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Lübeck Ein Verein für Philipp
Lokales Lübeck Ein Verein für Philipp
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14:35 01.11.2013
Philipp (11) liebt Fußball und ist glücklich, dass er jetzt im Verein mitspielen darf. Quelle: Cosima Künzel

Den Namen von Trainer Güven Gülden (27) kann Philipp nicht aussprechen. Stattdessen nennt er ihn lieber „Chef“ und strahlt dabei über sein ganzes Kindergesicht. Denn der elfjährige Junge mit Down-Syndrom ist glücklich, dass er beim Fußballtraining des Lübecker Sportclubs von 1999 (LSC) mitmachen darf.

„Ich habe mir so gewünscht, dass Philipp auch Kontakt zu anderen, zu normalen Kindern außerhalb der Sonderschule bekommt“, erzählt Mutter Nicole Meyer (33) und malt beim Wort „normal“ zwei Anführungszeichen in die Luft. Zwei Jahre hat sie bei verschiedenen Vereinen und Gruppen nachgefragt. Doch Kinderturnen, Selbstverteidigung oder Fußball — immer hörte sie: „Kinder mit Down-Syndrom sind doch bewegungsfaul.“

Trainer „Chef“ Gülden weiß, dass der Elfjährige tatsächlich gern Pausen macht und nicht der Schnellste ist. Aber er hat dem Jungen vor vier Monaten eine Chance gegeben, und er behandelt ihn nun so wie die 16 anderen Kicker seiner F-Jugend auch. „Philipp passt zwar altersmäßig nicht in den Jahrgang“, sagt er mit Blick auf die Siebenjährigen, „aber für mich ist er ein ganz normales Kind“. Wenn die anderen laufen, muss Philipp auch laufen, und der Trainer hat keine Scheu, ihn anzutreiben. Gespielt wird dreimal pro Woche: zweimal anderthalb Stunden ist das Training, am Wochenende sind Spiele. Wenn niemand etwas dagegen hat, darf Philipp auch dabei mitmachen. „Ich weiß, er wird nicht das entscheidende Tor machen“, sagt die Mutter, „aber er ist stolz und glücklich.“ Gleich bei Philipps erstem Besuch auf dem Platz hat Gülden seine Mannschaft beiseite genommen und erklärt, was mit Philipp ist. Seitdem gehört der Junge auch für die Kinder dazu.

Gelernt hat Gülden den selbstverständlichen Umgang damit in der eigenen Jugend. „Meine Schwester ist geistig behindert, ich habe keine Berührungsängste bei dem Thema“, sagt Gülden, während Philipp kurz zum Spielfeldrand gelaufen kommt. Er macht eine Give-Me-Five-Geste mit dem Co-Trainer, spendiert hier und da eine Umarmung, dann ist er wieder auf den Sportplatz verschwunden.

 „Fußball ist mein Leben“, sagt der 27-Jährige und scherzt: „Da ist auch kein Platz für eine Frau.“ Mit sechs Jahren hat er selbst angefangen zu spielen, und seit 15 Jahren ist er ehrenamtlicher Trainer. Von einer eigenen Karriere hat er aber nie geträumt, dazu habe er „nicht die Statur“, sagt der Hobbyfußballer lachend, während die Jungs Slalom und Torschuss üben. Mutter Nicole sitzt mit Tochter Lucy (5) und anderen Eltern in Spielfeldnähe und schaut ihrem Jungen zu. „Er ist wesentlich offener geworden, hat eine gute Kondition bekommen, und wir sind hier toll aufgenommen worden.

Das ist schön“, sagt sie und freut sich, dass niemand ihr Kind als krank oder seltsam bezeichnet. „Er hat ein Defizit, aber es gibt keinen Grund, ihn zu verstecken.“ Die Kämpfe für ihn und seine Rechte sind für sie selbstverständlich geworden. „Den Mut dazu habe ich entwickelt, seit er auf der Welt ist.“

Zwei Tage war das Baby alt, als die Ärzte sie über seinen Zustand informierten. „Das war ein Schock“, erinnert sie sich. 22 Jahre war sie damals alt und wusste nicht, was sie an Problemen erwartet.

„Aber zum Glück gibt es auch so viel Positives. So wie das hier“, sagt sie und schaut zu, wie ihr Kind zu einem Schuss aufs Tor ansetzt.

Die Trisomie 21
Bei Menschen mit Down-Syndrom liegt das 21. Chromosom oder Teile dieses Erbgutabschnittes dreifach statt zweifach vor. Daher spricht man auch von Trisomie 21. Die Betroffenen weisen in der Regel typische äußerliche Merkmale auf und sind in ihren kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigt. Häufige gesundheitliche Probleme sind Herzfehler und die Anfälligkeit für Infekte und Schwerhörigkeit. Zuletzt machte unter anderen ein 37-jähriger Spanier Schlagzeilen, der als erster Europäer mit Down-Syndrom ein Hochschuldiplom in Psychologie und Pädagogik erhielt.

Cosima Künzel

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