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Lübeck Ein freier Geist hat Abschied genommen
Lokales Lübeck Ein freier Geist hat Abschied genommen
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21:21 02.05.2016

Von Berufs wegen war er ein engagierter Jurist, langjähriger Direktor des Amtsgerichts in Bad Segeberg, wo er sich schwerpunktmäßig mit Familien- und Zivilsachen beschäftigte. Seine freie Zeit jedoch widmete er der Kultur, deren Spektrum für ihn, den humanistisch Gebildeten, bis hin zur Philosophie reichte. Der in Lübeck lebende und diese Stadt liebende Kulturmensch Hermann Boie, der im Alter von 81 Jahren vor wenigen Tagen verstarb, war überaus belesen und äußerst kenntnisreich auch im Bereich der bildenden Kunst.

Seine ganz große Leidenschaft galt aber der Musik — und da wiederum jener musikalischen Epoche, die in die Kaiserzeit (1871- 1918) fällt. Zu den herausragenden Repräsentanten dieses halben Jahrhunderts zählen die Brüder Philipp und Xaver Scharwenka, auf deren Leben und Werk das Interesse Boies besonders gerichtet war. Das mag damit zusammenhängen, dass seine erste Frau eine direkte Nachfahrin Philipp Scharwenkas ist, es ist aber auch begründet in der Tatsache, dass das Schaffen der komponierenden Brüder ihn faszinierte.

Jedenfalls gründete Boie 1988 zusammen mit seiner zweiten Ehefrau, der Pianistin Evelinde Trenkner, die Scharwenka- Gesellschaft, die seitdem die musikalische Hinterlassenschaft der beiden Brüder hegt und pflegt. Schon zwei Jahre später riefen die Professorin an der Lübecker Musikhochschule und ihr Mann das Internationale Kammermusikfest in der Hansestadt ins Leben, eine Veranstaltung, die sich im schwierigen Umfeld kaum noch zu zählender Festivals, einen weithin bekannten Namen gemacht hat.

Garant des Erfolgs war die produktive Zusammenarbeit zwischen der ausübenden Künstlerin und dem begeisterten, jedoch auch pragmatisch denkenden Musikliebhaber. Boie war so etwas wie der Impresario seiner Frau, er begleitete organisatorisch deren Konzertauftritte und Platteneinspielungen und war an der Planung und Durchführung des Kammermusikfestes wesentlich beteiligt. Er verfügte aufgrund dieser Tätigkeiten über ein weites Netzwerk von Kontakten zu nationalen und internationalen Musikern, mit denen er zum Teil freundschaftlich verbunden war; beste Voraussetzung für das hohe künstlerische Niveau der jährlich am Himmelfahrtswochenende stattfindenden Kammermusikfeste.

Boies Horizont endete aber nicht an den Grenzen der Musik. Er war ein passionierter Leser, so unterschiedliche Autoren wie Arno Schmidt, Franz Kafka oder Ernst Jünger waren seine Favoriten.

Nietzsches rigorose Philosophie interessierte ihn ebenso wie Helmuts Schmidts sozialliberale Politik. Ideologisch vereinnahmen ließ er sich nie, er blieb immer der freie Geist, der auf seine Unabhängigkeit pochte. Boie war ein geselliger Mensch, im Gespräch geistreich, witzig, humorvoll. Was er gar nicht mochte, war das Blabla des gesellschaftlichen Smalltalks. Damit konfrontiert, reagierte er oft mit einer scharfzüngigen Bemerkung, die er punktgenau zu setzen wusste.

Studiert hatte er in Hamburg, nach Zwischenstationen in Itzehoe und Lübeck war er im Bundesjustizministerium in Bonn tätig, bis er 1972 ans Amtsgericht in Bad Segeberg kam, wo er 1979 zum Direktor ernannt wurde. Am vergangenen Donnerstag ist Hermann Boie gestorben — genau eine Woche vor dem Beginn „seines“ Kammermusikfestes, als dessen Moderator er mit locker vorgetragenen, aber informativen Ausführungen im Plauderton viele Jahre lang Akzente setzte — vom Publikum überaus geschätzt.

Von Hermann Hofer

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