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Lübeck Ein trauriger Abschied vom „Twiehaus“
Lokales Lübeck Ein trauriger Abschied vom „Twiehaus“
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08:46 12.06.2013
Emotionaler Moment: Michael Lechner versucht, mit seiner Kamera die letzten Eindrücke von seinem Elternhaus festzuhalten. Quelle: Fotos: Neelsen, Maxwitat
Lübeck

Es ist 8.30 Uhr, als der Bagger anrollt. Dann beginnt der Abriss des „Twiehauses“ in Israelsdorf. Kein normaler Abriss. Denn es krachen nicht nur Balken, Fensterrahmen und Scheiben zu Boden. Es sind Erinnerungen an früher, die mit jedem weiteren Baggerstoß fallen. An Feste, Geburtstage, Hochzeiten, Taufen. An selbstgemachte Windbeutel und Torten. An die Familien Twiehaus und Lechner, die die Gaststätte seit 1921 betrieben. „Es ist mein Elternhaus. Ich bin da großgeworden“, sagt Michael Lechner. Seine Stimme stockt. Der Kloß im Hals will nicht verschwinden.

An diesem Tag wollte der 52-Jährige eigentlich nicht dabei sein. Zu groß sei der Schmerz mitanzusehen, wie das Haus langsam abgetragen wird. Tränen sammeln sich in seinen Augen. Das Stofftaschentuch kramt er in diesem Moment nicht zum ersten Mal hervor. Schnell drückt Michael Lechner auf den Auslöser seiner Kamera. Die letzten Fotos dokumentieren das Ende einer (Familien-)Tradition.

Zuletzt wurde das Restaurant von Lechners Bruder Markus und dessen Frau Martina betrieben. Sie hätten jetzt aber auch 600 000 Euro in das Gebäude investieren müssen. Eine Summe, die nicht aufzubringen war. Nun hat es die Firma Breckwoldt Bauconsulting aus Berlin/Seedorf im Kreis Segeberg gekauft. Sie plant, ab Herbst auf dem Grundstück Reihenhäuser in einem ersten Abschnitt zu bauen. 

In einem zweiten sollen weitere Wohnungen oder Reihenhäuser entstehen. „Entgegen Gerüchten bleibt die Baumallee hinter dem ,Twiehaus‘ stehen“, sagt Juniorchef Tim Breckwoldt. Auch das „Waldhotel Twiehaus“, das Michael Lechner mit seiner Frau Manuela nebenan in der Waldstraße betreibt, bleibt.

Wie ein überdimensional großes Maul öffnet sich die Baggerschaufel und nähert sich der Außenwand der Terrasse. Greift den Fensterrahmen. Es knackt. „Ah“, ruft Michaela Lechner — und hält sich die Ohren zu. „Ich kann es nicht hören“, sagt die 39-Jährige. Ihr kullern Tränen über die Wangen. Sie sitzt auf der steinernen Hoteltreppe, beobachtet die Arbeiten an dem Gebäude, in dem für sie ein neuer Lebensabschnitt begann. „Dort habe ich meinen Mann kennengelernt“, sagt sie. Auf eine Anzeige hin habe sie sich als Köchin im „Twiehaus“ beworben. Das war 1997. Drei Jahre später heiratete sie Michael Lechner — gefeiert wurde natürlich zu Hause — im „Twiehaus“.

Ihr schönster Moment? „Als wir meinem Schwiegervater sagten, dass er Großvater wird“, sagt sie. Die Tränen sind noch nass, aber sie lächelt. Ihr Mann habe hinter dem Tresen gestanden, sein Vater Hermann Lechner am Stammtisch gesessen. „Euch kann man aber auch nicht alleine lassen“, habe Senior Lechner gesagt. Die Taufe wurde schon bald am selben Ort gefeiert. Mittlerweile haben sie zwei Töchter, Marie (11) und Marlene (14). Sie bekommen von den ersten Abrissarbeiten nichts mit — sie sind in der Schule. „Aber sie merken, dass es mich und meinen Mann ganz schön beschäftigt“, sagt Michaela.

Auch wenn die Szenerie selbst bei Außenstehenden — Nachbarn bleiben stehen, schauen zu — Wermutstropfen hervorruft, versucht Familie Lechner, positiv in die Zukunft zu schauen. Es gehe weiter. „Wo sich eine Tür schließt, geht eine andere auf“, sagt Michaela Lechner tapfer. Zusammen mit ihrem Mann will sie an das Hotel ein neues kleines Restaurant anbauen. „Wann genau, das wissen wir noch nicht“, so Michael Lechner. Aber eines steht fest: Es soll deutsche Küche geben, unter anderem auch Currywurst, in uriger Atmosphäre.

Es ist 10.40 Uhr, als die Baggerschaufel oben links an den Giebel greift. „Oh nein, nicht mein Kinderzimmer“, ruft Michael Lechner. Am Tag zuvor ist er noch einmal im Obergeschoss gewesen, dort wo er mit seinen beiden Brüdern Markus und Matthias aufwuchs. „Ich habe das Zimmer ein letztes Mal Freunden gezeigt.“ Es war kein leichter Abschied, aber einer für immer.

Geschichte der Gaststätte

1742 wird das Haus erstmals urkundlich erwähnt. Bevor das „Twiehaus“ von Hermann Twiehaus 1921 geleitet wird, heißt es Café Haus Wendt.

1995 führt Michael Lechner die Gaststätte von Vater Hermann Lechner weiter, der sie 1966 von seinen Eltern Franz und Gretchen (geborene Twiehaus) übernommen hatte. 1999 bis 2009: Verpachtung an Hans-Gerhard Lorenzen.
2010 betreibt Markus Lechner das „Twiehaus“.

Von Nina Holley

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