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Lübeck Ein Unfalltod, ein Prozess, ein Urteil – aber kein Trost
Lokales Lübeck Ein Unfalltod, ein Prozess, ein Urteil – aber kein Trost
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22:45 03.11.2017
10. April 2017: Der Motorroller des Unfallopfers liegt auf der Straße Bei der Lohmühle. Quelle: Foto: Holger Kröger

Es sind nur 20 Sekunden, die einen Mann ums Leben bringen, eine Familie in die Verzweiflung stürzen und einen anderen Mann für den Rest seines Lebens mit Schuldgefühl belasten. Am Montag, 10.

„Ein solches Verfahren weckt Erwartungen, die niemand erfüllen kann. Benjamin Steinhilber,

Richter

April 2017, um 13.43 Uhr überfährt der Lastwagenfahrer Reiner D. (Name geändert) auf der Kreuzung Karlstraße/Bei der Lohmühle/Schwartauer Allee Volker B., der mit einem Motorroller unterwegs ist.

Die Justiz klärt auf, was passiert ist. Sie misst Schuld zu. Sie spricht ein Urteil. Aber sie bringt keinen Trost und keine Heilung.

Die Untersuchung des Unfalls dauert Monate. Jede Lack- und Gummispur wird vermessen. Der Unfall wird mit echten Fahrzeugen rekonstruiert. Im Gerichtssaal werden viereinhalb Stunden lang alle Details ausgebreitet.

Reiner D. (Name geändert) lebt ein bescheidenes Leben in einem kleinen Dorf zwischen Rostock und Stralsund. Er verdient ein bescheidenes Gehalt als Lastwagenfahrer und zahlt die bescheidenen Kredite für Haus und Auto ab. Er trägt Jeans, Karohemd und einen Schnauzer zum schütteren, blonden Haar. Er ist es erkennbar nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit zu reden, schon gar nicht von sich selbst.

Ohne es zu wollen, hat er einen Mann getötet. Jetzt sitzt er, den Kopf in die Schultern gezogen, als Angeklagter im Gerichtssaal, und alle blicken auf ihn.

D. erzählt seine Version: Beim Anfahren hörte er ein Schleifen. Er hielt an und stieg aus. „Ich dachte, es ist irgendwas kaputt.“ Dann sah er das Mofa, aber nicht den Fahrer. Der lag unter seinem Laster. Als der Notarzt kam, war er schon tot. „Es fuhr vor mir kein Moped“, beteuert Reiner D. „Wenn ich den gesehen hätte, wäre das nicht passiert!“ Es tue ihm „wirklich sehr leid“, sagt er zum Schluss, „und ich kann’s nicht wieder gutmachen.“

Was konnte der Fahrer wann in welchem Spiegel sehen? Welche Beschleunigung in m/s2 hatte der Lastwagen, welche der Motorroller? In welchem Winkel prallten die Fahrzeuge aufeinander? Und die entscheidende Frage: Hatte Volker B. schon an der Ampel vor dem Laster gestanden, oder war er hinterher eingeschert? Richter Benjamin Steinhilber folgt am Ende der Version des Zeugen, der alles von einem Fitness-Studio im dritten Stock aus beobachtete. Danach stand Volker B. schon an der Ampel vor dem Laster. Reiner D. hätte, sagt der Richter, beim Anfahren in den Frontspiegel sehen müssen, mit dem er die zwei Meter vor dem Kühler überblicken kann. Er wird wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Mit einer Geldstrafe von 5700 Euro (30 Tagessätzen) bleibt das Strafmaß deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft nach sechs Monaten Haft.

Die Aussage der Zeugin, die die Fahrzeuge nebeneinander gesehen haben wollte, überzeugt das Gericht nicht. Vor allem daran scheitert Verteidiger Bernd Kolwey mit seinem Plädoyer auf Freispruch. Als er Volker B. posthum „grobes Mitverschulden“ an dem Unfall vorwirft, gibt es Unruhe bei den Angehörigen.

Aber niemand widerspricht, als er sagt: „Fälle dieser Art, wo’s dann noch mal gut gegangen ist – die haben wir alle schon erlebt!“

Ein Freispruch, sagt die Mutter des Opfers in der Pause vor der Urteilsverkündung, würde es für sie nicht schlimmer machen. Denn schlimmer kann es nicht werden. „Sein Kind verlieren – das kann kein Mensch aushalten.“ Aber Hass auf den Angeklagten empfindet sie nicht: „Der Mann tut mir ja auch leid. Das ist ja kein Rüpel.“

Hanno Kabel

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