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Lübeck Ein Clown streift durch die Stadt
Lokales Lübeck Ein Clown streift durch die Stadt
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23:33 01.07.2016
Edda (6) erzählt, dass ihr an diesem Clown vor allem die rote Nase gefällt. Zwar sind nicht alle Menschen so offen wie Edda, die meisten aber finden Julien nach kurzer Zeit sehr amüsant. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
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Lübeck

Innenstadt Julien ist schüchtern, trotzdem neugierig und verliebt sich rasch. Julien ist aber nicht in erster Linie ein Mann, sondern ein Clown.

Was ihn von einem Mann unterscheidet ist neben seiner roten Schaumstoffnase und seinen überschminkten Augenbrauen vor allem kindliche Naivität.

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Mit der erfundenen Figur „Julien“ möchte Evgenia Gurfinkel mehr Freude in den Alltag der Lübecker zaubern.

„Die nächstbeste Bühne ist immer die Straße.“ Evgenia Gurfinkel (21)

„Julien probiert viel aus, er möchte zu den Menschen gehören, ohne immer zu verstehen, was sie tun“, erklärt Evgenia Gurfinkel (21), die sich lieber duzen, als förmlich siezen lässt. Sie hat die Figur erfunden und streift – oder besser watschelt – neuerdings in übergroßen Schuhen als „Julien“ durch Lübeck. Die Maskerade braucht nicht viel: Sorgsames Durchwühlen des väterlichen Kleiderschranks spielte Evgenia so einiges in die Hände: neben den Schuhen eine Jeans in Größe L, ein knielanges Sakko, eine Schiebermütze und ein, nach gegenwärtigem Modeverständnis, mindestens fragwürdiges Hemd.

Ist diese Verkleidung angelegt, wird die zierliche 21-jährige Travemünderin schnell eins mit ihrer Rolle. Als Julien wagt sie sich in die Innenstadt. Dort heißt es erst einmal „eingehen“. Mit hängenden Schultern, einem beachtlich weit nach vorn geschobenen Oberkörper und abgespreizten Füßen mischt er sich unter die Leute.

„Natürlich bin ich aufgeregt, man kann vorher nicht wissen, wie die Leute reagieren“, erzählt Evgenia. Doch die Clownsnase befreie von Hemmungen, gleichzeitig verdeckt sie die eigentliche Identität.

„Ich denke nicht, dass man mich ohne Verkleidung wiedererkennen würde“, so die Schülerin mit der ungewöhnlichen Mission. „Ich möchte den Menschen Freude machen“, erklärt sie ihre Motivation. Juliens Aufgabe sei es, den Alltag der Menschen durch ein kleines, besonderes Erlebnis zu verschönern.

Auf dem Schrangen kommt der Clown in Fahrt: Verschmitzt lächelnd nähert er sich den Lübeckern, winkt ihnen zu, läuft neben ihnen her und manchmal läuft auch jemand zu ihm hin. So wie Edda (6). Als sie den Clown erreicht, verfallen beide in eine wortlose Konversation; Augenblinzeln, Spiele mit den Händen – dann ist es wieder vorbei. Wehmütig schaut Julien dem Mädchen nach, als es ihm den Rücken kehrt. Das Kind hingegen lächelt breit.

Weiter geht’s durch die Fußgängerzone. Nach ein paar stummen Flirts mit manchmal irritierten, dann belustigten Passanten, hat Julien zwei neue Freunde gefunden: Pommes essend und Zigaretten schmökend sitzen André Niederstraßer (34) und Michael Barz (35) vor den Rathaus. Julien möchte dazugehören, setzt sich mit auf die Bank, rückt näher und näher. Von Berührungsängsten keine Spur. Die Männer müssen lachen. Als Barz jedoch seine Zigarette zu Boden wirft, empört sich der Clown, der übrigens Franzose ist und vielleicht gerade deshalb großen Wert auf gute Manieren legt. Mit erhobenem Zeigefinger und wütender Miene springt Julien auf, Barz ist einsichtig, hebt den Stummel auf und wirft in ordnungsgemäß in den Mülleimer: alles wieder gut.

Wer Julien zusieht, glaubt kaum, dass sich hinter ihm eine so junge Frau versteckt, die erst vor Kurzem einen kurzen Clowns-Workshop gemacht hat. Julien spannt seinen Schirm über vorbei eilenden Leuten auf, eine Frau sieht angestrengt weg, ein Mann bedankt sich, obwohl es nicht regnet.

„Es macht mir einfach irre Spaß“, sagt Evgenia. Die 21-Jährige plant weitere Clown-Figuren und möchte auch in andere Städte fahren und dort Videos drehen. Bis es soweit ist, wird Julien weiter Lübeck unsicher machen, denn: „Die nächstbeste Bühne“, sagt sie lächelnd, „ist immer die Straße.“

• Ein Video über den Clown gibt’s auf LN-Online.de/video zu sehen.

 Luisa Jacobsen

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