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20:25 22.03.2014
Demokrat unter Bürokraten: Ministerialdirektor Arnold Brecht (3. v. l.) 1931 als Vertreter des Innenministeriums vor einer Rede in der Deutsch-Französischen Gesellschaft. Quelle: Ullstein
Lübeck

Wenn man es genau bedenkt, ist es ein Skandal, dass es in Lübeck (noch?) keine Arnold- Brecht-Straße gibt. Es gibt eine Julius-Brecht-Straße, die nach dem 1900 in Württemberg geborenen Direktor des Verbandes Norddeutscher Wohnungsunternehmen benannt ist, der in den 1950er Jahren SPD-Bundestagsabgeordneter war, zuvor aber NSDAP-Mitglied.

Arnold Brecht war ohne einen solchen Makel, ein Demokrat auch in undemokratischer Zeit, als Ministerialdirektor im Reichsinnenministerium nach dem Ersten Weltkrieg ein Kämpfer für die Weimarer Verfassung. Der Historiker Hagen Schulze schrieb 1977 zum Tod von Brecht: „Er ergriff Partei für die neue Republik und trat der Dolchstoßlegende entgegen“ — der Verschwörungstheorie, dass „vaterlandslose Zivilisten“ den Krieg verloren hätten, das deutsche Heer aber „im Felde unbesiegt“ geblieben sei.

Hanseat und Preuße

Ein weiter gewichtiger Grund, Arnold Brecht mit einem Straßennamen in Lübeck zu würdigen: Er stammt aus der Stadt. Hier wurde er am 26. Januar 1884 geboren, sein Vater war Direktor der Lübeck-Büchener Eisenbahn.

Immerhin erinnert jetzt das Lübecker Willy-Brandt-Haus an Arnold Brecht. In der Veranstaltungsreihe über „bedeutende Lübecker“ wird am Donnerstag Michael Ruck, Professor für Politikwissenschaft in Flensburg, über ihn reden. „Hanseat, Demokrat und transatlantischer Mittler“ heißt das Thema, das Ruck, Autor mehrere Bücher über Brecht, vorbereitet hat.

„Das Hanseatische versteckte sich bei Brecht etwas hinter dem Preußischen“, rückt Ruck gegenüber den LN zurecht. Der Mann sei „durch und durch Elitebeamter“ gewesen, habe mit keiner Partei sympathisiert. „Man könnte sagen: Er war ein nationalliberaler Etatist — auf den Staat fokussiert, er pochte stets auf Rechtstaatlichkeit“, erläutert Michael Ruck.

Arnold Brecht hatte in Jura promoviert. Eine Richterstelle in Lübeck gab er 1910 auf, als er an das Reichsjustizamt in Berlin berufen wurde. 1921 ernannte ihn Innenminister Adolf Köster zum Leiter einer Abteilung, die die Einhaltung der Weimarer Verfassung überwachen sollte. Er entwickelte sich zum Verwaltungsreformer, machte sich aber mit seiner Prinzipientreue beim späteren deutschnationalen Innenminister Walter von Keudell unbeliebt und wurde in den Ruhestand versetzt.

In Preußen konnte er seine Karriere fortsetzen. Brecht vertrat die Staatsregierung 1932 in einer Klage gegen das Reich. Reichskanzler Franz von Papen hatte im „Preußenschlag“ die SPD-geführte Regierung des Freistaates entmachtet und den größten Teilstaat Deutschlands sich selbst unterstellt. Brecht machte im Prozess eine glänzende Figur und schonte auch die Nationalsozialisten nicht.

Karsten Blöcker von der Lübecker Thomas-Mann-Gesellschaft kann aus einem unveröffentlichten Brief Thomas Manns an Brecht zitieren, in dem der Schriftsteller dem Beamten attestiert, „dass Sie durch Ihre tapfere Haltung damals viele Freunde und Verehrer erworben haben in dem Deutschland, auf das es denn wohl eigentlich ankommt“.

Brecht weist Hitler zurecht

Eine anderes Ereignis aus Brechts Tätigkeit für Preußen ist ein Moment für die Geschichtsbücher. Am 2. Februar 1933, also drei Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, hielt dieser seine Antrittsrede in der Länderkammer, dem Reichsrat. Die Ansprache soll wenig aufschlussreich gewesen sein. Arnold Brecht antwortete dem neuen Machthaber als Bevollmächtigter Preußens. Er forderte Hitler auf, seine Politik der Verfassung und den Gesetzen unterzuordnen. Hitler möge, gemäß seinem Amtseid, seine „Geschäfte unparteiisch und gerecht gegen jedermann“ führen. Es war die letzte freie Rede im Reichsrat. Die NSDAP- Zeitungen berichteten empört: „Brecht will Hitler belehren!“ Er wurde aus dem Dienst entlassen und kurzzeitig inhaftiert. Im Herbst 1933 nahm er deshalb eine Professur an der New School for Social Research in New York an.

In den USA wurde Brecht zum Staatsbürger und gefragten außenpolitischen Berater. Später wirkte er in Westdeutschland bei der Ausarbeitung des Grundgesetzes mit und suchte Kontakt zu maßgeblichen Politikern — zu SPD- und CDU- Leuten. „Er wollte Brücken bauen Richtung Osten“, sagte Michael Ruck. „Auch wenn er gegen jede Form des Totalitarismus war — er forderte Gespräche mit Vertretern des Warschauer Paktes und Deeskalation im Ost-West-Konflikt.“Willy Brandt sei für Brecht in den 1950er Jahren noch ein kalter Krieger gewesen. Erst als er Kanzlerkandidat wurde und den „Wandel durch Annäherung“ propagierte, sei Brandt für Brecht satisfaktionsfähig geworden. Der Lübecker aus den USA hatte die Ostpolitik des Lübeckers aus Berlin quasi vorformuliert.

Arnold Brecht starb am 11. September 1977 während eines Besuches in der alten Heimat in einem Krankenhaus in Eutin.

„Arnold Brecht: Hanseat, Demokrat & transatlantischer Vermittler“, Do., 27. März, 19.30 Uhr, Gemeinnützige, Königstraße 5, Lübeck.

Das Brechtsche Gesetz
Von Arnold Brecht gibt es eine Hinterlassenschaft, die bis heute in Gebietskörperschaften eine große Rolle spielt: das Brechtsche Gesetz. Brecht selbst hat es 1932 „Gesetz der progressiven Parallelität von Ausgaben und Bevölkerungsmassierung“ genannt, und es besagt, dass die Pro-Kopf-Ausgaben in einem Gemeinwesen steigen, wenn die Einwohnerzahl zunimmt. Mögliche Ursachen sind, dass die Solzialtransfers in Ballungszentren hoch sind und dass einwohnerstarke Gemeinden Leistungen für Ortschaften im Umland erbringen. Auf dem Brechtschen Gesetz basiert bis heute die sogenannte Hauptansatzstaffel, die zur Berechnung der Zuwendungen aus dem kommunalen Finanzausgleich und dem Länderfinanzausgleich herangezogen wird.

Michael Berger

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