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Lübeck Ein Vertrag für die Lübecker Bürger
Lokales Lübeck Ein Vertrag für die Lübecker Bürger
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21:10 18.08.2015
Archivleiter Dr. Jan Lokers mit dem „Bürgerrezeß“. Quelle: Stadtarchiv
Lübeck

Das Archiv der Hansestadt verwahrt als „Gedächtnis der Stadt“ viele für Lübeck höchst bedeutsame Rechts- und Verfassungsdokumente, die hier gesichert und erhalten werden. Zu diesen Zentraldokumenten gehört auch der sogenannte „Bürgerrezeß“ aus dem Jahr 1669. „Rezeß“ meint Urkunde oder Vertrag. Es handelt sich in der Tat um einen Vertrag zwischen den beiden wichtigsten Verfassungsorganen der Stadt: dem Rat und der Vertretung der Bürger. Der Text wurde auf teurem Pergament geschrieben — ein Zeichen für die große Bedeutung der Urkunde. Feierlich besiegelten die Parteien ihren Vertrag mit 16 Siegeln, geschützt durch einzelne Holzkapseln.

Zustandegekommen war das Vertragswerk nach erbitterten innerstädtischen Streitigkeiten. Kaiser Leopold I. (1640-1705), der Stadtherr von Lübeck, sah sich zum Einschreiten veranlasst und sandte zwei hochrangige „Subdelegierte“, also Schlichter nach Lübeck. Sie brachten die Parteien schließlich dazu, wenn auch „nicht ohne sonderbare Bemühung“, wie es im Rezeß heißt, sich vertraglich zu einigen.

Auslöser des Streits war ein immenser Schuldenberg gewesen, der sich während des Dreißigjährigen Krieges aufgetürmt hatte. Für die Erhaltung der Neutralität und für die Stadtbefestigung hatte der Rat in der Kriegszeit viel Geld ausgegeben. Der Kassensturz im Jahr 1665 ergab schließlich Schulden von rund 5,2 Millionen Lübische Mark für die neu eingerichtete Stadtkasse, das entspricht 105 Millionen Euro. Einer Erhöhung von Steuern und Abgaben, die der Rat forderte, um der Lage finanziell wieder Herr zu werden, wollten die Bürger aber nur zustimmen, wenn es dafür im Gegenzug eine Beteiligung am Stadtregiment gab.

Genau dazu wurde der Rat durch den von den kaiserlichen Delegierten ausgehandelten Bürgerrezeß gezwungen, wenn auch die Zugeständnisse einen insgesamt nur bescheidenen Umfang hatten. Der Rat blieb die tonangebende Macht in Lübeck, aber erstmals konnten sich die Lübecker Bürger — als solche galten weniger als zehn Prozent der 30 000 Einwohner der Stadt — auf fixierte Rechte berufen. Sie durften nun beispielsweise an der Verwaltung der Stadtkasse mitwirken. Auch war erstmalig genauestens geregelt, wie die Obrigkeit, der Rat, zu wählen war. Das Vertragswerk von 1669 hatte bis zur Revolution von 1848, fast 200 Jahre also, Bestand.





Archivschatz
des Monats

Dr. Jan Lokers, Archivdirektor

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