Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Ein Hängebauch auf Abwegen
Lokales Lübeck Ein Hängebauch auf Abwegen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:03 22.04.2017
Tierpflegerin Julia Herklotz lockt das Schwein mit Obst und Gemüse an. Mitnehmen ließ es sich nach der Fütterung aber nicht. Quelle: Foto: Klaus Theisen

Im Waldhusener Forst geht ein ganz besonderes Schwein um. Das Tier mit den üppigen Körperproportionen fühlt sich offenbar schon seit mehreren Wochen auf Lichtungen, im Gehölz und selbst nahe der Spazierwege sauwohl.

Ein zutrauliches Schwein streift durch den Waldhusener Forst. Es lässt sich sogar füttern, aber nicht fangen.

Anja und Detlev Kollmorgen (39) und (50) sichteten den neu zugezogenen Waldbewohner Karfreitag nahe dem Waldhusener Moor. „Eigentlich hatten wir gehofft, Rehe oder andere Wildtiere zu sehen, stattdessen war plötzlich dieses Schwein auf einer Wiese“, erzählt Anja Kollmorgen. Erst hielt das Ehepaar den kompakten Vierbeiner für ein Wildschwein. Vielleicht eine tragende Bache, doch dafür war es dann doch zu – nun ja – zu hängebauchig. Auf den ersten Blick scheint die Sache damit klar: Es muss ein ausgebüxtes oder ausgesetztes Hängebauchschwein sein – eine Annahme, die auch zu dem entspannten Verhalten des Tiers passt. „Es lebt seit mindestens sechs Wochen hier“, berichtet Anwohner Klaus Theisen. Der 67-Jährige hat es schon oft bei Spaziergängen mit seinem Irish Setter gesehen. „Von Menschen und Hunden lässt sich das Schwein nicht groß stören“, sagt Theisen. Selbst wenn man ihm nahekommt, zeige es kein Fluchtverhalten.

Mit einer Ausnahme: „Wir haben schon versucht, es einzufangen“, berichtet Julia Herklotz (26) vom Lübecker Tierheim. Leider ohne Erfolg. Erst versuchte Herklotz es mit Anfüttern: „Und es fraß mir sogar aus der Hand, doch bei einer plötzlichen Bewegung machte es sich davon.“ Beim zweiten Mal rückten die Tierpfleger mit einem Steckzaun an: „Wir wollten es einkreisen, aber es ist ein schlaues Tier, und als es gemerkt hat, was vorgeht, raste es davon.“ Es raste? Für ein Hängebauchschwein eine sportliche Leistung.

Während man im Tierheim Lübeck glaubt, das – übrigens weibliche – Hängebauchschwein müsse baldmöglichst gefangen werden, damit es kein amouröses Verhältnis mit einem vorbeistreifenden Keiler eingeht, sagen Experten vom Wildpark Schwarze Berge, dass dieses Schwein bereits das Kind oder Kindeskind einer solchen Begegnung ist. „Das ist nicht nur ein Hängebauchschwein“, meint Kira Ahrens vom Wildpark. Der Park bei Hamburg beherbergt eine Vielzahl von Hängebauchschweinen, und obwohl das äußere Erscheinungsbild variiere, liege dem Waldhusener Hängebauchschwein etwas allzu „Wildes“ in den Augen. „Auch hat es diese hellen, langen Borsten am Rücken, und das Gesicht ist nicht so zerknautscht, wie es bei Hängebauchschweinen üblich ist“, sagt Ahrens. Doch egal wer Mutter oder Vater waren:

Das Hängebauch-Wildschwein hat vorerst gute Aussichten: „Es sieht gesund und zäh aus“, sagt Ahrens. Solange es genug zu fressen findet, habe es gute Überlebenschancen. Und geschossen werden darf es nicht. „Hängebauchschweine unterliegen nicht dem Jagdrecht“, erklärt Kreisjägermeister Dr. Horst Schulz. Und bei Mischlingen ist es kompliziert: Wäre das Schwein in der Natur geboren worden, würde man es zu den Wildschweinen zählen, erklärt Schulz. Doch ist es irgendwo ausgebrochen, bleibe es ein Hängebauchschwein mit rechtmäßigem Eigentümer. Da man das Schwein aber nicht so einfach fragen kann, wo es denn herkommt, halten sich die Stadtjäger erst einmal zurück. Zuständig bleibt das Tierheim. Und gelingt es den Pflegern weiterhin nicht, das schlaue Schwein zu schnappen, wird es mit seiner Wildschweinschnauze wohl noch lange die Waldhusener Wiesen durchwühlen . . .

 Luisa Jacobsen

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige