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20:24 09.11.2013
Eine Kirche mit Gittern: Pastor Burkhard Beyer (65) hat dort 20 Jahre gepredigt — für Christen, Muslime, Orthodoxe. Es ist ein besonderer Ort. Aber dort hatte er auch sein schrecklichstes Erlebnis. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Unfreiheit hat einen Klang: Schlüsselklimpern. Das metallene Klicken, wenn sich der Schlüssel im Schloss dreht. Das Klirren der Kette, die am Hosenbund befestigt ist. Es ist das Geräusch des Gefängnisses. Die Gefangenen hören es jeden Tag, einmal, zweimal, mehrmals. Pastor Burkhard Beyer kennt diesen Ton. Wenn er in seinem Büro sitzt, hört er ihn vom Gang. Auch er erzeugt dieses Geräusch, wenn er in die Zellen der Mörder geht.

Er ist ein Wanderer zwischen den Welten — zwischen drinnen und draußen. Pastor Burkhard Beyer ist da für Schwerverbrecher, Kinderschänder, Sexualstraftäter. Das Gefängnis als sozialer Brennpunkt. Dorthin wollte Beyer nach einem Jahrzehnt als Gemeindepastor. Dort ist er jetzt — seit 20 Jahren. „Es gibt keine einfachen Lösungen für sehr komplizierte Probleme“, steht als Spruch an seiner Tür. „Man muss den Faden langsam entwirren, damit er nicht reißt.“ Das hat der 65-Jährige versucht, bis heute, bis zu seinem Ruhestand. Gelungen ist es ihm nicht immer.

Die „schöneren Erlebnisse“ im Gefängnis nennt er die, in denen er erfahren hat, wie ein Verurteilter eine Wendung hin zu sich selbst geschafft hat. Weg von: Die anderen sind schuld. Hin zu: Warum habe ich getötet? Wenn ein Straftäter erkennt, dass nicht die Umstände für den Mord verantwortlich sind, sondern er selbst, hat Pastor Beyer viel erreicht. „Die Gefangenen haben durch eine Straftat ihr Leben in eine Katastrophe gewandelt“, beschreibt es Beyer.

Um dort herauszukommen, müssen sie sich mit ihrer Schuld auseinandersetzen, mit der Ursache ihres Tuns. „Dazu gehört Mut und Vertrauen“, sagt Beyer. Mehr als zehn Jahre hat er diese therapeutische Seelsorge in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt. Dann hat er das eingestellt. „Weil es seelische Knochenarbeit ist“, gibt der Pastor zu. „Es ging nicht mehr.“

Zwar bietet er den Insassen diese Hilfe immer noch an, aber er hat seinen Schwerpunkt verlagert. Er organisiert Konzerte, holt Schulklassen ins Gefängnis, veranstaltet Ausflüge für die Mitarbeiter. Denn für die ist er auch zuständig. „Da findet das Gespräch eher zwischen Tür und Angel statt“, sagt Beyer. Der Kontakt mit den Gefangenen läuft dagegen sehr formalisiert ab. Der Straftäter stellt einen Antrag, ein Aufseher legt ihn Beyer ins Fach. Daraufhin geht der Pastor zu dem Mann in die Zelle. Viele wollen Kaffee, Tabak, Telefonate oder Ablenkung von der Gefängnis-Routine.

Natürlich wird Pastor Beyer auch belogen und betrogen. „Dann entsteht Misstrauen.“ Also muss er sich immer wieder selbst überwinden — und sagt auch: „Man muss damit leben, dass Menschen so sind.“ Muss damit leben, dass wenige zu den Konzerten kommen; muss damit leben, dass es wenige in den Gottesdienst zieht; muss damit leben, dass wenige sich wirklich ändern wollen oder können. Pastor Beyer hat einen Job ganz ohne Glamour. Von außen kaum wahrgenommen, von den Gefangenen selten honoriert.

Und seine Arbeit führt ihn an seine Grenze. „Ich kann nicht von Nächstenliebe predigen — und jemanden aus der Kirche weisen“, sagt Beyer. Dennoch hat er es getan. Denn in dem kleinen Kirchenraum oben im ersten Stock fingen einige Insassen an zu quatschen, weil dies ein Ort ist, an dem sie sich problemlos treffen können. Dort ist der Gottesdienst ein sehr intimes Erlebnis. „Es ist eine Oase mitten in der Wüste“, sagt Beyer. Der einzige Ort im kalten Gefängnis, der eine andere Atmosphäre bietet.

Doch auch an diesem Ort ist Beyer enttäuscht worden. Von einem Mann, der am Donnerstag verurteilt wurde, weil er versucht hat, eine Aufseherin als Geisel zu nehmen — während der Andacht. Ein Straftäter, der regelmäßig in den Gottesdienst kam. Dieser Vorgang hat Beyer schwer zugesetzt. Zum ersten Mal hat er sich selbst Hilfe holen müssen. „Das ging an meine innerste Überzeugung als Geistlicher“, sagt der Pastor. Aber natürlich hält er dennoch wieder den Gottesdienst. Auch wenn er am 15. November in den Ruhestand gegangen sein wird. Er hat noch keinen Nachfolger. „Deshalb mache ich noch die Adventszeit. Das ist die schwerste Zeit für die Gefangenen.“ Denn er erfüllt diesen Job für die Menschen, zwischen Vertrauen und Ausgenutztwerden. Begibt sich jeden Tag freiwillig hinter Gittern. Sein Ausgleich? Das Motorrad. Ein kleines Modell steht auf seinem Schreibtisch, das hat ihm ein Gefangener gebastelt.

Motorradfahren . . . Es sprudelt aus Pastor Beyer heraus: „Das ist Freiheit.“

Gefängnis Lauerhof
489 Plätze für Männer und 84 für Frauen hat die Justizvollzugsanstalt Lübeck. Das Gefängnis wird in der Hansestadt oft nur Lauerhof genannt, weil es 1909 auf dem Lauerhofer Felde im Stadtteil Marli errichtet wurde. Im Männervollzug sind 126 Plätze für die Untersuchungshaft vorgesehen, 315 für die geschlossene Strafhaft und 26 für den offenen Vollzug. Der Frauenvollzug verfügt über 14 Haftplätze in der Untersuchungshaft, 47 in der geschlossenen Strafhaft und 23 im offenen Vollzug. 310 Mitarbeiter sind in Lauerhof beschäftigt.

Josephine von Zastrow

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