Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Drogenberater kaum noch in Schulen
Lokales Lübeck Drogenberater kaum noch in Schulen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:32 01.06.2017
„Diese Drogenpolitik kann eine fatale Wirkung entfalten", sagt Wolfgang Baasch, Awo-Landesvorsitzender. Quelle: dpa

Sparkurs mit Folgen: 2015 hat die Hansestadt die Budgetverträge der Awo-Drogenhilfe gekürzt. Für die bis dato kostenlose Suchtprävention in Schulen gab es kein Geld mehr. Die Mittel wurden umgelenkt in die Suchtberatung, vor allem für Alkoholabhängige. Drogenberater warnten damals vor diesem Schritt. Aktuelle Zahlen bestätigen sie. „Konnten im Jahr 2015 noch 500 Schüler in direkten Beratungsgesprächen in der Schule oder der Awo-Drogenhilfe erreicht werden, so waren die wenigen, privaten Nachfragen in diesem Jahr statistisch nicht relevant“, erklärt der Awo-Landesverband. Mit anderen Worten: Aufklärung über Drogen findet in den Schulen kaum noch statt.

Zugleich steige die Zahl der jungen Cannabis-Konsumenten, erklärt der Awo-Landesvorsitzende Wolfgang Baasch, „diese Drogenpolitik kann eine fatale Wirkung entfalten.“ Baasch fordert eine Korrektur bei der Mittelvergabe und mehr Geld für die Lübecker Drogenhilfe. Für einen Tag mit zwei Fachberatern stellt die Awo den Schulen zwischen 240 und 300 Euro in Rechnung. „Wir müssen unsere Präventionsangebote finanzieren“, erklärt Karin Mechnich, Leiterin der Drogenhilfe Südholstein. „Wenn Schulen mit uns Kontakt aufnehmen, sagen sie uns, die Gelder dafür seien nicht genehmigt worden“, berichtet Edward Kwiatkowski, Streetworker und für Prävention zuständig.

Aus Sicht der Verantwortlichen ist das unerklärlich. Sozialsenator Sven Schindler (SPD): „Die Suchtprävention an Lübecker Schulen liegt keinesfalls auf Eis.“ Über 400000 Euro würden den Schulen aus der Schulsozialarbeit zur Verfügung stehen. Schindler: „Die Schulen entscheiden selbst, wie viel sie von diesen Mitteln zur Aufklärungsarbeit für Gewalt- und/oder Suchtprävention verwenden.“ Auch um Doppelstrukturen zu vermeiden, sei diese Aufgabe aus dem Budgetvertrag mit der Awo herausgenommen worden. Schulrat Helge Daugs spricht davon, „dass lediglich Gelder umgewidmet wurden“. Schulen könnten Geld aus Töpfen bei der Gesundheitsförderung und bei der Schulsozialarbeit beantragen.

Also alles in Ordnung? Nein, sagt der Awo-Landesvorsitzende Baasch: „Durch die Vielzahl an Präventionsangeboten zu Bewegung, Gewalt oder Gesundheit findet eine gezielte Cannabis-Prävention an Lübecker Schulen kaum noch statt.“ Moderne Drogenpolitik müsse Menschen dort erreichen, wo sie sich aufhalten. Streetworker Kwiatkowski hat hohen Respekt vor der Arbeit der Schulsozialarbeiter. Aber es mache schon einen Unterschied, ob jemand aus dem Schulalltag oder jemand mit profunden Kenntnissen der Drogenszene zu den Schülern spreche. „Cannabis-Konsum ist illegal“, sagt Kwiatkowski, ein Schüler werde sich daher kaum dem Lehrer oder einem Sozialarbeiter offenbaren. Es gehe bei der Prävention auch nicht um die nackten Fakten, die die Schüler sowieso im Internet recherchieren würden.

Es gehe um den Umgang mit Drogen, sagt Kwiatkowski: „Was mache ich, wenn mein Freund sich verändert, oder wenn ich sehe, wie jeden Tag auf dem Schulhof gedealt wird?“

„Prävention müssen die machen, die die Abhängigen kennen“, fordert Hans-Peter Stahl, Leiter der Psychosozialen Dienste beim Awo-Landesverband. Lübeck müsse über die Streichung der Präventionsgelder für die Awo noch einmal diskutieren. Landesweit werde das sehr unterschiedlich gehandhabt, weiß Stahl, diverse Kreise finanzieren Prävention in Schulen, sogar manche Städte und Gemeinden greifen dafür in das Säckel.

Für die Aufklärer über legale Drogen wie Alkohol oder Spielsucht ist die mangelhafte Finanzierung kein neuer Zustand. Die Suchtberatung der Vorwerker Diakonie muss seit jeher Geld für Präventionsangebote wie das Halt-Projekt oder das Projekt „Trinkexperiment“ einwerben. Hin und wieder gelinge es, kleine Präventionseinheiten in Schulen anzubieten. Friedemann Ulrich, Leiter der Suchtberatung der Vorwerker Diakonie, schätzt, dass zehn Schulbesuche im Jahr organisiert werden. Ulrich: „Prävention ist nur dann wirksam, wenn man sie flächendeckend, regelhaft und wiederholend einsetzen kann. Hin und wieder ist leider wirkungsfrei.“

 Kai Dordowsky

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige