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Lübeck Ein erster Blick in die Spurenbücher
Lokales Lübeck Ein erster Blick in die Spurenbücher
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22:35 11.07.2018
Mareike Otte (l.) und Doris Schütz von der LTM präsentieren zwei der fünf Spurenbücher vor den Salzspeichern an der Untertrave. Quelle: Foto: Felix König/54°
Lübeck

Viele Kindheitserinnerungen sind darin. Eine Frau erinnert sich, wie sie bei einer Ferienpassaktion zum ersten Mal eine Honigtrommel bediente, wie sie als Mädchen über die Gewölbe der Innenstadtkirchen turnte, und schreibt von sich: „Ich besitze ein kleines Marzipanherz, so wie du, liebes Lübeck.“ Eine andere Frau berichtet, wie ihre Großeltern nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Stadt voll mit Flüchtlingen war, den Neuankömmlingen halfen: „Miteinander geteilt wurden auch die spärlichen Lebensmittelrationen.“ Sie hat Kopien von Dankesschreiben in das Album geklebt: „Gern denken wir an Lübeck, die Stadt der alten Giebel, die mit unserer Heimatstadt Danzig, aus der wir fliehen mussten, so viel Ähnlichkeit hat.“

„Lübeck ist die schönste Stadt auf Erden“, schreibt ein elfjähriges Mädchen und nennt als einen ihrer Lieblingsorte die Stadtbibliothek: „Umgeben von spannenden Exemplaren genieße ich dann die Stille.“ Eine 18-Jährige, die im Begriff ist, nach Baden-Württemberg zu ziehen, schreibt am Ende einer langen, mit Buntstiftzeichnungen illustrierten Ode an Lübeck: „Mein ganzes Leben lang bleibst du für immer hier als Hafen und Heimat.“

Vier der fünf Spurenbücher hat die LTM aus der Hand gegeben. Wer eines hat, schreibt hinein und gibt es weiter. Höchstens fünf Tage sollten die Autoren es behalten – so war es ursprünglich geplant.

Aber die Zeiträume seien jetzt doch länger geworden, sagt Doris Schütz von der LTM. „Einzige Bedingung ist, dass wir wissen, wo es ist.“ Nur wenn ein Autor niemanden als Nachfolger findet, gibt er das Buch der LTM zurück, die es dann wieder auf die Reise schickt. Das fünfte Buch bleibt bei der LTM und wird jedem gegeben, der sich meldet, um selbst etwas hineinzuschreiben. Das tun die Lübecker auf sehr unterschiedliche Weise: Manche schreiben kleine Aufsätze über Lübecks Geschichte, andere berichten über ihre persönlichen Erlebnisse und Eindrücke. Alle geben sich Mühe bei der optischen Gestaltung ihrer Einträge – mit Schönschrift, Fotos, Zeichnungen.

Das Projekt ist nicht ohne Risiko: Die LTM hat keinen Einfluss darauf, wer in die Bücher hineinschreibt – und was. „Es besteht schon Meinungsfreiheit“, sagt Schütz. Bisher zumindest aber ist dabei nichts aus Sicht der Initiatoren Unangenehmes herausgekommen. „Es schwingt manchmal ein bisschen Kritik mit, aber der Grundtenor ist immer positiv“, so Schütz.

Die Bücher sind schwer, unhandlich, mit dickem Filz auf dem Buchdeckel und Seiten aus hochwertigem, dickem Karton. Sie sind das Gegenteil von allem, was schnell ist, flüchtig und digital. Wer in dieses Buch etwas hineinschreibt, der kann es nicht mehr löschen. „Wie eine Chronik, in die früher der Stadtschreiber geschrieben hat. Das ist nichts zum In-die-Tasche-Stecken“, sagt Doris Schütz.

„So eine digitale Geschichte – das wäre nächstes Jahr vergessen.“ Das, verspricht sie, werde mit den Spurenbüchern nicht passieren: „Sie sollen auf jeden Fall erhalten bleiben, und sie werden nicht in der Schublade verstauben.“

Von Hanno Kabel und Iveta Nedyalkova

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