Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Ein Einzelhaus als Einzelstück
Lokales Lübeck Ein Einzelhaus als Einzelstück
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:25 14.01.2018

Am hölzernen Giebel gleicht kein Brett dem anderen. Hell, dunkel, ausgeblichen, mit Resten von Kalk – wie eine Patchwork-Decke fügen sie sich zu einer lebendigen Fläche, die nach unten hin ausfranst. Das Dach ist mit Ziegelpfannen in unterschiedlichen Rottönen gedeckt. Das Grundstück ist durchzogen von so etwas wie Palisadenzäunen aus senkrecht in den Boden gerammten Balken und Bohlen ganz unterschiedlicher Längen, die zusammen ein wildes Zickzackmuster ergeben. Als Dachrinnen dienen ausgehöhlte Holzbalken.

Hier finden Sie Detail-Fotos aus dem ganz besonderen Haus.

So wollte Andreas Sieg es haben. Er ist Immobiliendienstleister. Ein großer Teil seiner Arbeit hat mit Abbruch zu tun. Oft wissen seine Auftraggeber nicht, wohin mit dem Material, das bei einem Abriss übrig bleibt. So hat sich bei Andreas Sieg über die Jahre ein Lager aus Brettern, Balken, Ziegelsteinen, Türen, Fenstern, Steinplatten angesammelt. „Ich bin auf meinen Hof gegangen, habe das ganze Altmaterial gesehen und gedacht: Jetzt mach’ ich mal was Verrücktes!“

Verrückt oder nicht: Das Haus, in dem Sieg seit einem halben Jahr mit seiner Ehefrau Dörte und seiner Stieftochter Theresa lebt, ist ein Blickfang in dieser Gegend, die von einförmigen Mietshäusern und klassischen Einfamilienhäusern geprägt ist. Mindestens so ungewöhnlich wie das Äußere ist das Innere. Im Zentrum steht eine mächtige Säule, die zugleich Wendeltreppe und Ofen ist. Gestaltet ist sie mit vielen Öffnungen und gebrochenen Linien. Innen steht ein Stahlpfeiler, außen sind uralte Backsteine und Lehmputz zu sehen.

Die Außenwände des Hauses sind aus wärmedämmenden Poroton-Ziegeln gemauert und mit Lehm verputzt. Innenwände gibt es nur wenige. Die einzigen geschlossenen Räume sind ein Schlafzimmer im Keller, eine Speisekammer im Erdgeschoss und eine Kleiderkammer im Obergeschoss. Selbst das Bad ist zum Schlafbereich hin völlig offen. Geheizt wird das Haus von einem Holzfeuer im Keller, das über den großen Ofen im Haus angenehme Strahlungswärme verbreitet.

Ursprünglich hatte Sieg auf diesem Grundstück etwas ganz anderes geplant. Als er es ersteigerte, standen darauf zwei marode, zum Abriss bestimmte Einfamilienhäuser. Sieg wollte altengerechte Wohnungen bauen und weiterverkaufen. Als seine Pläne nicht genehmigt wurden, überlegte er es sich anders. Eine Inspiration waren die Entwürfe des österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) – dazu zählt zum Beispiel der umgebaute Bahnhof in Uelzen bei Lüneburg. Und Sieg bewundert die unvollendete Kirche Sagrada Familia in Barcelona, deren maßgeblicher Architekt Antonio Gaudí schon 1926 starb. Allen diesen Entwürfen ist die Abneigung gegen den rechten Winkel und die Wertschätzung handwerklicher Arbeit gemein.

„Ich hasse jegliche Form von Industrieprodukten, wo man nicht weiß, ob sie sinnvoll sind“, sagt Sieg. „Alle Handwerker haben wahnsinnigen Spaß an dem Bau gehabt.“ Es mussten allerdings solche sein, die nicht nur standardisierte Handgriffe beherrschen. Der Bau dauerte ein Jahr. Billig war er – trotz dem wiederverwendeten Material – nicht: „Aufgrund der Lohnkosten ist das viel teurer geworden als ein normaler Neubau.“

Wenn es nach Sieg gegangen wäre, wären noch mehr ungewöhnliche Details hinzugekommen. Für ein Schlafzimmer in Form eines Maulwurfshügels, der 1,60 Meter hoch aus der Erde gewachsen wäre, bekam er keine Genehmigung. Sieg hat noch Träume: „Ich wünschte mir ein Grundstück irgendwo abseits, wo ich ohne Bauvorschriften bauen könnte.“

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige