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Ein Winter ohne Streusalz

Lübeck Ein Winter ohne Streusalz

Die Winterdienst-Regel lautet: Bürger dürfen kein Streusalz benutzen, die Entsorgungsbetriebe (EBL) dürfen es auf Brücken, Steigungen und Fahrbahnen mit Busverkehr verwenden. Im Winter 1986/87 versuchte Lübeck es ohne auftauende Mittel. Einen Tag vor Weihnachten brach ein Chaos aus.

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Bürger griffen zu Schneeschiebern, um die Straßen von der weißen Pracht zu befreien. Der erste größere Schneefall des Winters 1986/1987 bescherte der Hansestadt ausgerechnet einen Tag vor Heiligabend ein Chaos mit Staus und zahlreichen Unfällen.

Quelle: Fotos: Ln-Archiv/lutz Roessler

Lübeck. „Salzverbot: Verkehr in Lübeck brach zusammen“, titelten die LN am 24. Dezember 1986 auf der ersten Seite. „Erster Schnee und kein Salz: Lübeck versank im Chaos“ lautete die Schlagzeile auf der Lokalseite. SPD und Grüne hatten in der Bürgerschaft ein absolutes Salzverbot durchgesetzt.

LN-Bild

Die Winterdienst-Regel lautet: Bürger dürfen kein Streusalz benutzen, die Entsorgungsbetriebe (EBL) dürfen es auf Brücken, Steigungen und Fahrbahnen mit Busverkehr verwenden. Im Winter 1986/87 versuchte Lübeck es ohne auftauende Mittel. Einen Tag vor Weihnachten brach ein Chaos aus.

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Am Tag vor Heiligabend 1986 setzte leichtes Schneetreiben ein, dann vereisten die Straßen. Weil das damals zuständige Dezernat für Stadtreinigung und Marktwesen statt Tausalz nur Kies streuen ließ, blieben Busse an Steigungen hängen, standen Autos und schließlich auch die Streuwagen der Stadt im Stau. Über 100 Unfälle und kilometerlange Staus waren die Folge. Passanten berichteten, dass man auf den vereisten Straßen Schlittschuh hätte laufen können.

Am Nachmittag des Chaos-Tages liefen die ersten Schuldzuweisungen von Politikern in der LN-Redaktion ein. Die CDU wetterte über einen „unverantwortlichen Anti-Salz-Beschluss“ von Sozialdemokraten und Grünen. Die SPD konterte, dass der zuständige Senator sich schon lange auf diesen Beschluss hätte einstellen können. Der Senator ordnete an, dass tags darauf wieder Streusalz eingesetzt wurde. Bis in den Januar wurde gestritten. Die CDU forderte in der Bürgerschaft die Aufhebung des Anti-Salz-Beschlusses und wehrte sich gegen Vorwürfe, ihr Senator habe aus politischen Gründen das Desaster vom 23.

Dezember in Kauf genommen. Ein weiterer Vorwurf lautete, dass der Senator den Beschluss nicht richtig interpretiert habe. In Ausnahmefällen hätte es durchaus die Möglichkeit gegeben, Salz einzusetzen.

„Der Winter 1986/87 war sehr lehrreich“, sagt Tino Martsch, seit 1990 bei den Entsorgungsbetrieben Lübeck (EBL) und seit vielen Jahren als Abteilungsleiter Straßenreinigung für den Winterdienst zuständig. Damals lebte Martsch in der Moislinger Allee und erlebte das Chaos als Bürger mit. Wenn der Schnee durch Salz nicht weggetaut werde, würden die Autos und Räumfahrzeuge ihn nur hin- und herschieben. Irgendwann würden sich dann tiefe Spurrillen bilden, erläutert Martsch. Das erlebte Lübeck im strengen Winter 2010 in Nebenstraßen, wo ebenfalls kein Salz eingesetzt wurde. Als die Rinnen zu tief wurden, mussten Straßenfräsen anrücken. Martsch: „Man muss nicht überall Salz streuen, aber um den Verkehr aufrechtzuerhalten, ist eine vernünftige Dosierung das beste Mittel.“

Heutzutage könnten Räumfahrzeuge gramm- und zielgenau dosieren. Martsch: „Heute streuen wir acht Gramm pro Quadratmeter, früher waren es 40 Gramm.“

Dass Tausalz die Umwelt belastet, wird nicht bestritten. Baumexperten der Hansestadt führen die Schäden an Straßenbäumen zu einem Großteil auf den Einsatz von Streusalz zurück. In den Handreichungen für ihre Bürger warnt die Stadt in nahezu jedem Winter: „Streusalz verursacht Schäden an Straßenbäumen und Sträuchern. Auch für Haustiere ist Streusalz schädlich – es verätzt die Pfoten der Tiere.

Korrosionsschäden an Fahrzeugen gehen häufig auf das Konto von Streusalz. Das Grundwasser und die Flüsse werden belastet. Eine Versalzung der Trinkwasservorräte kann die Folge sein. Darüber hinaus erschwert Streusalz die Klärung der Abwässer in der Kläranlage.“

Benutzt wird es von Bürgern trotzdem und immer wieder. Im vergangenen Winter diskutierten die Politiker über ein Verbot des Streusalz-Verkaufs durch den Einzelhandel. Angestoßen durch die Eigeninitiative eines Lübeckers, der die Verkaufsstellen darauf aufmerksam machte, dass das Mittel in der Hansestadt nicht von Privatleuten eingesetzt werden dürfe. Die Mehrheit der Politiker sprach sich aber gegen ein Verkaufsverbot aus, weil das gar nicht kontrollierbar sei. GAL-Politikerin Katja Mentz kritisiert, dass der Ausschuss für Umwelt, Sicherheit und Ordnung auch ablehnte, die Bürger per Postwurfsendung über ein Salzstreuverbot aufzuklären. Die GAL-Fraktion hat deshalb einen Flyer „Kein Salz auf die Gehwege!“ herausgegeben und verteilt. Auf der Internetseite www.gal-luebeck.de kann der Flyer heruntergeladen werden.

Sand und Splitt

Auf den Geh- und Radwegen öffentlicher Straßen dürfen Auftaumittel wie Salze nicht verwendet werden. Das besagt die aktuelle Winterdienst-Satzung. Die Entsorgungsbetriebe raten den Bürgern, sich ausreichende Vorräte mit handelsüblichem, abstumpfenden Streugut (körniger Sand, Splitt) anzulegen. Alternativ könnten die Bürger Fugensand, Fugensplitt, Blähton-Schüttgut und Spielsand aus dem Baumarkt einsetzen. Auch den Schneeschieber sollten sich Bürger nicht erst bei Winterbeginn besorgen. Schnee und Glätte müssen bis 8 Uhr morgens beseitigt werden. Die Räumpflicht besteht auch tagsüber und endet um 20 Uhr.

Kai Dordowsky

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