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Lübeck Eine Flucht vor 71 Jahren
Lokales Lübeck Eine Flucht vor 71 Jahren
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01:06 05.03.2016
Gerd Vollbrecht mit Tochter Christine Starke in seinem Wohnzimmer in Travemünde. Das Schiffsmodell hat er sich anfertigen lassen — mit einem ähnlichen Kutter floh er 1945 aus Pommern. Quelle: Fotos: Neelsen, Maxwitat, Privat

An den Morgen, an dem er seine Heimatstadt verlassen musste, kann sich Gerd Vollbrecht noch gut erinnern. „Das war am 8. März“, sagt der 85-Jährige. „Um 9 Uhr morgens lief ein Mann mit einem Megafon durch die Straßen, er schrie, wir sollen die Häuser räumen.“ Es ist das Jahr 1945, nur wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Gerd Vollbrecht ist damals erst 13 Jahre alt. Seine Familie lebt in Stolpmünde, dem heutigen Ustka in Polen. Die sowjetische Armee steht vor der Hafenstadt an der Ostsee, die damals noch zum Deutschen Reich gehört.

An den Morgen, an dem er seine Heimatstadt verlassen musste, kann sich Gerd Vollbrecht noch gut erinnern. „Das war am 8. März“, sagt der 85-Jährige.

Schon Tage zuvor sind viele Einwohner gen Westen geflohen. Jetzt treten auch Gerd Vollbrecht und seine Familie die Reise ins Unbekannte an. Mit dem Fischkutter eines Verwandten fahren sie die Ostseeküste entlang bis nach Fehmarn.

Zwei Monate sind sie unterwegs, die Reiseroute ist jetzt auf einer großen Wandcollage im Travemünder Seebadmuseum verzeichnet. Die Karte gehört zum neuen Themenbereich des Museums, der sich mit deutschen Flüchtlingen um 1945 beschäftigt. Gerd Vollbrecht hat für die Gestaltung der Collage auch eigene historische Familienaufnahmen beigesteuert; und der Sammlung auch die alte Transportkarre geschenkt, mit der die Familie damals ihre Habseligkeiten auf das Schiff beförderte. „Wir hatten nur das Nötigste dabei: ein paar Decken, etwas Kleidung, ein Sparbuch“, sagt Gerd Vollbrecht.

Er spricht ruhig, während er die Eindrücke seiner Flucht schildert. Manchmal hält er inne und versucht sich an Details zu erinnern. „Das ist alles schon 71 Jahre her, ich war noch sehr jung.“

Dann erzählt er weiter. Von seiner Großmutter, die aus Kummer, die geliebte Heimat zu verlassen, zunächst nicht mit den anderen in die kleine Kajüte des 14 Meter langen Schiffes wollte. Und von dem Sturm, der am 8. März meterhohe Wellen gegen die Kaimauern von Stolpmünde schlug. „Es lagen etliche Kutter mit Flüchtlingen im Hafen“, sagt er, „keiner wollte bei dem Unwetter ausfahren.“ Doch dann drohte die deutsche Verwaltung über Lautsprecher damit, die Schiffe zu sprengen, sollten sie nicht auslaufen. „Plötzlich sind alle losgefahren“, sagt er. Bis nach Sassnitz auf Rügen seien sie an jenem Tag gekommen. „Wir hatten viel Glück, schließlich waren auf der Ostsee auch russische U-Boote unterwegs.“

Mehrere Hafenorte an der Ostseeküste steuerte die Familie in den kommenden Wochen an. Überall bot sich ein ähnliches Bild: „In den Häfen lagen Hunderte Boote mit Flüchtlingen aus Ostpreußen, Lebensmittel konnte man nicht kaufen, es gab nur Essensmarken.“ Um den Hunger etwas zu stillen, aß die Familie damals auch mit Zucker bestreutes, gebratenes Brot. „Ich war damals ganz schön dünn“, sagt Gerd Vollbrecht und muss dabei ein wenig lächeln.

Schließlich erreicht die Familie Anfang Mai 1945 Fehmarn. Hier kommen Gerd Vollbrecht und seine Verwandten in einem Flüchtlingslager unter. Und hier erlebt der damals 13-Jährige auch das Ende des Krieges. Die Familie siedelt später nach Travemünde über. Hier findet Gerd Vollbrecht seine neue Heimat, heiratet und gründet eine Familie. Wie auch schon sein Großvater und Vater vor ihm, arbeitet er bis zu seinem Ruhestand vor wenigen Jahren als Fischer.

Seine Flucht ist viele Jahre her, dennoch erinnern ihn die vielen Flüchtlinge, die heute in Deutschland Schutz suchen, auch an seine eigene Vergangenheit: „Wenn ich Familien sehe, die mit ihren Kindern aufbrechen und dabei ihr Leben riskieren — das berührt mich schon.“

Schwieriger Neuanfang

12 Millionen, manchen Schätzungen nach sogar 14 Millionen Menschen fliehen zwischen 1944 und 1950 aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches vor der heranrückenden sowjetischen Armee oder werden vertrieben. Sie müssen im Westen, in dem von den Alliierten besetzten Deutschland, einen neuen Platz zum Leben suchen.

Ein kleiner Bollerwagen oder ein Holzkoffer mit wenigen Habseligkeiten sind meist der einzige Besitz, den die Flüchtlinge und Vertriebenen mit sich nehmen können. Ihre Flucht dauert oft Wochen und Monate, begleitet von Hunger, Kälte und Krankheiten.

Wie viele Menschen während ihrer Flucht sterben, ist bis heute unklar. Geschätzte Zahlen schwanken zwischen 400000 und bis zu zwei Millionen Opfern.

Von Katrin Diederichs

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