinander“ aus. Den Bewohnern sei dieser Ort ganz wichtig. Dornbreite sei „Tradition und Identität“. Inga Meißner, die mit Ehemann und Tochter im Herrenhaus an der Krempelsdorfer Allee wohnt und sich dank guter Busverbindungen über die Nähe zur Altstadt freut, ist begeistert vom regen kirchlichen Leben in ihrer 4600 Mitglieder starken Gemeinde. Die Chormusik wird großgeschrieben. Zwei Kinderchöre, ein Jugend- und ein Erwachsenenchor: „In unserer Gemeinde singen 80 Menschen.“

Frank Leinert ist Am Grenzwall unterwegs. Der 56-jährige ist seit 23 Jahren Postbote. An diesem grauen Nieseltag bringt er Briefe zu Haus Nummer 15, in dem Wolfgang Lüdecke (78) wohnt. Mit vielen seiner Kunden ist Leinert per Du. „Einzigartig“ nennt der Postbote sein Revier und meint damit den dörflichen Einklang, der häufig zu freundschaftlichen Umarmungen führt. Und auch Wolfgang Lüdecke freut sich über das Treffen am Gartenzaun: „Een beten snacken.“

Von Torsten Teichmannn

Viertel-Gespräch mit Friedhelm Anderl (59), Chef der Interessengemeinschaft

Wodurch ist für Sie das Viertel geprägt? Die Gemeinschaft der Menschen, die Nähe zueinander. Die Dornbreiter nehmen die Dinge gerne selbst in die Hand, wie zum Beispiel bei der Gestaltung der Humboldt-Wiese.

Welches sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen im Viertel? Das Gemeinschaftshaus zu unterhalten. Es wird zunehmend schwieriger, Ehrenamtler zu finden, die das Gemeinschaftshaus für die Zukunft als wichtige Begegnungsstätte am Leben halten.

Welche Zukunftschancen hat die Dornbreite?Die Attraktivität der Dornbreite wird durch die zunehmende Errichtung von Neubauten gesteigert. Vermehrt ziehen junge Familien mit Kindern zu uns — wegen der guten Infrastruktur und des guten Rufs der Siedlung.

Was macht für Sie persönlich das Viertel lebens- und liebenswert? Die Humboldt-Wiese mit ihren knapp 1000 Quadratmetern und der Blick auf Lübecks Kirchtürme. Hier hat die Initiative Hanseobst 29 vom Aussterben bedrohte Obstbaumarten angepflanzt. Der Naturforscher Alexander von Humboldt hätte diesen Platz sicherlich geliebt.

LN

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